China Ai Weiwei, der gelassene Rebell

Eine Begegnung mit Ai Weiwei, der wie kein anderer chinesischer Künstler gegen das Unrecht in seinem Land kämpft – auch in seiner ersten großen Ausstellung, die nun in München beginnt.

Der chinesische Künstler Ai Weiwei in seinem Haus im Künstlerviertel in der Vorstadt Pekings auf einer Bank

Der chinesische Künstler Ai Weiwei in seinem Haus im Künstlerviertel in der Vorstadt Pekings auf einer Bank

Was wäre das, größenwahnsinnige Bescheidenheit? Gibt es so etwas: gelassene Rebellion? Eine Ruhe, die ganz Tat ist? Zumindest gibt es Ai Weiwei. Einen Künstler, der es aufnimmt mit den mächtigsten Feinden, mit den Diktatoren in Peking. Der lauthals Demokratie verlangt, Meinungsfreiheit, gleiche Rechte für alle! Der sich nicht mundtot machen lässt, auch nicht, wenn sie ihn einsperren, ihn schlagen, so wie neulich, als Polizisten mitten in der Nacht die Tür seines Hotelzimmers aufbrechen und ihn niederprügeln. Ein Schlag trifft ihn am Kopf, er blutet – und wehrt sich doch weiter, auf seine Weise. Ai Weiwei zückt die Kamera, als die Polizisten ihn abführen, er fotografiert sie und sich, als wären sie gemeinsam auf einem Ausflug. Alle Welt soll dieses Bild sehen: den Schrecken und seine Antwort darauf, Unerschrockenheit.

Und dann sitzt er vor mir, ein Mensch von Volumen und Stolz, doch ganz in sich selbst verzogen. Seine Stimme nur ein Flüstern, der Blick flattert. »Zu Schulzeiten war ich so schüchtern«, wird er später erzählen, »dass ich immer rot wurde, wenn mich jemand auch nur anschaute.« Er, auf dem heute so viele Augen ruhen, dessen Stimme wie keine andere gehört wird, er, der wohl wichtigste, der bekannteste Kämpfer gegen das Unrecht im Riesenreich China.

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»Ich bin ein gewöhnlicher Mensch, ganz gewöhnlich«, sagt er und rubbelt sich jäh mit beiden Händen übers Gesicht, als wollte er einen Juckreiz loswerden. »Ich habe nichts dazu beigetragen«, sagt er. »Die anderen waren es, die Interviews. Ich bin wohl der am meisten interviewte Mensch in China.« Nun lächelt er das erste Mal, zuckt vorsichtig mit den Schultern, ein Zucken der Verwunderung – wie seltsam, warum geschieht das gerade mir?

Dieser Tage wohnt der meistinterviewte Chinese im Keller, in den Katakomben eines Nazipalasts in München. Dort, im Haus der Kunst, 1933 bis 1937 erbaut, hat er sich für einige Wochen eingenistet, kampiert mit seiner 20-köpfigen Mannschaft auf Klappbetten, zusammengepfercht in vier Zimmern, um seine weltweit erste große Ausstellung vorzubereiten, die am 12. Oktober beginnt. Er hat hier unten alles, was er braucht, Sessel, Fernseher, Computer, seine Vertrauten, einen Koch. Nonchalant hat er den Trutzbau in eine heitere Wohngemeinschaft verwandelt. Gelegentlich rieche es nun selbst oben in den Museumshallen verführerisch nach chinesischem Essen, erzählt eine Wärterin.

»Ich bin ja kein großer Freund von Museen, da hat man oft das Gefühl, die Leichen irgendeines längst vergangenen Kriegs werden ausgestellt. Hier wollen wir etwas anderes. Das Haus der Kunst soll ein Schlachtfeld sein.«

Ein Schlachtfeld – da blitzt es kurz in seinen Augen. Eben noch die Ruhe selbst, durchzuckt ihn der Zorn und es entfährt ihm beißender Spott. Er ist eine Art Sumoringer der modernen Kunst, ein stämmiger Kerl mit Kugelbauch auf kurzen Beinen, der seine träge Masse blitzschnell in Kraft verwandelt. Dann schimpft er Architekten »Klugscheißer«, die chinesische Regierung »Mafia« oder stiftet seine Helfer zu einem Video an, in dem sie der Reihe nach »Fuck my motherland« in die Kamera sagen – Ai Weiweis Kommentar zu Chinas Nationalfeiergetöse.

Stimmt das? Ist er ein solcher Ringer? Da lacht Ai Weiwei und schüttelt den Kopf. »Ich bin eher ein Stück Holz, das im Fluss dahinschwimmt und von dem man nicht weiß, wo es antreibt. Ich habe keine Pläne, kein Ziel.«

Er hat sein Filmstudium in Peking abgebrochen. Sein Kunststudium in New York abgebrochen. Und seine Karriere als Architekt, die erklärt er auch für beendet. Stets lässt er die Dinge auf sich zukommen, und nie hat er sie festgehalten. Lebte vom Putzen, vom Tischlern, vom Babysitten, vom Gärtnern, zwei Jahre lang auch vom Blackjackspielen. Mit Mitte 20 war er nach New York gegangen, hatte seiner Mutter fest versprochen, als großer Künstler heimzukommen, als Picasso. Doch obwohl er sich herumtrieb in der Künstlerszene, auf Andy Warhol stieß, auf Jasper Johns, und sich sehr für Marcel Duchamp und seine Readymades begeisterte – ein Weg in der Kunst wollte sich nicht auftun. »Es interessierte sich keiner für das, was ich machte. Und das ist oft heute noch so, auch wenn das niemand glauben will. Hier in München, das ist meine dritte Ausstellung überhaupt.«

Erst die Architektur machte ihn bekannt – und auch das war Zufall. Er kam aus New York zurück, wohnte bei seiner Mutter, die unglücklich darüber war, dass er noch immer keinen Erfolg, keine Frau, kein Kind vorweisen konnte. Da stieß er am Rande Pekings auf ein Gemüsefeld, das gefiel ihm. Er fragte den Bauern, ob er dort ein Atelierhaus bauen dürfe. Ein Haus, sehr schlicht, sehr streng, in alter Ziegeltechnik. Als es stand, gefiel es vielen seiner Freunde, so gut, dass sie auch ein solches Haus wollten – und bald schon eine Siedlung entstand. »Plötzlich sagten sie mir, ich sei Architekt. Das hatte ich nicht gewusst.«

Wenig später war er sogar Architekt des wichtigsten Bauprojekts der Volksrepublik, des Olympiastadions. Jacques Herzog und Pierre de Meuron aus Basel suchten nach jemandem, der ihnen beratend bei ihrem Entwurf zur Seite stehen würde. Gemeinsam entwickelten sie die eigentümliche Struktur des Stadions, ein chaotisches Strebengewirr, das sich dennoch zu einer weichen, klaren Ordnung fügt. Ai war begeistert – und kurz darauf entsetzt.

»Ich finde ja, dass Naivität sehr wichtig ist«, sagt er und lächelt wieder. »Wenn man nicht ein wenig naiv ist, wird man nie etwas beginnen. Aber beim Stadion war ich zu naiv.« Er wollte nicht wahrhaben, dass die kommunistische Partei den Bau zur Propagandabühne machen würde. Als er es aber begriff, scheute er nicht die klaren Worte und sagte jedem Mikrofon, das sich ihm darbot, dass sich hier ein Unrechtsstaat selber glorifiziere. So begann ausgerechnet mit seinem bestgehassten Projekt – er hat es nie besucht! – seine Weltkarriere als Aktivist und Medienkünstler.

Spätestens seit den Olympischen Spielen klingeln die Korrespondenten regelmäßig bei ihm an, wenn es um Tibet geht, um den Massenmörder Mao, um die Todesstrafe, um all jene Reizthemen, die sonst kein anderer Intellektueller in China so ungeschützt diskutieren mag wie Ai. Natürlich spürt er den Druck, die Parteibonzen bespitzeln ihn, sperren viele seiner Internetbeiträge. Doch je mehr sie ihn bedrängen, desto stärker wird er. »Ich bin ja kein politischer Künstler, das wirkt nur so«, sagt er. »Ich bin nur jemand, der auf seine Bürgerrechte nicht verzichten will.« Während andere Sicherheit suchen im geschützten Raum des Privaten, gewinnt Ai seine Sicherheit, indem er alles Private veröffentlicht, auf allen Kanälen. Er führt ein Internettagebuch, betreibt über Twitter eine Art Privatsender mit Bildern und kleinen Texten, er zeigt sich halb nackt oder mit seinen Katzen, zeigt auch seine Kopfwunde, zeigt sich im Münchner Krankenhaus, in das er eingeliefert werden musste, weil sich in seinem Schädel durch die Polizistenschläge ein lebensgefährdender Bluterguss gebildet hatte. Ai gibt die klassischen Grenzen des Persönlichen auf, um eine andere Grenze zu wahren: die, die ihn vom Gefängnis trennt.

Ihr seht mich, und solange ihr mich seht, so lange werdet ihr nicht gesehen – das ist seine Logik. Wenn ich aber nicht mehr zu sehen bin, wenn ihr mich vom Schirm nehmt, dann wird man euch sehen, dann richtet sich der Blick der Welt auf euch, alle werden wissen, mir ist etwas passiert. Die Bilder schützen ihn. Man könnte auch sagen, Ai entdeckt die bannende Kraft der Bilder, so wie im Mittelalter, als man ihnen geradezu magische Kräfte beimaß und an ihre Lebendigkeit glaubte.

»Wir haben jetzt in China so etwas wie die erste Bürgerrechtsbewegung«, sagt er und öffnet die verschränkten Arme, beginnt zu gestikulieren, erzählt von Sichuan, wo im Mai vorigen Jahres über 80.000 Menschen bei einem Erdbeben umkamen, allein in den Schulen starben fast 6000 Kinder. »Und warum? Weil die Schulen so schlecht gebaut waren, weil es Korruption gibt und man an den Konstruktionen spart. Die Regierung hätte das prüfen müssen, sie muss die Hintermänner bestrafen. Doch was tut sie? Sie tut nichts.« Sie wollte nicht einmal sagen, wie viele Kinder gestorben waren, wollte ihre Namen verschweigen. Die trauernden Eltern wurden bedroht, die Partei würde ihnen das Gehalt kürzen, hieß es, sie dürften nicht in die neuen Wohnanlagen einziehen, wenn sie mit der Presse redeten, gar mit Ai Weiwei. Doch der veröffentlichte per Internet einen Aufruf, und viele Hundert Helfer aus ganz China meldeten sich, erklärten sich bereit, nach Sichuan zu reisen und nach den Namen zu forschen, nach den Schuldigen zu fragen. Viele wurden bedroht, viele verhaftet, doch die Liste gibt es nun, 5826 Kinder stehen darauf. »Die Schwachen, die Zerbrochenen, zählen nicht in unserer Gesellschaft«, sagt Ai. »Nur die Erfolgreichen zählen. Soll das so bleiben?«

Viel wird in China nun geredet über diesen Mann, der sich das Fragen und Forschen nicht verbieten lässt. Und so mancher wundert sich, dass Ai nicht längst eingesperrt wurde wie so viele andere Widerständler. »Es hat wohl mit meinem Vater zu tun«, räumt er ein. »Sie können mit mir wohl nicht das machen, was sie mit ihm gemacht haben.« Sein Vater Ai Qing hatte in Paris Malerei studiert, war bald schon zu einem der wichtigsten Lyriker seiner Zeit aufgestiegen, begleitete Mao auf seinem Langen Marsch. Doch just in dem Jahr, als sein Sohn Weiwei geboren wurde, 1957, beschloss die Partei, Hunderttausende Intellektuelle zu vertreiben. Die Ais verschlug es an den Rand der Wüste Gobi, in ein Lager, in dem der Dichter mit seiner Familie über Jahre in einem Erdloch hauste, gegen Sandstürme und Kälte nur von einem Dach aus Zweigen geschützt. Er durfte nicht lesen, nicht schreiben, im Dorf musste er die öffentlichen Klos putzen. »Die Kinder warfen mit Steinen nach ihm, die Erwachsenen spritzten ihm Tinte ins Gesicht, wir Kinder gingen betteln. Wir waren die Ausgestoßenen.«

Am schlimmsten aber war die Rückkehr: 1978 wurde Qing rehabilitiert, doch mehr als einen dürren Satz, ein so sorry, es sei wohl ein Fehler gewesen, Millionen zu vertreiben, brachten die Kader nicht über die Lippen. »Für sie war es ein Satz, für mich waren es zwanzig Jahre, hat mein Vater oft gesagt.«

Und für den Sohn? Eine Kindheit in der Vertreibung, ohne Halt, der Vater vor aller Augen gedemütigt – wie kann einer damit leben?

Ai schweigt. Und spricht dann leise von den vielen schwarzen Jahren, von Depression, von Trauma. Und davon, wie die Kunst ihn wohl gerettet habe. »Sie kann viel verändern. Sie war für mich ein Schlupfwinkel, eine Möglichkeit, mit dem, was ich gesehen habe, zu leben.«

In diesen Erfahrungen gründet seine Kunst bis heute, sein Aufbegehren gegen staatliche Unterdrückung und genauso gründen darin seine Skulpturen und Installationen. Bei allem Ringen um Gerechtigkeit kennt Ai immer auch das Verletzen und Zertrümmern. Das Richtige und Unrichtige, das Aktive und Kontemplative gehen in seiner Kunst eine sehr ungewöhnliche Balance ein. An der Fassade des Münchner Kunstbaus hat er aus vielen Tausend Rucksäcken einen chinesischen Satz bilden lassen, er stammt von einer Mutter aus Sichuan, die ihre Tochter verlor: »Sieben Jahre lebte sie glücklich auf dieser Welt«, steht da in großen Lettern.

Wer dann aber das Museum betritt, für den kippt das, was eben noch rührselig, fast kitschig schien, ins Aggressive. Wir sehen Ai auf einem Foto, wie er eine Urne aus der Han-Dynastie – »natürlich eine echte!« – fallen lässt. Wir sehen neolithische Vasen, 6000 Jahre alt, mit Industriefarben bekleckert. Sehen antike Stühle, Tische, Tempelpfosten aufgeschlitzt und zu neuen Skulpturen verbaut. Ist das ein und derselbe Ai?

»Ich liebe Antiquitäten, ich sammle, ich horte sie, bei uns steht das halbe Lager voll mit Türen und Stühlen und allem Möglichen. Aber wissen Sie, ich sammle sie nicht, um sie zu sammeln.« Wie kaum ein anderer Künstler begeistert sich Ai für Chinas Erbe, er ist ein Konservativer, ein Wertebewahrer, im Politischen wie im Kulturellen. Doch das Bewahren abkoppeln vom Zerstören, die Erinnerung vom Verlust? »Ich kann noch heute ganze Reden von Mao auswendig, als Kind musste ich sie lernen. Mao sagt, wir müssen die alte Welt zerstören, um eine neue aufzubauen. Manchmal scheint es mir, als lebten wir heute noch danach.« Die chinesische Gesellschaft in ihrem Fortschrittsrausch walzt nieder, was war. Kennt ihre Werte nicht, will nichts wissen vom Krieg, der Schuld. Ai lässt sie das schmerzhaft spüren, zeigt in seiner Kunst, wie Zerstörung aussieht.

Doch sowenig er sammelt, um zu sammeln, so wenig zerstört er, um zu zerstören. Das ist das Wunder dieses Menschen: Er kommt aus der Angst und wendet sie in Mut. Er lebt vor, wie aus Trauma Kraft wird. »Kunst ist immer ein Anfang«, sagt er.

Ein Anfang, der bei ihm mit der Erinnerung an die Zerbrechlichkeit beginnt. »Vermutlich bin ich eine Art Sandwich, eine Schicht Politik, eine Schicht Poesie, dazwischen viel Senf, süßer und scharfer.« Jetzt reibt er sich noch einmal übers Gesicht, diesmal ganz entspannt. »Für mich gehört beides zusammen, auch wenn es mir mit den Skulpturen eher um Meditation geht, um physische Präsenz, ums Spüren.«

Vor allem in der Haupthalle im Haus der Kunst lädt er dazu ein. Dort hat er lauter Wurzeln und Äste aufstellen lassen, irrwitzig verdreht, knorrig wuchernd, faszinierend schon deshalb, weil sie ihre Einzigartigkeit, ihre skurrile Lebendigkeit erst im Tode voll offenbaren, abgestorben, von Erde und Rinde befreit. An den Wänden hängen wie eine Kontrastfolie lauter Schwarz-Weiß-Fotos von Menschen, chinesischen Menschen, die vor der Kamera posieren, mal stolz, mal eingeschüchtert, denen aber allen gemeinsam ist, dass sie gerade ihr Visum beantragt haben für eine Reise nach Kassel. Dorthin hatte sie Ai Weiwei vor zwei Jahren eingeladen, 1001 Chinesen sollten zur Documenta kommen, sollten erfahren, was es heißt, ein Stück Holz zu sein, das an einem fremden Ufer landet.

Die entwurzelten Wurzeln hier, die Menschen im Aufbruch dort, alle ähnlich, alle ganz anders. Und dazu ein Teppich, auf dem die Holzobjekte stehen, kaum wahrnehmbar, weil er kunstvoll die Farbe und die Muster der Steinplatten des Museumssaals imitiert – ein gewebtes Trompe-l’Œil, das sich perfekt anschmiegt an die Wirklichkeit und diese gerade dadurch sichtbar macht. Denn hat man gemerkt, dass der Teppich ein Teppich ist, dann fällt einem auf, wie unterschiedlich gesprenkelt die Platten sind, wie abweichend in der Maserung, in den Haarrissen. Eine jede ein Individuum, und das in einem Haus, das ganz dem großen, geeinten Volkskörper huldigen sollte.

In solche Paradoxien kann sich Ai Weiwei verlieben. Nur zu gerne verpflanzt er die Dinge der Welt ins Museum, er traut ihnen eine andere Bedeutung zu, auf dass sie sich unter unseren Augen verwandeln. »Ich liebe Duchamp«, sagt Ai Weiwei, »ich liebe seinen Humor, seine Grenzenlosigkeit. Bei ihm habe ich gelernt, dass nicht nur ein antiker Stuhl ein Readymade sein kann, auch die chinesische Konstitution kann ein Readymade sein.«

Ai folgt derselben Methode, im Politischen wie im Poetischen. Er zieht die Dinge heraus aus dem Selbstverständlichen, er will, dass die Chinesen sie neu sehen, sie wieder ernst nehmen, ihr kulturelles Erbe, Stück für Stück, ihre Menschenrechte, Wort für Wort. Und macht sich damit auch im Westen nicht unbedingt beliebt. Er verbittet sich alle Kompromisse und erst recht die These, China sei noch nicht so weit, die Demokratie brauche nun mal Jahrzehnte, Jahrhunderte, um sich zu entwickeln. »Wir können nicht drei oder dreißig Leben lang warten«, sagt er erbost. »Wir haben nur ein Leben. Warum sollen wir uns gedulden? Was ist so schlimm an der Wahrheit? Was spricht gegen Demokratie?« Ai sprüht der Zorn aus den Augen, er hasst die westliche Leisetreterei. Er will, dass alle über alles reden können, so wie er es tut.

Jetzt aber hat er genug, ganz plötzlich. Will los, will in die Katakomben, das Essen duftet herauf. Aber Ai, frage ich noch, wird es so kommen, wird China demokratisch werden? Da lacht er kurz und sagt: »Eine Blume blüht nicht, weil wir es wünschen, sondern weil der Frühling kommt. Eines aber kann ich versprechen, ich werde nicht sterben, bevor sich die Demokratie blicken lässt.« Das ist Bescheidenheit. Ist Größenwahn. Das ist Ai Weiwei.

 
Leser-Kommentare
  1. Was vielen Deutschen noch immer als exotisch erscheint, ist aus "exotischer" Sicht knallhartes Geschäft. Auch ich fand den Ton-Krug mit der Coca-Cola-Aufschrift nahezu genial. Die Interventionen auf der Documenta waren dagegen ohne Kraft. Weder Inhaltlich, noch im Ausdruck. Wenn in Kassel alle in einen Bürgel-Weiwei-Rausch abdriften, hat das nichts mit Kontexten und noch weniger mit zeitgenössischer Kunst-Geschichte zu tun. Huldigte die Entwicklung in der Kunst der "Ersten-Welt" seit den 80ern den Kommerz als imperativ, so wird das nicht erst heute in der "Dritten-Welt" als nachahmenswert begrüsst. Es wird immer zweifelhafter, Positionen aus zweifelhaften Positionen, mit Lorbeeren zu behaupten. Hauptsache: wir werden nicht eindeutig. Elastizität ist die Zukunft - "Elasticismo" das Thema. Willkommen, wer in dieser "Neuen Ordnung" seine Teilnahme einzuflechten weiss.

  2. Ich bitte um Ihre Erlaubnis, dass ich Ihrem Buch "Und das ist Kunst?!" weiter vom Deutschen ins Chinesisch übersetzen zu können.
    Bis jetzt habe ich nur bis Seite 63 übersetzt, nur wegen meiner eigener Interesse, ohne Kooperation mit Publikation.(schon über 20000 Chinesische Schriftzeichen)

    Heute habe ich ein Wort "auratisierend" getroffen und kann ich es im Wörterbuch nicht finden. Im Internet habe ich auch keine Antworte gefunden, nur ein paar Beispiele die umklar sind. Dann denke ich, dass ich Ihre Hilfe brauche. Könnten Sie mir eine Telefonnummer oder eine E-mail-Adresse geben?

    Danke und Grüß

  3. shan_rong
    at
    hotmail.com

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