China Ai Weiwei, der gelassene RebellSeite 4/4
Doch sowenig er sammelt, um zu sammeln, so wenig zerstört er, um zu zerstören. Das ist das Wunder dieses Menschen: Er kommt aus der Angst und wendet sie in Mut. Er lebt vor, wie aus Trauma Kraft wird. »Kunst ist immer ein Anfang«, sagt er.
Ein Anfang, der bei ihm mit der Erinnerung an die Zerbrechlichkeit beginnt. »Vermutlich bin ich eine Art Sandwich, eine Schicht Politik, eine Schicht Poesie, dazwischen viel Senf, süßer und scharfer.« Jetzt reibt er sich noch einmal übers Gesicht, diesmal ganz entspannt. »Für mich gehört beides zusammen, auch wenn es mir mit den Skulpturen eher um Meditation geht, um physische Präsenz, ums Spüren.«
Vor allem in der Haupthalle im Haus der Kunst lädt er dazu ein. Dort hat er lauter Wurzeln und Äste aufstellen lassen, irrwitzig verdreht, knorrig wuchernd, faszinierend schon deshalb, weil sie ihre Einzigartigkeit, ihre skurrile Lebendigkeit erst im Tode voll offenbaren, abgestorben, von Erde und Rinde befreit. An den Wänden hängen wie eine Kontrastfolie lauter Schwarz-Weiß-Fotos von Menschen, chinesischen Menschen, die vor der Kamera posieren, mal stolz, mal eingeschüchtert, denen aber allen gemeinsam ist, dass sie gerade ihr Visum beantragt haben für eine Reise nach Kassel. Dorthin hatte sie Ai Weiwei vor zwei Jahren eingeladen, 1001 Chinesen sollten zur Documenta kommen, sollten erfahren, was es heißt, ein Stück Holz zu sein, das an einem fremden Ufer landet.
Die entwurzelten Wurzeln hier, die Menschen im Aufbruch dort, alle ähnlich, alle ganz anders. Und dazu ein Teppich, auf dem die Holzobjekte stehen, kaum wahrnehmbar, weil er kunstvoll die Farbe und die Muster der Steinplatten des Museumssaals imitiert – ein gewebtes Trompe-l’Œil, das sich perfekt anschmiegt an die Wirklichkeit und diese gerade dadurch sichtbar macht. Denn hat man gemerkt, dass der Teppich ein Teppich ist, dann fällt einem auf, wie unterschiedlich gesprenkelt die Platten sind, wie abweichend in der Maserung, in den Haarrissen. Eine jede ein Individuum, und das in einem Haus, das ganz dem großen, geeinten Volkskörper huldigen sollte.
In solche Paradoxien kann sich Ai Weiwei verlieben. Nur zu gerne verpflanzt er die Dinge der Welt ins Museum, er traut ihnen eine andere Bedeutung zu, auf dass sie sich unter unseren Augen verwandeln. »Ich liebe Duchamp«, sagt Ai Weiwei, »ich liebe seinen Humor, seine Grenzenlosigkeit. Bei ihm habe ich gelernt, dass nicht nur ein antiker Stuhl ein Readymade sein kann, auch die chinesische Konstitution kann ein Readymade sein.«
Ai folgt derselben Methode, im Politischen wie im Poetischen. Er zieht die Dinge heraus aus dem Selbstverständlichen, er will, dass die Chinesen sie neu sehen, sie wieder ernst nehmen, ihr kulturelles Erbe, Stück für Stück, ihre Menschenrechte, Wort für Wort. Und macht sich damit auch im Westen nicht unbedingt beliebt. Er verbittet sich alle Kompromisse und erst recht die These, China sei noch nicht so weit, die Demokratie brauche nun mal Jahrzehnte, Jahrhunderte, um sich zu entwickeln. »Wir können nicht drei oder dreißig Leben lang warten«, sagt er erbost. »Wir haben nur ein Leben. Warum sollen wir uns gedulden? Was ist so schlimm an der Wahrheit? Was spricht gegen Demokratie?« Ai sprüht der Zorn aus den Augen, er hasst die westliche Leisetreterei. Er will, dass alle über alles reden können, so wie er es tut.
Jetzt aber hat er genug, ganz plötzlich. Will los, will in die Katakomben, das Essen duftet herauf. Aber Ai, frage ich noch, wird es so kommen, wird China demokratisch werden? Da lacht er kurz und sagt: »Eine Blume blüht nicht, weil wir es wünschen, sondern weil der Frühling kommt. Eines aber kann ich versprechen, ich werde nicht sterben, bevor sich die Demokratie blicken lässt.« Das ist Bescheidenheit. Ist Größenwahn. Das ist Ai Weiwei.
- Datum 02.10.2009 - 14:47 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2009 Nr. 41
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Was vielen Deutschen noch immer als exotisch erscheint, ist aus "exotischer" Sicht knallhartes Geschäft. Auch ich fand den Ton-Krug mit der Coca-Cola-Aufschrift nahezu genial. Die Interventionen auf der Documenta waren dagegen ohne Kraft. Weder Inhaltlich, noch im Ausdruck. Wenn in Kassel alle in einen Bürgel-Weiwei-Rausch abdriften, hat das nichts mit Kontexten und noch weniger mit zeitgenössischer Kunst-Geschichte zu tun. Huldigte die Entwicklung in der Kunst der "Ersten-Welt" seit den 80ern den Kommerz als imperativ, so wird das nicht erst heute in der "Dritten-Welt" als nachahmenswert begrüsst. Es wird immer zweifelhafter, Positionen aus zweifelhaften Positionen, mit Lorbeeren zu behaupten. Hauptsache: wir werden nicht eindeutig. Elastizität ist die Zukunft - "Elasticismo" das Thema. Willkommen, wer in dieser "Neuen Ordnung" seine Teilnahme einzuflechten weiss.
Ich bitte um Ihre Erlaubnis, dass ich Ihrem Buch "Und das ist Kunst?!" weiter vom Deutschen ins Chinesisch übersetzen zu können.
Bis jetzt habe ich nur bis Seite 63 übersetzt, nur wegen meiner eigener Interesse, ohne Kooperation mit Publikation.(schon über 20000 Chinesische Schriftzeichen)
Heute habe ich ein Wort "auratisierend" getroffen und kann ich es im Wörterbuch nicht finden. Im Internet habe ich auch keine Antworte gefunden, nur ein paar Beispiele die umklar sind. Dann denke ich, dass ich Ihre Hilfe brauche. Könnten Sie mir eine Telefonnummer oder eine E-mail-Adresse geben?
Danke und Grüß
shan_rong
at
hotmail.com
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