DIE ZEIT: Der Leistungsdruck in den Schulen und Hochschulen ist enorm. Viele Abiturienten glauben, sie müssten immerzu »effizient« und zielstrebig sein und auch ihr Studium schnell durchziehen – weil sie sonst keine Chance auf dem Arbeitsmarkt hätten.

Jutta Allmendinger: Das Problem fängt ja tatsächlich schon in der Schule an. Durch die Schulzeitverkürzung gehen viel weniger Schüler für ein Jahr ins Ausland als früher. Gleichzeitig führt das achtjährige Gymnasium zu einer frühen Einschränkung des Fächerspektrums. Inzwischen müssen sich schon 15-Jährige entscheiden, welche Profilkurse sie wählen. Aus den Profilkursen werden Leistungskurse, aus den Leistungskursen ergibt sich für viele die Studienentscheidung. Diese Hast ist ein Riesenproblem – vor allem wenn man bedenkt, dass wir alle arbeiten werden müssen, bis wir weit jenseits der 67 sind.

ZEIT: Was heißt das fürs Studium?

Allmendinger: Wir brauchen eine Verbreiterung des Studiums, keine Verengung, wie wir sie gegenwärtig im Bachelor erleben. Wir brauchen eine Art Studium generale, das die Studenten auf ein Berufsleben vorbereitet, das geprägt sein wird von mehreren unterschiedlichen Karrieren mit Umschulungen und Weiterbildungen. Wir brauchen auch obligatorische Auslandsaufenthalte, um die Erfahrung nachzuholen, die in der Schule kaum noch möglich ist. An sich wäre das Angebot eines solchen Studiums Aufgabe der Universitäten, doch da die sie zurzeit nicht erfüllen, rate ich zur Eigeninitiative.

ZEIT: Wie soll die aussehen?

Allmendinger: Eigeninitiative bedeutet, dass man sich eben nicht nur auf sein eines Studienfach konzentriert, sondern auch in andere Fächer und Vorlesungen hineinschnuppert, Praktika macht, dem eigenen Wissensdrang folgt – und sich im Zweifel Zeit dafür lässt. Nur das ist für mich auch ein effizientes Studium – effizient in Hinblick auf das, was für das ganze Leben gut ist und nicht nur für den schnellstmöglichen Eintritt in den Arbeitsmarkt.

ZEIT: Aber wie erkläre ich diese Gemächlichkeit meinem Arbeitgeber, der jede Menge Bewerbungen von Einserabsolventen bekommt, die in Rekordzeit studiert haben? Wird einem da nicht schnell Unentschlossenheit unterstellt?

Allmendinger: Ich kann doch in einem vernünftigen Bewerbungsschreiben die Rationalität meiner Entscheidungen darlegen. Wenn ich heute als Präsidentin des Wissenschaftszentrums junge Wissenschaftler einstelle, schaue ich auch sehr genau, ob hinter dem Lebenslauf echte Neugier steckt und die Motivation, neben den nötigen Zertifikaten das gewisse Extra mitzunehmen. Ich kenne viele Arbeitgeber, die genau diese Einstellung sehr viel höher bewerten als alle guten Noten oder nur ein schnelles Studium.

ZEIT: Und wie begründe ich es in meinem Bewerbungsschreiben, wenn ich am Anfang noch gar keinen Masterplan hatte?

Allmendinger: Ich würde damit offen umgehen und eine Art Resümee ziehen: Ich habe mir dieses und jenes angesehen, und am Ende habe ich mich für einen ganz bestimmten Weg entschieden, der sich aus meinen Erfahrungen ergibt. Leute, die wissentlich etwas wählen, sind mir tausendmal lieber als 15-Jährige, die sich schon in der Schule von ihren Lehren und dem Gruppendruck auf die Spur für ihr ganzes Berufsleben setzen lassen.