Vorspiel

Nicht nur die Luft ist stickig, auch die Stimmung ist gedrückt, als ich im Geräteraum von Halle 8 zwei Mädchen finde. Sie hocken auf ihren Schlafsäcken, Ivana und Lara, beide 12. Klasse, beide aus Speyer nach Köln gereist, um den Eignungstest der Sporthochschule Köln zu bestehen (eine Zusammenfassung der Anforderungen finden Sie hier). Es ist später Nachmittag, für Lara ist die Sache schon gelaufen: beim Tischtennis durchgefallen, die Enttäuschung steht ihr im Gesicht geschrieben. Ivana ist erst morgen dran, am letzten von drei langen Prüfungstagen. Also werden die Freundinnen eine weitere unruhige Nacht auf dem Hallenboden verbringen, in der Hoffnung, dass diesmal nicht wieder eine grölende Horde die Halle stürmt, um ihr eigenes Bestehen zu feiern. Immerhin haben sie diesmal noch eine der blauen Turnmatten als Schlafunterlage ergattert.

Ausgeschlafen oder nicht: Die Chancen, dass ich Ivana bis zum Ende der Prüfung begleiten kann, stehen fifty-fifty. Denn bei ungefähr 50 Prozent lag in den vergangenen Jahren die Durchfallquote beim Eignungstest. Mit Wahrscheinlichkeitsrechnung kommt man hier allerdings nicht weit. Es sind die absoluten Zahlen auf Maßband und Stoppuhr, die über Bewerberschicksale entscheiden, und Prüfer, die mehr oder weniger streng auf die technische Ausführung schauen.

Ob Ivana die Richtige ist für meine Reportage? Unter ihrem weißen T-Shirt kann ich straffe Bauchmuskeln sehen, als Hobbys zählt sie Tanzen, Turnen, Volleyball und Leichtathletik auf. Und fügt hinzu: »Schwimmen wird wahrscheinlich mein Defizit.« Ist diese Ehrlichkeit ein gutes oder schlechtes Zeichen? »Nehmen Sie keinen, der meint, er macht das mit links«, hat mir die Pressestelle geraten. »Nehmen Sie lieber jemanden, der sich zwei, drei Monate vorbereitet hat und seine Defizite kennt: Kugelstoßen zum Beispiel, daran scheitern die meisten.«

Die Prüflinge müssen zunächst ihre grundsätzliche Fitness ärztlich nachweisen und dann den Sportprofessoren in 20 Disziplinen ihr Können zeigen. Ein Defizit darf man sich erlauben, mit dem zweiten ist es vorbei. Den Mittelstreckenlauf ganz zum Schluss muss ausnahmslos jeder bestehen; ein paar Sekunden können also selbst kurz vor dem Ziel noch alles entscheiden.

Besser, ich halte nach einem Ersatzmann Ausschau: Niklas breitet gerade sein WM-Pokal-Kopfkissen aus, ein kompakt gebauter blonder Kerl, 20 Jahre alt. Auf seinem T-Shirt steht Neuseeland – da hat er gerade Zivildienst gemacht. Nun möchte er Sportjournalist werden und in Köln Sportmanagement studieren. Wenn er wollte, könnte er sich auch auf »Erlebnis und Bewegung« spezialisieren und später Survivalkurse für Kinder geben oder mit dem Schwerpunkt »Gesundheit und Prävention« in der Genforschung landen.

Die Kölner »SpoHo« ist nicht nur die einzige Sporthochschule in Deutschland, sondern soll auch Europas beste sein. Diesen Ruf gründet sie vor allem auf ihre Forschungsinstitute, die Kölner sind nicht nur gefragte Antidopingexperten. Sport studieren, zumal auf Lehramt, kann man anderswo zwar auch; aber die SpoHo ist eben nicht bloß eine Fakultät, sondern ein eigener Kosmos.