Jobsuche via Twitter Ein Stellenmarkt der Zukunft?Seite 2/2

Wie das aussehen kann, zeigt die Deutsche Bahn, die über Twitter versucht, Nachwuchs-Ingenieure für sich zu gewinnen: Ihre Personalabteilung twittert seit Neuestem eine Soapopera namens Twitsoap. Alle Follower erfahren regelmäßig, wie der Arbeitsalltag zweier fiktiver Ingenieure bei der Bahn aussieht. "Meine letzte Praktikantin habe ich über Twitter gefunden", sagt Robindro Ullah, Hochschulmarketing-Referent der Bahn. Auf Stellenanzeigen, die über Twitter gepostet werden, werde deutlich häufiger geklickt als auf Anzeigen, die auf "normalen" Online-Stellenbörsen geschaltet seien, sagt er: "Twitter hat den Vorteil, dass die Follower die Jobangebote auf dem Silbertablett präsentiert bekommen und noch nicht mal danach suchen müssen."

Viele große Unternehmen probieren sich auf dem Feld aus: Die Personalabteilungen des Versandhauses Otto, des Autokonzerns Daimler, der Allianz-Versicherung und von Bayer twittern. Von 30 im Dax gelisteten Unternehmen haben 22 einen Twitter-Account. Anders als bei Xing oder anderen Online-Jobbörsen können die Tweets der Follower den Unternehmen deutliche Hinweise über die Eignung des Kandidaten für eine Stelle geben. Hier können sich Stärken und Interessen zeigen, die im Lebenslauf nicht unbedingt auftauchen: "Das kann sehr positiv für den Bewerber sein", sagt zur Jacobsmühlen und erzählt zum Beweis, wie ein Tischler ein Jobangebot als Fahrstuhldesigner erhielt. Über die Twitter-Suchmaschine gelangte seine jetzige Firma zu dem Profil des Tischlers, der hobbymäßig Fahrstühle sammelte. Er hatte in mehreren Mitteilungen von seiner Sammelleidenschaft und seinem Interesse für Aufzüge berichtet.

Doch nicht immer sind solche halbprivaten Nachrichten oder gar Fotos förderlich für die Karriere, sagt Jutta Rump, Professorin für Personalmanagement an der Universität Ludwigshafen: "Der Mensch wird viel gläserner, jeder, der twittert, muss sich bewusst sein, wer seine Beiträge lesen könnte."

Was die Bloggerszene für Deutschland prophezeit, ist in Amerika schon gang und gäbe: Bei einer Befragung auf der Internetseite www.jobvite.com gaben 95 Prozent der Firmen an, Online-Netzwerke für ihre Personalsuche zu nutzen, fast die Hälfte der Firmen suchte auch über Twitter nach einem geeigneten Kandidaten. 70 Prozent erklärten, dass ihre Suche erfolgreich war. "In Deutschland kommen die Unternehmen nur sehr langsam aus dem Quark", sagt zur Jacobsmühlen.

Es sei vor allem das Geld, das besonders kleineren und mittelständischen Unternehmen fehle. Denn einfach mal ein Stellenangebot zu twittern reiche nicht, so vermutet zur Jacobsmühlen: "Wer erfolgreich bei Twitter einen Kandidaten suchen möchte, der muss kontinuierlich an seinem Netzwerk arbeiten." Dass sich diese Art des Recruitings auch bei kleineren und mittleren Unternehmen durchsetzen wird, glaubt die Professorin Jutta Rump deshalb nicht. "Ein Stahlproduzent aus dem Ruhrgebiet wird nicht über Twitter einen Bewerber suchen, solche Firmen werden auch weiter den traditionellen Weg über Jobbörsen gehen." Im Umkehrschluss rät sie Bewerbern bei traditionellen Firmen – selbst wenn diese einen Twitter-Account haben sollten – ganz konservativ über die Firmenhomepage Kontakt zur Personalabteilung aufzunehmen.

Letztendlich sei die neue Art der Jobsuche nur sinnvoll, wenn die Branche Twitter nutze, sagt Rump. Bisher sei Twitter als Stellenmarkt vor allem für Freiberufler, PR-Berater oder an Technik interessierte Arbeitnehmer interessant. Zwar steigerte Twitter seine Nutzerzahlen im letzten Jahr um 1400 Prozent, aber immer noch kennt ein Drittel der deutschen Bevölkerung Twitter nicht. Natürliche müsse man als Firma analysieren, ob es sich lohne, in ein Online-Netzwerk zu investieren, sagt auch zur Jacobsmühlen: "Einen Vertriebsmitarbeiter findet man vielleicht nicht bei Twitter, aber vielleicht jemanden, der jemanden mit diesem Profil kennt."

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr geehrte Frau Tutmann,

    ich finde Ihren Artikel sehr interessant. Am wenigsten hätte ich ein solch kreatives Beispiel von der Deutschen Bahn erwartet. Ich bin immer noch etwas gespalten datüber wie lange sich dieser Trend fortsetzen und auch bewähren wird. Laut einer kürzlich von Spirofrog durchgeführten Umfrage (http://www.spirofrog.de/blog/2009/11/studie-nutzung-von-social-media-im-hr-–-personal-bereich-–-umfrage-ergebnisse/) planen 24% der 184 teilgenommenen Unternehmen im nächsten Jahr Social Meida beim Recruiting mehr z nutzen.

    Toll finde ich es, dass Twitter Jobsuchenden ein neues und offenes Kommunikationsmedium zur Kontaktaufnahme mit Unternehmen bereitstellt. Mit zunehmender Bedeutung eines guten und stabilen Netzwerks, bietet Twitter eine gute Platform für etwas zurückhaltendere Bewerber etwas aus sich rauszugehen und erste Kontakte zu knüpfen. Durch den öffentlichen Austausch können Kandiaten, und besonders die eben erwähnten, auch einen Einblick in potentiellen Kommunikationsverkehr und Gedankenaustausch (kreateiven sowie ausfälligen) mit zukünftigen Arbeitgebern gewinnen. Natürlich bleibt die große Frage, wieviel Zeit und Resourcen ein Unternehmen hat kontinuierlich aktiv auf Twitter zu sein. Es ist jedenfalls ein gutes Medium um vielleicht auch mal den einen oder anderen außergewöhnlichen Kandiaten für sich zu entdecken. Bei Indeed.de (http://www.indeed.de) bekommen wir dies häufig auch als Feedback von Nutzern zu geschickt.

  2. ...spielen Twitter, Zwitter & Co. für mich keine Rolle bei der Personalsuche.

  3. Hallo,
    ...dabei muesste man aber bedenken, das der Stellenmarkt in Deutschland schon noch so 5-10 Jahre hinter z.B. den UK hinterher ist. Dort schreibe ich am Montag morgen 3 mails an agencies mit einer Job-Beschreibung, erhalte Montag nachmittag 5-15 cv's, mache am Dienstag 2-4 Telefon-Interviews mit den Top-Kandidaten und der/die Bewerber/in faengt am Dienstag oder Mittwoch an. Das ist dort voellig ueblich und ganz normal und laeuft schon seit 15 Jahren ueber sites wie z.B. www.jobserve.com, www.cwjobs.co.uk oder auch www.jobsite.com. Meine IT Beratungsjobs bekomme ich seit 1997 ueber Jobserve, mit besseren Margen, schneller und zuverlaessiger als ich es irgendwo in Deutschland jemals gesehen haette.
    "Keine drei Monate vergingen," ist unglaublich, in Jobserve findet man normalerweise nach 3-10 Tagen einen Job, jedenfalls im IT Bereich.
    Insofern ist der Artikel nett und korrekt, aber man sollte sehen, das dieses Thema noch wesentlich weiter geht als nur Twitter.
    Uebrigens bieten auch soziale Netzwerke wie z.B. LinkedIn.com viele Jobangebote, man erhaelt dort am Tag so 50-200 Jobangebote.
    Schoene Gruesse,
    Frank

  4. Super Beitrag, hier nocheinmal der korrekte link zu unserer Studie:

    http://www.spirofrog.de/b...

  5. Ja, die Stellensuche bei Twitter ist so eine Sache. Klar es gibt da kleine zaghafte Erfolge aber so richtig nachhaltiges recruiting wie auf einer Jobbörsen wie http://www.joballee.de halt ich auf twitter nicht darstellbar. Dafür ist Twitter und die Userscahft zu arg web affin. Da wird man ( leider ) wenig Tekkies oder Ingenieure auf Jobsuche finden.

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