Julia Onken möchte man im Dunkeln nicht begegnen. Eine falsche Handbewegung, und diese Frau schießt zurück. Nicht dass sie abends bewaffnet durch die Straßen von Romanshorn schlendern würde. Sie selber ist die Schuss-, Hieb- und Stichwaffe, seit über 20 Jahren angelegentlich der Sache der Frau. Sie tut, was sie für richtig hält, und sagt, was sie denkt. Denn das ist fraglos das Zutreffende. Jetzt, in einem Büro an ihrer Schule, dem Frauenseminar Bodensee, blickt sie prüfend auf ihre Tochter und rügt: »Am liebsten möchte ich mein Bügeleisen holen.« Mayas Kleidung gebührt in den Augen der Mutter eine disziplinarische Maßnahme.

Doch wen interessiert, was Maya Onken trägt? Die Frage, die tatsächlich brennt, lautet: Wie viel von der Autorin selbst steckt in ihrem ersten Buch? Denn die Verfasserin, Mutter zweier Kinder, mit 41 Jahren die älteste Tochter der Doyenne des Schweizer Feminismus, hat sich mit einer Publikation an die Öffentlichkeit begeben, die für Aufsehen sorgt. Des Themas wegen, ohne Frage, aber auch deshalb, weil sich die Tochter auf das Territorium der Mutter wagt, den Kampfplatz Frau. Dieser gelang 1988 der Erfolg mit dem Buch Feuerzeichenfrau, einem Bericht über die Wechseljahre. Julia Onken, gelernte Papeteristin, war die Erste, die das Thema aus Sicht einer Betroffenen schilderte, sie verlegte das Buch zuerst im Selbstverlag, 50 Stück, niemand war daran interessiert. Heute ist es in der sechsten Auflage erhältlich, und sie ist im In- und Ausland eine gefragte Referentin. Julia Onken beglückt ihre Fangemeinde alle paar Jahre mit einem neuen Werk, 13 sind es bis heute, einer Mischung aus Autobiografie und populärer Fachliteratur. Ob die Beziehung zum Vater, der Seitensprung, Beziehungsfallen oder Selbstbewusstsein, Ausgangspunkt sind immer ihre eigenen Erfahrungen.

Maya Onkens Erstling heißt heissssss, und daran, dass die s sechsfach gesetzt sind, hat nicht ein kapriziöser Zufall Schuld, sondern der schlichte Zaunpfahl: Mit der Figur ihrer Alé, einer 38-jährigen Journalistin und Teilzeitmutter, nimmt die Autorin ihre Leserinnen mit auf eine Lustreise zur Sexgöttin in uns allen. Dass sie dabei deutlich wird und Dinge beim Namen nennt oder neue Namen für sie erfindet – Rosenknospe, Taktstock, Liebeszepter, Lustgabel, Blütenstempel – zeigt, dass hier ein kreative Hand am Werk war. Und auch wenn sie sich dabei sprachlich verstolpert, ihr guter Wille fürs Werk zählt.

Heissssss ist eine Plattform, auf der weibliche Sexualität verhandelt wird. Dazu erteilt Onken Handlungsanweisungen für das weibliche »Selbstlieberitual« (Alé: »Es macht mich ziemlich sauer, dass ich nie richtig gelernt habe zu onanieren«) – und diese klingen so praktikabel, wie man es noch nicht gelesen hat. Zumal nicht von einer Schweizer Autorin. Hier, tatsächlich, erhellt Onken einen dunklen Kontinent. Denn Spermien sind nicht gleich Spermien. Es gibt die Blocker, die Höhlen und Durchgänge verbarrikadieren, und die Killerspermien, die nicht befruchten, sondern die Spermien anderer Männer vernichten. Und drittens gibt es die Ei-Krieger, den wendigen Killern verwandt, doch zur Befruchtung fähig.

Doch warum wird sie nicht auf diese ihre wissenschaftlichen Forschungsergebnisse angesprochen in der Presse, grübelt Onken die Zweite? Weshalb nicht auf ihr Fazit, dass Sex zwischen den Ohren stattfinde, was vor ihr zwar schon andere feststellten, aber auch Maya Onken noch einmal gesagt haben will: »Die erogenste Zone der Frau ist ihr Gehirn.« Weshalb unterschlagen die Medien ihr Anliegen, der weiblichen Sexualität eine eigene Sprache zu verleihen? Warum reduziert man sie auf drei, vier vulgärsprachliche Ausdrücke für weibliche Geschlechtsteile? Frau Onken ist enttäuscht. »Niemand schätzt die Mühe, die ich mir gegeben habe, um für Vagina 50 verschiedene Ausdrücke zu finden.« Ihre Zweifel sind der Mutter Triumph. Und der Konterschlag sitzt: »Zicke nicht! Das ist halt so. Schreib ein Gartenbuch, wenn du das nicht willst.« Die Tochter: »Wenn ich hysterisch bin, kühlt sie mich immer runter.«

Umso eindringlicher ermutigt sie während der Buchvernissage die Leserinnen, ihre »innere sexuelle Landkarte zu finden, echt und authentisch.« Im Frontalunterricht will sie die geschlossenen Reihen befeuern: »Schaut genau hin, Girls. Und nehmt nochmals einen Anlauf, am besten heute Abend, gell?« Die Frauen lachen. Mutter Onken sitzt in der ersten Reihe. Als die Tochter aus dem Kapitel oversexed and underfucked vorliest, die Stellen, an der Alé von einem feuchten Traum erzählt, hört man sie zufrieden gluckern. Sie scheint vom Ergebnis angetan.

»Mir kommt kein Mann ins Haus, den man Frauen nicht zumuten kann!«

Wie auch nicht? Maya Onken ist die designierte Thronfolgerin des Lebenswerks ihrer Mutter, des Frauenseminars Bodensee. Julia Onken hat nach ihrer Scheidung 1988 eine Schule von Frauen für Frauen gegründet, »an der psychologische Gesetzmäßigkeiten unterrichtet werden, um Lebenszusammenhänge zu begreifen«, sagt sie. Dass dabei auch manchmal »ein Mann über Bord« geht, gehört zu den Kollateralschäden des Geschäfts. Julia Onken: »Mir kommt kein Mann ins Haus, den man Frauen nicht zumuten kann!« Und das sind nach ihren Feldstudien mindestens 60 Prozent aller fraglichen Subjekte. Umso unkomplizierter ist sie, wenn sie Frauen für das Team begeistert. Als sie an einem Podium die Berner Politologin und Autorin von Die Macht des richtigen Friseurs , Regula Stämpfli, hörte, engagierte sie sie mit den Worten: »Hey, Stämpfli, komm zu uns!« Und Stämpfli kam.