Feminismus Die zwei OnkensSeite 2/2
Die Gründung des Frauenseminars Bodensee hat unbekannte Mütter. Onkens Idee war es nicht, beteuert sie, sie habe diese Anweisung im Traum erhalten. »Er war so sonnenklar, dass es daran nichts zu deuten gab: Ich soll eine Psychologieschule für Frauen gründen.« Dass ihr geschiedener Mann ums Eck, in Kreuzlingen, gleichfalls eine Schule leitet, das Institut Onken, ein seit 100 Jahren auf Fernunterricht spezialisiertes Familienunternehmen, das wird von ihr verschwiegen.
Wie auch immer, ob unbefleckte Empfängnis oder doch die Antwort auf die Aktivität ihres Geschiedenen, das Frauenseminar Bodensee besuchen jährlich rund 2500 Interessierte aus der Schweiz, Deutschland und Österreich. Seit 2006 sitzt auch Maya Onken mit im Boot, in der Geschäftsleitung und als Dozentin. Denn Mutter Onken schoss es irgendwann durch den Kopf: »Sie ist die richtige Person.« Hat Onken die Erste dynastische Ambitionen? Was einer Madonna billig ist, soll ihr recht sein. Und die Tochter, damals Leiterin der Personalabteilung von Body Shop Schweiz, teilte die Meinung der Mutter. Sie würde die Rolle der Kronprinzessin spielen.
Es scheint wie in einer griechischen Tragödie. Hier die Mutter, emanzipatorisch gestählt in den 68ern. Ihr Vater, ein Fischer vom deutschen Bodenseeufer, er war 64, als sie zur Welt kam, ihre Mutter, eine scheue Schweizer Bauerntochter, 30 Jahre jünger. »Er war ein Deutscher von der Art, die uns Schweizern auf die Nerven geht.« Und hier die Tochter, unterwegs in den Fußstapfen der Älteren. Die Selfmadefrau in Sachen Emanzipation scheint eine Nachfolgerin zu haben, von der man annehmen muss, sie hätte sich selbst von ihrer Mutter noch nicht emanzipiert.
Die Anzeichen dafür liegen auf der Hand und stehen in ihrer offiziellen Biografie. Dort liest man: »Maya Onken ist die Tochter einer berühmten Mutter.« (Und zweitens, als andere Hypothek, »aufgewachsen in Scheidungsverhältnissen«.) Jenseits aller Spekulationen steht fest: Maya Onken trägt in der Öffentlichkeit den Mädchennamen, und das obwohl sie verheiratet ist. »Ich will Privates und Berufliches trennen«, sagt sie. Doch offensichtlich ist sie mit den Ideen und Aktivitäten der Mutter symbiotisch verwachsen. Als junges Mädchen las sie deren Texte Korrektur, half mit, als sonntags Rechnungen für die Schule noch von Hand geschrieben wurden und die ersten Bücher den Buchhandlungen zu Fuß geliefert. Sagte sie, wer sie sei, kam die Gegenfrage: »Sind sie die Tochter von Julia?« Und später: »Sind Sie verwandt mit Thomas?« Thomas Onken war ihr 2000 jung verstorbener Onkel, der erste Thurgauer Ständerat der SP. Heute trägt sie den großen Namen freiwillig. Als Markenzeichen, als brand.
»Wir tragen heute das Gotthardgebirge mit Joghurtbechern ab«
Sind sich denn die Damen in allem einig und eins? Immerhin trennen sie eine Generation und ihre Erfahrungen. »Nein!«, findet die Mutter und hält der Tochter vor, dass sie »schmürzelet«. In Sachen Kinderbetreuung, in Sachen Karriere. »Man nimmt sich eine Rundumbetreuung, dann kann man durchstarten!« Onken die Ältere ist der Ansicht: »Wenn du heimkommst, soll das Nachtessen auf dem Tisch stehen, müssen die Kinder im Pyjama sein.« Maya windet sich: »Aber ich mache es doch schon besser, das musst du zugeben.«
»Du könntest mehr auf die Pauke hauen!«, sagt die eine. »Du nimmst zu wenig Rücksicht!«, kontert die andere. Und ihre Argumente sind messerscharf: »Okay, ihr seid die Vorkämpferinnen. Und offiziell ist Friede eingekehrt. Aber die Freiheit, alles machen zu können, hat Konsequenzen. Wir tragen heute das Gotthardgebirge in Joghurtbechern ab. Und bei Nummer 3000 macht jede schlapp, auch du.« So klingt eine Frau, vor der man sich im Dunkeln bald in Acht nehmen wird.
- Datum 01.10.2009 - 14:20 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2009 Nr. 41
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