Sebastian Deisler gibt auf einer Pressekonferenz im Januar 2007 das Ende seiner Fußballkarriere bekannt © Sandra Behne/Getty Images

Wie aus dem Nichts ist er gekommen, der Mann, der fast drei Jahre lang aus der Öffentlichkeit verschwunden war. Plötzlich steht Sebastian Deisler im Hotelfoyer, zurückgekehrt in eine Welt, die früher einmal seine war: Hier, im Fünfsternehotel Colombi in Freiburg , hat die deutsche Fußballnationalelf hin und wieder übernachtet – jene Mannschaft, die Deisler als Spielmacher durch die Weltmeisterschaften 2002, 2006 und 2010 hätte führen sollen. Doch Deislers Laufbahn blieb eine Karriere im Konjunktiv: Sieben Mal an Knie und Leiste operiert, wegen Depressionen behandelt, gab er den Fußball Anfang 2007 auf. Er konnte nicht mehr. Und tauchte unter.

Jetzt ist Sebastian Deisler zurück, 29 Jahre alt, die Hände in den Taschen seiner Jeans, dunkler Pullover, dunkles Jackett, die Haare kurz geschoren, ums Kinn ein kleiner Bart. Sein Gesicht ist voller geworden, der Bauch hat einen Ansatz bekommen. Hotelgäste mustern ihn verstohlen, aber Deisler sieht nicht hin. Er sucht einen Tisch, etwas abseits. Jahrelang hat er nicht öffentlich gesprochen, der Mann, den die Experten in einem Atemzug mit Netzer, Beckham und Zidane nannten, ein Jahrhunderttalent. Kein anderer ist so rätselhaft gescheitert und hat so viele Fragen hinterlassen. Kein anderer bot so viel Gesprächsstoff und hat selbst so konsequent geschwiegen. Ein Journalist hat mit Deisler nun dessen Biografie geschrieben (Michael Rosentritt: Sebastian Deisler. Zurück ins Leben , Edel-Verlag). »Ich wollte mich endlich einmal selbst erklären«, sagt er.

Es ist ein sonniger Herbsttag Ende September, halb eins am Mittag. Vor dem Hotel plätschert kurparkheiter ein Springbrunnen. Sebastian Deisler hat endlich einen Tisch gefunden, an dem er seine Geschichte erzählen kann. Es ist die Geschichte eines Helden, der nicht zum Helden taugte.

DIE ZEIT: Herr Deisler, Sie waren jahrelang verschwunden. Wo kommen Sie jetzt her?

Sebastian Deisler: Aus Lörrach , meiner Heimatstadt. Ich bin vor zwei Monaten aus Berlin dorthin zurückgezogen, um neu anzufangen. Alles, was mir seit dem Beginn meiner Karriere gefehlt hat, sind doch Wurzeln. Für die anderen war ich ein Star – aber ich habe mich gefühlt wie eine Glühbirne, die einsam von der Decke hängt. Nackt. Für jeden sichtbar. Unter mir war nichts.

ZEIT: Und jetzt wollen Sie sich Ihre verlorene Jugend zurückholen?

Deisler: Nichts werde ich nachholen können. Aber in Lörrach fühle ich mich wohl. Die Stadt ist klein. Meine Mutter wohnt dort, mein Vater. Ich habe meine Eltern wieder, obwohl sie inzwischen getrennt leben. Ich habe eine Wohnung, aus der ich auf meinen Hausberg schauen kann, den Tüllinger Berg. Ein Bild aus meiner Kindheit.

ZEIT: Gibt Ihnen das Halt?

Deisler: Ja, schließlich ist es meine Heimat. Ich war in der letzten Zeit damit beschäftigt, mich vom Fußball zu lösen. Ich weiß ja: Ich werde nie mehr etwas so gut können. Das ist mir schwergefallen, das ist ja kein Geheimnis, meine Depression. Aber ich habe mich trocken geweint.

ZEIT: Warum jetzt ein Buch, wo Sie doch die Öffentlichkeit scheuen?

Deisler: Nicht scheuen, meiden! Und das Buch ist eigentlich ein Buch für mich. Komisch, was? Normalerweise werden Bücher ja für Leser geschrieben. Dieses hier ist zuerst einmal für mich. Nennen Sie es ruhig Teil einer Therapie. Die Arbeit am Buch hat mich viel Kraft gekostet, meine Geschichte ist ja nicht die leichteste und schönste. Die Vergangenheit war wie Brei in meinem Kopf. Das musste raus. Geordnet werden. Ohne dieses Buch hätte ich nicht weitermachen können. Und wenn jemand etwas daraus mitnehmen kann, umso besser.

ZEIT: Welches Kapitel ist Ihnen am wichtigsten?

Deisler: Die Jahre in Berlin, bei Hertha BSC. Damit die Menschen verstehen, was das für ein Wahnsinn war, den sie um mich veranstaltet haben. Sie haben sich zwar Tag für Tag Gedanken über mich gemacht. Aber sie haben mich nie gefragt, wie es mir damit ging.

ZEIT: Dann richtet sich das Buch doch nicht allein an Sie.

Deisler: Es ist so viel über mich geschrieben worden, da musste ich auch mal was sagen. Aber ich kehre damit nicht in die Öffentlichkeit zurück. Es ist mein Abschlussbericht.

ZEIT: Was sollen die Leser erfahren?

Deisler: Ich bin vielleicht empfindsam, aber nicht empfindlich, schon gar nicht schwach, wie viele denken. Ich, schwach? Ich war 19, 20, als die Deutschen meinten, ich könnte ihren Fußball retten. Ich allein. Heute gibt es fünf, sechs Spieler, auf die sich alle Hoffnungen verteilen und die Aufmerksamkeit der Medien. Damals? Gab es noch Michael Ballack , aber der war vier Jahre älter und spielte im idyllischen Kaiserslautern. Mir wurde keine Zeit gelassen. Das sollen die Leute jetzt alles erfahren, vom Anfang bis zum Ende.

Sätze sind das, die klingen, als habe Deisler sie zigmal in seinem Kopf gewendet. Er will sie loswerden, sofort. Man muss seine Geschichte wohl noch einmal von vorne erzählen: Sebastian Deisler wird am 5. Januar 1980 in Lörrach geboren, der Vater ist Elektriker, die Mutter Hausfrau. Mit zwei Jahren bekommt der Sohn den ersten Fußball geschenkt. Als er fünf ist, meldet der Vater ihn im Fußballklub an. In allen Jugendmannschaften ist Sebastian Deisler der Kleinste und Schmächtigste, aber auch der Beste. In einer D-Jugend-Saison schießt er 215 Tore, schnell wird er zu einer regionalen Berühmtheit. Zu Auswärtsspielen bringt der Vater ihn nicht mit dem Auto, stattdessen radelt er mit dem Sohn kilometerweit durch den Schwarzwald – damit zum Anpfiff dessen Muskeln warm sind.

»Irgendwann wird er in einem Atemzug mit Walter, Seeler und Beckenbauer genannt werden«
Friedel Rausch, Deislers damaliger Trainer, 1999

Mit 15 Jahren wird Deisler in die Jugendnationalmannschaft berufen und wechselt ins Jugendinternat von Borussia Mönchengladbach. Doch schnell beschäftigen ihn neben dem Fußball andere Fragen: Deisler hat unbändiges Heimweh, und in Lörrach kriselt die Ehe seiner Eltern. Von seinem ersten Profigehalt kauft er ihnen eine Eigentumswohnung – ein Versuch, die Beziehung zu retten.

1997 wird Deisler bei der U-17-Weltmeisterschaft in Ägypten zum zweitbesten Spieler des Turniers gewählt, knapp hinter dem Brasilianer Ronaldinho. Ein Jahr später bestreitet er sein erstes Bundesligaspiel für Borussia Mönchengladbach. Und am 6. März 1999 folgt der Tag, der sein Leben verändern wird: Im Spiel gegen 1860 München fällt ihm tief im Mittelfeld der Ball vor die Füße. Deisler startet ein Solo über 60 Meter und schießt den Ball ins Netz. Für den Teenager ist es sein erstes Bundesligator – für die Fans eine Art Erlösung, die tagelang im Fernsehen zu bestaunen ist. So ein Treffer war in Deutschland lange nicht mehr zu sehen. Die Süddeutsche Zeitung meldet: »Der Ball schlug an derselben Stelle ein wie Netzers 2:1 im Pokalfinale gegen Köln 1973.«

Im März 1999 heißen die Nationalspieler nicht Netzer oder Seeler, sondern Jeremies und Jancker. Franz Beckenbauer nennt sie »Rumpelfüßler«. Die Nationalelf spielt erfolglos, Deisler wird zur Projektionsfläche für viele enttäuschte Hoffnungen. 26 Vereine aus ganz Europa bieten um ihn, darunter der FC Barcelona, Real Madrid und der AC Mailand. In einem seiner ersten Interviews sagt Deisler: »Manchmal kann einem das Angst machen.«

Als Borussia Mönchengladbach im Sommer absteigt, wechselt Deisler nach Berlin zu Hertha BSC. Die Boulevardblätter begrüßen Deisler als »Basti Fantasti«, zum Saisonauftakt kommen 66.000 Menschen ins Olympiastadion. In den ersten Spielen schießt er wunderschöne Tore. Nike, der Ausrüster der Berliner, plant eine große Kampagne mit Deisler. Der Marketingdirektor spricht von einem »upcoming shining star«. Er sucht nach Ecken und Kanten in Deislers Wesen, der Junge dürfe in der geplanten aggressiven Werbeoffensive keinesfalls als »streamline boy« rüberkommen.

Deisler ist damals 19 Jahre alt.