"Man muss härter sein als ich"

ZEIT: Können Sie Fußball im Fernsehen ertragen?

Deisler: Ich schaue immer noch mit Wehmut. Aber ich kann wieder gucken.

ZEIT: Hatten Sie eigentlich einen Plan für den Tag nach Ihrem Rücktritt?

Deisler: Ich hatte nichts. Ich wusste noch nicht einmal, ob ich eine Zukunft habe. Ich habe damals auch meine Familie verloren, Eunice und unseren gemeinsamen Sohn. Nichts hat mehr gestimmt. Ich habe damals in München in den letzten Monaten meiner Karriere die Schwere mit nach Hause gebracht. Das hat unsere Beziehung erdrückt. Mein Sohn und seine Mutter sollten aber nicht mehr mein Leiden mitleiden. Eunice ist eine großartige Frau. Sie hat mir geholfen, ans Leben zu glauben. Aber ich wollte sie nicht mehr mit meiner Last beschweren. Ich saß in Berlin in meiner alten Wohnung. Wenn ich Hunger hatte, habe ich den Lieferservice bestellt. Anfangs hatte jeder Tag 30 Stunden – und dann war erst Nachmittag. Irgendwann bin ich dann nach Thailand geflogen.

ZEIT: Einsames Hotel, Wanderschuhe, Rucksack?

Deisler: So weit war ich damals noch nicht, dass ich mich mitten in die Pampa getraut hätte. Ich war in einem guten Hotel an der Küste. Habe in den Sonnenuntergang geguckt und nichts empfunden. Später in Nepal ging es etwas besser. Ich komme seitdem langsam auf die Beine, meine innere Sicherheit kommt wieder. Ich möchte mein Leben wieder in Angriff nehmen und mir etwas aufbauen. Ein normaler Mensch werden.

ZEIT: Wie geht das: normal sein?

Deisler: Das geht so, dass ich bald mein Auto ummelde, es hat noch ein Berliner Kennzeichen. Ich gehe zum Straßenverkehrsamt, ziehe eine Wartenummer, setze mich und warte, bis ich dran bin. Das tut mir irgendwie gut. Ich warte auf ein Kennzeichen mit LÖ für Lörrach.

ZEIT: Haben Sie einen Wecker?

Deisler: Ja.

ZEIT: Wann klingelt der?

Deisler: Um neun.

ZEIT: Treiben Sie Sport?

Deisler: Nicht viel. Manchmal gehe ich joggen. Aber Sie sehen ja: mein Bauch.

ZEIT: Wann haben Sie sich zuletzt selber gegoogelt?

Deisler: Vor zwei Tagen. Ich wollte schauen, ob schon was über mein Buch zu finden ist.

ZEIT: Schauen Sie fern?

Deisler: Hin und wieder.

ZEIT: Solche Sachen wie Germany’s Next Topmodel und Deutschland sucht den Superstar?

Deisler: Ist das jetzt eine Fangfrage? Weil ich Germany’s Next Fußballstar sein sollte? Ich ertrage diese Sendungen nicht. Wie sich die Kinder dort vom Urteil anderer Leute abhängig machen. Sich ihre Demütigungen abholen.

»Es war, als sei ich auf eine ewige Klassenfahrt geraten. Da gibt es doch auch immer die Lauten – und die, die bei der Kraftmeierei mitspielen, um nicht ausgelacht zu werden«

Sebastian Deisler

ZEIT: Lesen Sie Zeitung?

Deisler: Vielleicht werde ich das Oberbadische Volksblatt abonnieren. Ich will wissen, ob in der Nachbarstraße Bäume gepflanzt werden sollen. Ich hatte, als ich Profi war, meine Heimat verloren. Nein: Ich habe sie selber gestrichen. Ich dachte, dass ich nie wieder zurückkehren würde. Jetzt sitze ich auf meinem Balkon. Ich werde langsam ruhiger. Ich bin aber noch nicht da, wo ich sein will. Mir fehlt noch ein Viertel des Weges, glaube ich.

ZEIT: Als was würden Sie sich heute bezeichnen? Als Invaliden des Showgeschäfts?

Deisler: Ich habe mich schon so gefühlt. Es gab Phasen, da habe ich mich gefühlt wie 60. Jetzt bin ich bei 40. Ich lebe in den Tag hinein. Ich besuche meinen Vater, meine Mutter, gucke, was so los ist. Ich will nicht mehr jammern. Ich will einfach niemandem mehr gehören. Ich bin froh, dass ich durch meine Zeit im Fußball die finanzielle Freiheit habe, in Ruhe zu schauen, was ich machen möchte. Dafür hat es sich gelohnt. Den Rest betrachte ich als Schmerzensgeld.

ZEIT: Neulich war zu lesen, dass Sie hier in Freiburg einen Laden für Produkte aus dem Himalaya eröffnet haben.

Deisler: Das hat wohl ein Immobilienmakler ausgeplaudert. Es ist ein kleiner Teil von mir. Aber ich werde dort nicht an der Kasse stehen. Ich habe einem Freund für dessen Laden eine Bürgschaft gegeben, falls das Geschäft nicht läuft. Ich unterstütze das im Hintergrund.

ZEIT: Haben Sie Ideen für Ihre Zukunft?

Deisler: Vielleicht mache ich eine Fußballschule auf, hier in der Nähe. Einen Ort für Kinder und Jugendliche, die Spaß haben an diesem Sport. Diese Schule würde ich zu meinen Bedingungen führen, ohne Drill und ohne den Anspruch, kleine Helden hervorzubringen. Ich will endlich eine schöne Geschichte vom Fußball erzählen. Ich könnte jungen Spielern auch meine eigene Geschichte erzählen. Die Geschichte von dem schmächtigen Kind, das der Welt beweisen wollte: Ich komme oben an. Ich war der Kleinste und wollte es den Großen zeigen.

ZEIT: Was würde der Sebastian Deisler von heute dem 15-Jährigen von damals raten?

Deisler: Dass er länger zu Hause bleibt. Dass er schon probiert, Fußballprofi zu werden, aber später, mit einem Fundament. Ich hätte mich mit weniger zufriedengeben sollen.

ZEIT: Waren Sie nicht stark genug, um sich Ihre Schwächen einzugestehen?

Deisler: Ich war nicht schwach. Ich war zu sensibel für das große Fußballgeschäft. Man muss härter sein als ich, schreiben Sie das ruhig. Das ist die Wahrheit. Und trotzdem habe ich immer weitergemacht. Ich hatte sieben Operationen! Und ich bin sieben Mal wieder aufgestanden! Sieben Mal!

»Vielleicht mache ich eine Fußballschule auf. Die würde ich zu meinen Bedingungen führen, ohne Drill. Ich will endlich eine schöne Geschichte vom Fußball erzählen«

Sebastian Deisler

Über den Schwarzwaldhügeln senkt sich die Herbstsonne, Sebastian Deisler sitzt im »Märchencafé« in Simonswald und isst ein Stück Käsesahnetorte. Er sagt, gleich müsse er los. Er hat nichts mehr vor, aber er mag nicht mehr reden.

Was ist die Lehre dieses Tages? Dass das Fußballgeschäft hart ist, sehr hart. Dass es Helden für eine Show braucht. Dass die Show wichtiger ist als der Fußball.

Er hat Dinge gesagt, die jeder weiß, über deren Folgen aber niemand nachdenkt. Er hat der Welt keine neue Erkenntnis zu bieten, aber einen Haufen Nachdenklichkeit. Was könnte von ihm bleiben, wenn er gleich aufbricht, um sich mit einem Buch endgültig aus dem Spiel zu nehmen? Von Sebastian Deisler, 29 Jahre alt, ledig, einem Fußballer ohne Trikot, einem Mann ohne Frau, einem Jahrhunderttalent im falschen Jahrhundert, einem Spielmacher abseits des Spielfeldes, einer Medienfigur, die die Medien fürchtet.

Deisler hat sich auf dieses Gespräch mit der ZEIT lange vorbereitet. Er hat sich für zwei Tage einen Coach genommen. Er wird noch einmal im Fernsehen auftreten, bei Stern TV mit Günther Jauch. Er will seine Zukunft sichern, indem er ein letztes Mal über seine Vergangenheit spricht. Er will sich der Öffentlichkeit erklären und hat zugleich Angst vor ihr. Im Geiste ist er sein ganzes Leben noch einmal durchgegangen, er wollte diesmal nichts falsch machen.

ZEIT: Herr Deisler, was machen Sie mit einem Fußball zu Hause, wenn Sie nicht spielen?

Deisler: Er liegt bei mir in der Wohnung auf dem Boden. Der Fußball ist Teil meines Lebens. Aber jetzt nützt er mir nichts. Jetzt will ich erst einmal vollständig gesund werden. Ohne dass mir jemand Druck macht. Auch kein Ball. Ich wünsche mir, dass man das akzeptiert und respektiert. Ist das zu viel verlangt?

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Leser-Kommentare

  1. 1. Toll

    Ich finde das Interview großartig. Danke an die Zeit und Sebastian Deisler für diesen wunderbaren Text. Selbst ich als Amateurfußballer, kann manche Gedanken von Sebastian Deisler nachvollziehen!

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      freierepublik

    Kann ich bitte erfahren warum mein Text zu dem Interview mit Sebastian DEisler mit der Überschrift: Wer ist krank? nicht gedruckt wurde hier???
    Ich finde es höchst seltsam wenn das nicht geschieht! Und vor allem ohne eine Mitteilung eines Grundes!!

  2. Ich kann mich dem ersten Kommentar nur anschließen: ein wirklich großartiges Interview! Vielen Dank dafür!

  3. Das Interview ist sehr eindringlich und es stimmt einen traurig, wenn man sieht, was der Mob mit einem jungen Menschen anrichten kann.
    Es ist wichtig, nicht nur Vereinskameraden sondern wirliche Freunde und Menschen zu haben, die einen auch dann ertragen und einem zuhören, wenn sie nichts von einem wollen. Im Profifussball mit seiner Konzentration auf Spektakel und Geld findet man solche Leute nicht. Solche Leute gibt es nur unabhängig von der eigenen Arbeit und in der Familie.
    Persönlich wünsche ich Deisler, dass er seine depressive Krise überwinden und dann zu seiner Frau und seinem Kind zurückfinden kann. Denn diese beiden sind seine wirkliche, zukünftige Heimat und aus meiner Sicht die einzigen, die ihm auf Lange Sicht wirklichen Halt geben können.

    • 05.10.2009 um 16:28 Uhr
    • Rênas

    Ein wirklich bewegendes Interview. Kompliment an die Interviewer und ein herzliches Dankeschön an Sebastian Deisler, dem ich für seine Zukunft alles Gute wünsche!

  4. 5. Schade

    Klasse Interview. Keine Frage. Dennoch bleiben Fragen offen. Warum sind alle Schuld nur nicht Sebastian. Meines Erachtens ist es auch eine Frage von "sich gehen lassen". Sebastian hätte viel früher gegensteuern müssen, besonders um seiner Selbst willen. Ich wünsche Ihm viel Glück und alles Beste für seine Zukunft. Er ist ein gutes Beispiel dafür wie eine einsamer Fussballer auch noch schnell auf verlorenem Posten stehet. Verloren im Verein, verloren bei den Fans, verloren bei den Medien, verloren vor der Familie und vorallem verloren vor sich selbst. Schade um Dich Sebastian.

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    Schuld   Apfelsaftschorle

    Es geht nicht um Schuld, sondern um Ursachen. Depressionen haben mannigfaltige Ursachen, es ist das Zusammenwirken vieler Faktoren: aus individueller Disposition, sozialem Umfeld, privatem Umfeld, beruflichen Dingen.
    Am schlimmsten ist es meiner Meinung nach, einem Depressiven vorzuwerfen, er "lasse sich gehen". Hier klingt das Missverstehen dieser Krankheit durch, die eben KEINE reine Willenssache ist. Kein Mensch würde etwa zu einem Krebskranken sagen, lass dich nicht so gehen. Seelische Krankheiten sind nunmal leider unsichtbar, aber deswegen nicht weniger pathologisch als körperliche.
    "Gegensteuern"? Ab wann und wo denn? Depressionen entwickeln sich schleichend und es gibt keinen entscheidenden Punkt.Dazu muss man sich selbst und den Verlauf dieser Krankheit (die auch individuell unterschiedlich verläuft) sehr genau kennen und sich des Problems bewusst sein.

    Deisler war noch sehr jung, als seine Depression entstand. Gerade bei der ersten Depression ist es für einen selbst sehr schwer zu erkennen, was eigentlich mit einem passiert. Wenn einem klar wird, in welch einen Sumpf man abgedriftet ist, steckt man meist schon zu tief drin.

    In Zukunft wird ihm das "Gegensteuern" vielleicht gelingen. Er wird in der Therapie auch lernen, ein Gespür dafür zu entwickeln,in Zukunft früher zu erkennen, dass er wieder abzugleiten droht und sich dann rechtzeitig Hilfe holen können.

    Ich wünsche ihm alles Gute!

    "Warum sind alle Schuld nur nicht Sebastian."

    "Man muss härter sein als ich"

    Reicht das als Antwort auf die Frage?

    Emphatielos!   barbara03

    Nur Jemand, der absolut kein Einfühlungsvermögen zu haben scheint, kann solch einen Kommentar abgeben.
    Man sollte sich erst einmal in S. Deisler, über die Herkunft des Menschen machen, seine Erziehung, sein soziales Umfeld und , bevor man ein solches Urteil bzw. Ratschlag abgibt. Nicht jeder rennt Geld und oberflächlichen Weltanschauungen hinterher oder meint es zu müssen.
    Es ist respektlos dem Menschen S.Deisler, seiner Familie und seiner Begabung gegenüber. Einen anderen als "Verlierer" des Lebsns ab zu urteilen, das letzte!!!
    Ich frage mich was hat dieser Mensch für eine innere Haltung, gegenüber seinem Mitmenschen.

  5. Beim Lesen dieses Interviews kam mir immer wieder ein Kafka-Brief aus dem Jahr 1904 in den Sinn --- "Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns".

    Ich muß gestehen, daß ich vor diesem Interview kaum etwas über Sebastian Deislers Schicksal wußte. Auch aus diesem Grund finde ich das Interview überaus gelungen; es rollt seine Lebens- und Fußballgeschichte aus heutiger Perspektive neu auf und läßt gleichzeitig den Betroffenen ausführlich zu Wort kommen. Ich kann nach diesem Interview nur sagen: Hut ab vor Sebastian Deisler!

  6. weil zu Zeitpunkt seiner Entdeckung einfach keine jungen deutschen Spieler gab.

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    Sebastian Deisler war ein Ausmahmespieler. Wie der Artikel deutlich macht, trat er zu ähnlicher Zeit wie Michael Ballack hervor - heute Deutschlands einziger Weltklassespieler. Und selbst wenn Deisler das einzige Talent in der Fussballwüste Deutschland gewesen wäre, bedeutet das nicht, dass sein Können weniger wert wäre.

  7. 8. rip

    als frechheit erscheint die art und weise der fragestellung des interviewers, behandelt er Deisler doch die meiste zeit wie einen in unverstaendlichen hirngespinsten lebenden idioten.
    auch die tatsache, dass im zwischentext zu lesen ist, das alles sei ja fuer einen normalbuerger nicht zu begreifen, ist schlichtweg dreist.
    klar, die fussballwelt ist ein extrempunkt an oberflaelichkeiten, doch das normale leben bietet selbige auch - wenn auch in selbiger climax.
    Dass Deisler sich die muehe macht, den kontakt zu einer "anspruchsvollen" zeitung zu suchen, dann jedoch so vor den kopf gestoßen wird, tut mir leid. er wird hier größtenteils als irrer dargestellt, der er sicher nicht ist, vielmehr hat er einen gesunden menschenverstand, was eben zu depressionen fuehren kann. menschen ohne problembewusstsein verstehen das natuerlich nicht.

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    ... auch ich empfand die Art der Fragen teilweise als herabwürdigend.
    Auch die zwischendrin erscheinenden Platitüden von Erklärungen zur Depression in Form eines schlechten Wiki Artikels empfand ich als abwertend.
    Würde ich so mit meinen Patienten reden, die Praxis wäre leer.
    "Interessant" auch die Kommentare von "Allesbesserwisser" Beckenbauer. So etwas unsensibles und dummes habe ich selten gelesen!

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