Jaja, jetzt lästern sie wieder, die Grünen-Wählerinnen aus München-Haidhausen, über all die Becker-Freundinnen und norddeutschen TV-Moderatorinnen, die sich in modischen Glanz- und Minidirndln auf der Wiesn zeigen, obwohl doch ein echtes Dirndl »traditionell« zu sein habe, also in gedeckten Farben gehalten, mit einem Muster aus Karo oder Streublumen und natürlich bis zur Wade lang. Aber die Haidhausener Grünen-Wählerinnen, muss man leider sagen, machen sich da etwas vor. Weil: Es gibt nämlich gar nicht so etwas wie ein traditionelles Dirndl.

Die Sara Nuru zum Beispiel, die wir hier sehen mit ihrem Modedirndl, ihres Zeichens Germany’s Next Topmodel, gebürtige Erdingerin, wohnhaft in München, hat den Spirit of the Dirndl genau richtig verstanden; ebenso wie die Schumacher Cora, die im letzten Jahr im Totenkopfdirndl aufs Oktoberfest ging. Das Dirndl, liebe besorgte Neotraditionalistinnen und Manufactum-Kundinnen, war nämlich schon immer eine Verkleidung, ein Rollenspiel, eine (wie die Volkskundlerin Simone Egger das in ihrer Magisterarbeit Phänomen Wiesntracht geschrieben hat) urban legend seit 1850, als Städterinnen begannen, das Arbeitsgewand bäuerlicher Frauen auf Bällen zu tragen. Das Einzige, was am Dirndl immer gleich geblieben ist, sind der einteilige Schnitt, die Schürze, die Silhouette und dass es vorne geknöpft oder gehakt ist (und nicht gebunden, so wie ein Mieder, aber das ist auch schon die einzige Regel). Ansonsten war das Dirndl schon immer ein opportunistisches Modestück, das in sich aufnahm, was gerade in war.

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Beim Angermaier haben sie dieses Jahr sogar eine Schürze mit dem Jackson Michael im Programm. Und da muss man sich auch gar nicht drüber aufregen. Auf Tradition zu pochen haben sowieso nur die nötig, die sie nicht in sich spüren.

Wer’s lieber ein wenig erstarrt mag, soll sich doch bitte an den schwarzen Ganzkörpergewändern mit Sehschlitz orientieren, von denen sich jetzt immer mehr durch die Feinkostabteilung von Dallmayr schieben, seitdem die Ölscheichs den Münchner Immobilienmarkt entdeckt haben, aber das ist den Neotraditionalisten auch wieder nicht recht.