Die Grundwasserreserven haben drastisch abgenommen
Die Grundwasserreserven haben drastisch abgenommen
Mit dem Brunnen kam auch die zweite große Erneuerung: der Kunstdünger. Die Inder nannten es die grüne Revolution. Doch Singh weigert sich, heute noch über den Optimismus jener Jahre zu sprechen, in denen die landwirtschaftliche Produktion im Land in die Höhe schnellte. Tatsächlich setzte schon in den neunziger Jahren Ernüchterung ein. Seither wachsen die Erträge der Bauern nur noch langsam. Die Kosten für Dünger und den Ausbau der Brunnen aber steigen schnell. »Vor zehn Jahren fanden wir noch in 60 Meter Tiefe Grundwasser, jetzt müssen wir schon 130 Meter tief gehen«, sagt Singh. Er verrät nicht, wie viel Schulden er für den Ausbau aufnehmen musste. Er sagt nur: »Die meisten Selbstmorde von Bauern in unserer Gegend geschehen, weil sie ihre Schulden für die Brunnen nicht zurückzahlen können.«
Die Selbstmorde unter seinesgleichen sind ein großes Thema für Singh. Zehntausende Bauern hätten sich in Indien in den vergangenen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen das Leben genommen, sagt er. Früher habe es das nie gegeben. Er hat wohl recht. Der indische Landwirtschaftsexperte Surinder Sud beurteilt in einem gerade erschienenen Buch die hohe Selbstmordquote der indischen Bauern als neues Phänomen und führt sie auf Ernteausfälle nach ausgebliebenen Monsunregen und Kreditaufnahmen für Brunnen zurück.
Singh betritt einen kleinen Schuppen neben dem Brunnen und stellt seine Bewässerungsanlage an. Bisher mangelte es nie an Wasser. Aber Singh weiß, dass sich das ändern kann. »Ich kann den Brunnen nicht unendlich tief graben«, sagt er. Zudem gäbe es zu viele Brunnen. Vor dreißig Jahren seien es im Dorf zwei gewesen, heute seien es 200.
Noch aber hat Singh genug Brunnenwasser. Es spritzt aus einem Dutzend Sprinklern, die er auf sein einziges Bewässerungsrohr aufgeschraubt hat. Singh ist jetzt in Eile. Er läuft über ein Feld, das er mit Futterkorn für die Wasserbüffel bepflanzt hat, das einzige, das er im August noch bearbeitet hat. Er verlegt Rohr und Sprinkler immer wieder, damit auch das ganze Feld bewässert wird. Denn schon nach zwei Stunden fällt der Strom aus. Dann kann er kein Wasser mehr aus dem Brunnen pumpen.
Nur vier bis sechs Stunden am Tag liefert der Bundestaat Haryana Strom an die Bauern. Dagegen demonstriert Singh jedes Jahr, wenn die Wintersaat besonders viel Wasser braucht. 50.000 Menschen waren sie zuletzt im Januar in Delhi. »Wir wollen mehr Elektrizität!«, forderten sie. Meistens bekommen dann die Bauern im Februar mehr Strom. Aber Singh ahnt wohl, dass mehr Strom allein auch keine Perspektive für die Zukunft bietet.
Er ist hin- und hergerissen zwischen Fortschritt und Tradition. Das zeigt sich am Nachmittag. Singh könnte seine Felder für die Wintersaat später im Herbst mit dem Traktor pflügen, den er sich dann ohnehin ausleihen muss. Doch um nicht untätig zu sein, spannt er sein Kamel vor den Pflug. Er legt dem großen Tier vorsichtig das alte Geschirr an, haut mit dem Hammer das Pflugeisen fest. Er zieht mit dem Tier auf und ab über seine brachen Sandböden. In der glutheißen Sonne schwitzt er genauso wenig wie das Kamel. Er liebt diese Arbeit. Er drückt dem Reporter die Pflugstange in die linke und die Kamelzügel in die rechte Hand. Wie von selbst bewegt sich das Tier. Wie ein Schneebesen zieht der Pflug durch den leichten Boden. »Solange ich Kamel und Wasserbüffel habe, mache ich keinen Selbstmord«, sagt Singh. Er lacht dabei. Später lädt er zum Abendessen. Die Frauen des Hauses haben Hirsebrot, Tomatenchutney und Curry zubereitet. Anschließend trinkt Singh wieder süßen Milchtee. Die Milch ist vom Büffel.
Der Bundesstaat Haryana. Hier liegt das Dorf von Azad und Mahipal Singh
- Datum 03.10.2009 - 19:30 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2009 Nr. 41
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"Kunstdünger (und zusätzliche Bewässerung) bringen reiche Väter und arme Kinder", sagt ein deutsches Sprichwort, und das bewahrheitet sich besonders drastisch auch hier in dieser Gegend.
Die vielen Widersprüche löst der Schreiber nicht auf - merkt er sie selbst nicht, vielleicht?
Nur als Beispiel:
Der Bauer fordert mehr Strom für seine Tiefbrunnen und beklagt gleichzeitig die drastische Grundwasserabsenkung.
Und die Verklärung der Vergangenheit mit so vielen schwarzen Wolken (Monsunregen)gehört auch in die Anekdotenkiste, so ähnlich erzählen weltweit Ältere über das angeblich viel bessere Wetter früher.
Monsunregen gibt und gab es immer, aber die kommen niemals konstant am selben Ort und zur selben Zeit.
Noch vor 10.000 Jahren regneten Monsunregen über der Sahara ab und werden es irgendwann auch wieder tun.
Was soll also dieser Artikel mehr sein, als die Schilderung eines sehr widersprüchlichen Menschen (mal gelassen, mal hektisch, mal reich (drastisch hohes Schulgeld für Kinder) und dann wieder bettelarm usw.?
Ähnliche Geschichten können wohl von jedem zweiten Menschen der Welt erzählt werden, ob mit Klimawandel oder Strukturwandel, ob EU-Verlierer (Milchbauern), Verlierer in der Weltwirtschafts"krise" oder einfach nur Pechvögel.
Nicht Viele von denen können auf so hohem Niveau jammern......
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