DIE ZEIT: Herr Schäfer, Sie sind Minnesänger. Im Oktober treten Sie mit Ihrer Harfe und mittelhochdeutschen Versen für Deutschland an: beim ersten europäischen Minnesänger-Wettstreit in Braunschweig. Was fasziniert Sie an dieser Musik?

Holger Schäfer: Dass man sich völlig einem Gefühl hingibt. Wenn ich Minnesang vortrage, bin ich entrückt. Ich vergesse alles, was mit meinem Alltag zu tun hat. Das überträgt sich auch auf die Zuhörer. Wenn alles stimmig ist, bekommen sie so einen Kaminblick und schauen andächtig, fast wie ins Nichts.

ZEIT: Wer kommt denn zu solchen Konzerten?

Schäfer: Viele Deutschlehrer oder Forscher, die sich für Mittelhochdeutsch interessieren. Und Menschen, die alte Musik und historische Instrumente mögen. Natürlich gibt es auch ein paar Leute, die einfach nur neugierig sind. Und einige, die romantische Vorstellungen vom Mittelalter haben. Die kommen in Ritterkostümen und freuen sich, wenn es Met zu trinken gibt.

ZEIT: Sie kleiden sich aber selbst etwas eigentümlich.

Schäfer: Ja, ich trage Bundschuhe und ein grünes Flatterhemd. Aber das ist nur Nebensache. Wir Minnesänger wollen eine mittelalterliche Liedkultur bewahren, kein Kostümfest veranstalten.

ZEIT: Wie darf man sich typische Minnesänger vorstellen?

SCHÄFER: Oft sind das Leute, die sehr sensibel sind und Bezug zu irgendeiner Form von Spiritualität haben. Sie finden sich wieder in der Geisteshaltung, die hinter vielen Minneliedern steht: dass ein Mensch geläutert wird durch eine Sehnsucht, die sich nie erfüllt.

ZEIT: Ahmen Sie nicht bloß eine ausgestorbene Tradition nach?

Schäfer: Im Gegenteil. Wir müssen sehr erfinderisch sein. Es sind uns zwar viele Texte überliefert. Aber zu den meisten kennen wir nicht einmal die Melodie. Also komponieren wir auch selbst im Stil des 12. oder 13. Jahrhunderts und suchen uns dann die passenden Instrumente. Das kann eine Schalmei sein, eine Drehleier oder eben ein Saiteninstrument. Wie die damals geklungen haben, wissen wir auch nur so ungefähr. Von manchen Instrumenten sind keine Originale erhalten, nach denen man Kopien fertigen könnte. So baut man dann Instrumente nach alten Gemälden.

ZEIT: Wie kamen Sie auf die Idee, Minnesänger zu werden?

Schäfer: Mit 14 hörte ich im Radio eine Sendung über mittelalterliche Musik. Ich habe mir sofort eine CD gekauft und die monatelang rauf und runter gespielt. Ich habe dann auch Musik studiert, aber vor allem aus der Barockzeit. Vor drei Jahren hörte ich zufällig von einem Minnesangwettstreit und bin gleich neu entflammt. Ich habe mich mit meiner Harfe in die Fußgängerzone gesetzt und das einfach mal ausprobiert. Und tatsächlich blieben Leute stehen und haben applaudiert.

ZEIT: Sie wurden dann so erfolgreich, dass man Sie zum besten Minnesänger des Jahres 2008 gewählt hat – vor deutlich älteren Kollegen. Ist Ihnen da die jugendliche Leidenschaft zugute gekommen?

Schäfer: Das glaube ich nicht. Minnesang arbeitet mit schlichten Grundklängen. Man zupft einen Harfenton und lässt ihn wirken. Das ist keine Musik, wo man die Zuhörer mit virtuosen Koloraturen oder rasanten Soli beeindrucken kann. Es braucht ein gewisses Alter, um sich so zurückzunehmen. Als Minnesänger kann man nicht cool sein wollen. Man trägt komische Klamotten und verneigt sich vor der Herrin. Für so etwas gibt es keine Fanpost.