Minnesänger Alte Liebe rostet nicht

Minnesang kann klingen wie Rap. In Braunschweig wetteifern Musiker aus sechs Ländern um die Gunst von Beatrix, Gemahlin Ottos IV.

Holger Schäfer, 38, wird auch für Hochzeiten und Geburtstage gebucht

Holger Schäfer, 38, wird auch für Hochzeiten und Geburtstage gebucht

DIE ZEIT: Herr Schäfer, Sie sind Minnesänger. Im Oktober treten Sie mit Ihrer Harfe und mittelhochdeutschen Versen für Deutschland an: beim ersten europäischen Minnesänger-Wettstreit in Braunschweig. Was fasziniert Sie an dieser Musik?

Holger Schäfer: Dass man sich völlig einem Gefühl hingibt. Wenn ich Minnesang vortrage, bin ich entrückt. Ich vergesse alles, was mit meinem Alltag zu tun hat. Das überträgt sich auch auf die Zuhörer. Wenn alles stimmig ist, bekommen sie so einen Kaminblick und schauen andächtig, fast wie ins Nichts.

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ZEIT: Wer kommt denn zu solchen Konzerten?

Schäfer: Viele Deutschlehrer oder Forscher, die sich für Mittelhochdeutsch interessieren. Und Menschen, die alte Musik und historische Instrumente mögen. Natürlich gibt es auch ein paar Leute, die einfach nur neugierig sind. Und einige, die romantische Vorstellungen vom Mittelalter haben. Die kommen in Ritterkostümen und freuen sich, wenn es Met zu trinken gibt.

ZEIT: Sie kleiden sich aber selbst etwas eigentümlich.

Schäfer: Ja, ich trage Bundschuhe und ein grünes Flatterhemd. Aber das ist nur Nebensache. Wir Minnesänger wollen eine mittelalterliche Liedkultur bewahren, kein Kostümfest veranstalten.

ZEIT: Wie darf man sich typische Minnesänger vorstellen?

SCHÄFER: Oft sind das Leute, die sehr sensibel sind und Bezug zu irgendeiner Form von Spiritualität haben. Sie finden sich wieder in der Geisteshaltung, die hinter vielen Minneliedern steht: dass ein Mensch geläutert wird durch eine Sehnsucht, die sich nie erfüllt.

ZEIT: Ahmen Sie nicht bloß eine ausgestorbene Tradition nach?

Schäfer: Im Gegenteil. Wir müssen sehr erfinderisch sein. Es sind uns zwar viele Texte überliefert. Aber zu den meisten kennen wir nicht einmal die Melodie. Also komponieren wir auch selbst im Stil des 12. oder 13. Jahrhunderts und suchen uns dann die passenden Instrumente. Das kann eine Schalmei sein, eine Drehleier oder eben ein Saiteninstrument. Wie die damals geklungen haben, wissen wir auch nur so ungefähr. Von manchen Instrumenten sind keine Originale erhalten, nach denen man Kopien fertigen könnte. So baut man dann Instrumente nach alten Gemälden.

ZEIT: Wie kamen Sie auf die Idee, Minnesänger zu werden?

Schäfer: Mit 14 hörte ich im Radio eine Sendung über mittelalterliche Musik. Ich habe mir sofort eine CD gekauft und die monatelang rauf und runter gespielt. Ich habe dann auch Musik studiert, aber vor allem aus der Barockzeit. Vor drei Jahren hörte ich zufällig von einem Minnesangwettstreit und bin gleich neu entflammt. Ich habe mich mit meiner Harfe in die Fußgängerzone gesetzt und das einfach mal ausprobiert. Und tatsächlich blieben Leute stehen und haben applaudiert.

ZEIT: Sie wurden dann so erfolgreich, dass man Sie zum besten Minnesänger des Jahres 2008 gewählt hat – vor deutlich älteren Kollegen. Ist Ihnen da die jugendliche Leidenschaft zugute gekommen?

Schäfer: Das glaube ich nicht. Minnesang arbeitet mit schlichten Grundklängen. Man zupft einen Harfenton und lässt ihn wirken. Das ist keine Musik, wo man die Zuhörer mit virtuosen Koloraturen oder rasanten Soli beeindrucken kann. Es braucht ein gewisses Alter, um sich so zurückzunehmen. Als Minnesänger kann man nicht cool sein wollen. Man trägt komische Klamotten und verneigt sich vor der Herrin. Für so etwas gibt es keine Fanpost.

ZEIT: Welches Lied mögen Sie besonders gerne?

Schäfer: Vil lieber grüesse süesse von Oswald von Wolkenstein. Da geht es um die Freude, dass der Winter vorbei ist und man den Frühling und das Leben genießen kann. Das klingt so schön, dass man den Text nicht mal verstehen muss. Die Reime sind kurz und rhythmisch wie beim Rap. Das mögen sogar Leute, die sonst nichts mit mittelalterlicher Musik anfangen können.

ZEIT: Gibt es eigentlich auch zeitgenössischen Minnesang?

Schäfer: Ja, neulich beim Festival »Minne meets« sind moderne Liedermacher und Chansonsängerinnen aufgetreten. Sie zeigten, dass es durchaus möglich ist, die Geisteshaltung des Minnesangs – das sehnsuchtsvolle Streben – in aktuelle Songtexte einfließen zu lassen.

ZEIT: Der Wettbewerb in Braunschweig setzt einen anderen Schwerpunkt. Die Stadt feiert momentan das Jubiläum Ottos IV., der 1209 zum Kaiser gekrönt wurde. Entsprechend soll Minnesang aus der Zeit erklingen, in der Otto gelebt hat. Was genau erwartet die Zuschauer?

Schäfer: Es nehmen sieben Sänger am Wettbewerb teil: einer aus jedem Land, das zu Ottos Reich gehörte. Da erklingen dann auch altfranzösische oder altitalienische Verse. Die Vorträge sind in ein Schauspiel eingebettet, bei dem das Kaiserpaar Otto und Beatrix auftritt.

ZEIT: Und wer wählt den Sieger?

Schäfer: Es gibt zwei Preise. Der eine wird wie beim Sängerwettstreit 1206 auf der Wartburg von der Herrin vergeben – in diesem Fall Ottos Gemahlin Beatrix. Den anderen vergibt das Publikum. Die Veranstalter rechnen ja mit sehr vielen Menschen, die sollen eingebunden werden.

ZEIT: Ist das denn realistisch? Minnesang ist doch eher etwas für eine kleine Minderheit.

Schäfer: Schon, aber die wird immer größer. Mittlerweile gibt es drei Minnesängerwettstreite in Deutschland, oft kommen Hunderte Zuhörer. Überhaupt wächst das Interesse an Minnesang. Ich werde neuerdings ständig für Hochzeiten oder Geburtstage gebucht.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das steigende Interesse?

Schäfer: Menschen mögen es, ein Gefühl von Gemeinschaft zu erleben. Gerade heute, wo alles unsicher ist, die Leute sich um Job und Zukunft sorgen. Unsere Zuhörer wollen Teil einer Gruppe sein, sich zusammen einer Stimmung hingeben. Sich nach Liebe zu sehnen – das ist ja bei allem Schmerz ein sehr schönes Gefühl.

Der 1. Europäische Minnesänger-Wettstreit findet am 17. Oktober statt, als Teil eines viertägigen Festivals. Die Tickets kosten 15,17 Euro. Infos unter www.braunschweig.de

 
Leser-Kommentare
  1. Den Eintrittspreis von 15,17 Euro finde ich reichlich krumm. Ansonsten sicher ein tolles Event.

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