Minnesänger Alte Liebe rostet nichtSeite 2/2

ZEIT: Welches Lied mögen Sie besonders gerne?

Schäfer: Vil lieber grüesse süesse von Oswald von Wolkenstein. Da geht es um die Freude, dass der Winter vorbei ist und man den Frühling und das Leben genießen kann. Das klingt so schön, dass man den Text nicht mal verstehen muss. Die Reime sind kurz und rhythmisch wie beim Rap. Das mögen sogar Leute, die sonst nichts mit mittelalterlicher Musik anfangen können.

ZEIT: Gibt es eigentlich auch zeitgenössischen Minnesang?

Schäfer: Ja, neulich beim Festival »Minne meets« sind moderne Liedermacher und Chansonsängerinnen aufgetreten. Sie zeigten, dass es durchaus möglich ist, die Geisteshaltung des Minnesangs – das sehnsuchtsvolle Streben – in aktuelle Songtexte einfließen zu lassen.

ZEIT: Der Wettbewerb in Braunschweig setzt einen anderen Schwerpunkt. Die Stadt feiert momentan das Jubiläum Ottos IV., der 1209 zum Kaiser gekrönt wurde. Entsprechend soll Minnesang aus der Zeit erklingen, in der Otto gelebt hat. Was genau erwartet die Zuschauer?

Schäfer: Es nehmen sieben Sänger am Wettbewerb teil: einer aus jedem Land, das zu Ottos Reich gehörte. Da erklingen dann auch altfranzösische oder altitalienische Verse. Die Vorträge sind in ein Schauspiel eingebettet, bei dem das Kaiserpaar Otto und Beatrix auftritt.

ZEIT: Und wer wählt den Sieger?

Schäfer: Es gibt zwei Preise. Der eine wird wie beim Sängerwettstreit 1206 auf der Wartburg von der Herrin vergeben – in diesem Fall Ottos Gemahlin Beatrix. Den anderen vergibt das Publikum. Die Veranstalter rechnen ja mit sehr vielen Menschen, die sollen eingebunden werden.

ZEIT: Ist das denn realistisch? Minnesang ist doch eher etwas für eine kleine Minderheit.

Schäfer: Schon, aber die wird immer größer. Mittlerweile gibt es drei Minnesängerwettstreite in Deutschland, oft kommen Hunderte Zuhörer. Überhaupt wächst das Interesse an Minnesang. Ich werde neuerdings ständig für Hochzeiten oder Geburtstage gebucht.

ZEIT: Wie erklären Sie sich das steigende Interesse?

Schäfer: Menschen mögen es, ein Gefühl von Gemeinschaft zu erleben. Gerade heute, wo alles unsicher ist, die Leute sich um Job und Zukunft sorgen. Unsere Zuhörer wollen Teil einer Gruppe sein, sich zusammen einer Stimmung hingeben. Sich nach Liebe zu sehnen – das ist ja bei allem Schmerz ein sehr schönes Gefühl.

Der 1. Europäische Minnesänger-Wettstreit findet am 17. Oktober statt, als Teil eines viertägigen Festivals. Die Tickets kosten 15,17 Euro. Infos unter www.braunschweig.de

 
Leser-Kommentare
  1. Den Eintrittspreis von 15,17 Euro finde ich reichlich krumm. Ansonsten sicher ein tolles Event.

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