Gewerkschaften "Die FDP ist eingeladen"
Michael Vassiliadis, designierter Chef der Chemiegewerkschaft, über seine Haltung zu Schwarz-Gelb, Steuererhöhungen für Unternehmen und die Lohnentwicklung in Zeiten der Krise.
DIE ZEIT: Erschüttert?
Michael Vassiliadis: Erschüttert nicht, überrascht. Ich hatte ein knapperes Ergebnis erwartet. Dass die SPD so tief fällt, hätte ich nicht gedacht.
ZEIT: Schwarz-Gelb übernimmt das Land, und Sie sind nicht erschüttert? Die Gewerkschaften haben das doch immer als größten anzunehmenden Unfall dargestellt.
Vassiliadis: Die Warnungen hatten ja auch ihren Grund. Aber die Frage ist jetzt, was die FDP wirklich durchsetzt. Und ob die Union bei dem bleibt, was sie in den vergangenen Jahren mitgetragen hat: sich nämlich auch um den sozialen Ausgleich in der Gesellschaft zu kümmern. Wie es jetzt weitergeht, wissen wir noch nicht. Es wird hoffentlich weniger dramatisch, als wir befürchtet haben.
ZEIT: Vor der Wahl sagten Sie, die Liberalen seien auf eine Regierungsaufgabe nicht vorbereitet. Was meinten Sie damit?
Vassiliadis: Vor einem halben Jahr habe ich von den Liberalen nur ihr altes Markt-Gerede vernommen. Neue Ideen, um aus der Krise herauszukommen, konnte ich nicht entdecken.
ZEIT: Hat die FDP aus der Krise also nichts gelernt?
- IG BCE
Michael Vassiliadis wird in zwei Wochen aller Voraussicht nach zum neuen Chef der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) gewählt. Als Nachfolger des aus Altersgründen ausscheidenden Hubertus Schmoldt wird er dann die drittgrößte Gewerkschaft in Deutschland führen. Er dürfte fortsetzen, was auch das Markenzeichen Schmoldts war: den partnerschaftlichen Umgang, den die IG BCE und die Arbeitgeberverbände in ihren Branchen miteinander pflegen.
- Jüngster Gewerkschaftschef
Mit seinen 45 Jahren ist Vassiliadis dann der jüngste Gewerkschaftschef innerhalb des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Außerdem ist der Sohn einer Deutschen und eines griechischen Chemiearbeiters auch der erste Vorsitzende mit »Migrationshintergrund«.
- Vassiliadis
Nach dem Besuch der Realschule absolvierte Vassiliadis eine Ausbildung zum Chemielaboranten und arbeitete bei der Bayer AG. Seit 1981 ist er SPD-Mitglied,seit 1986 hauptberuflicher Gewerkschaftsfunktionär. 2004 wurde er Mitglied des Bundesvorstands der IG BCE und dort zuständig für Betriebsräte, Vertrauensleute, Bildung und Jugend. Außerdem vertritt Vassiliadis die Gewerkschaft in den Aufsichtsräten von BASF, Henkel, Kali + Salz sowie der Evonik Steag GmbH
Vassiliadis: Wir werden sehen. Die FDP versteht sich nun mal als Partei des Marktes, den Staat will sie möglichst aus allem raushalten. Das ist falsch. Aber völlig spurlos ist die Krise auch an den Liberalen nicht vorübergegangen. Im Wahlkampf gab es ja einige Überraschungen.
ZEIT: Welche?
Vassiliadis: Zum Beispiel, dass die FDP das Thema Schonvermögen bei Hartz IV aufgegriffen hat. Das ist nicht gerade ein klassisches FDP-Thema. Es kann also gut sein, dass es in der neuen Koalition Themen gibt, die als Grundlage für eine Zusammenarbeit taugen.
ZEIT: Was muss die Bundesregierung in den nächsten 100 Tagen tun, um das Land durch die Krise zu steuern?
Vassiliadis: Auf der einen Seite muss sie sich um die Megathemen kümmern, die es schon vor der Krise gab, Demografie und Bildung etwa. Das zweite ist das Krisenmanagement. Da sollten die Dinge, die funktionieren, fortgesetzt werden, beispielsweise die Kurzarbeit.
ZEIT: Wird die denn noch lange helfen? Was hören Sie aus den Betrieben?
- Datum 13.10.2009 - 11:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2009 Nr. 41
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