BBC-Autoshow Voll aufs Gas

Eine skurrile britische PS-Show macht weltweit Furore – gegen alle Vernunft

"Top Gear"-Moderator Jeremy Clarkson in einem Aston Martin, den er in seiner BBC-Show fährt, 300 km nordwestlich von Bukarest

"Top Gear"-Moderator Jeremy Clarkson in einem Aston Martin, den er in seiner BBC-Show fährt, 300 km nordwestlich von Bukarest

Nun ist sie vorbei, die IAA in Frankfurt, die größte Autoschau der Welt. Was haben wir gelernt? Dass die mobile Zukunft vernünftig sein muss! All die Chefs der Autokonzerne sprachen viel und oft von zero emission und »Elektromobilität«, und die Besucher bestaunten die grünen Supersparer der Zukunft.

Und dennoch: Genauso prominent und irgendwie aufregender waren die dort gezeigten Superschlitten. Der neue Bentley Mulsanne, ein Traum in Nussbaumholz und Leder mit mehr als 600 PS unter der Haube. Oder der flügeltürige Mercedes SLS, mit seinem Retrolook vielleicht das coolste Auto aller Zeiten. Denn Autofahren hat in seiner Essenz eben nicht nur mit Vernunft zu tun. Noch wollen die meisten Menschen, wenn sie sich anschnallen, genauso wenig an den Klimawandel denken wie an die Steuererklärung. Viel lieber wollen sie den Benzinproleten in sich freilassen. »Ich geb Gas, ich will Spaß«, hieß es in einem Song der Achtziger. Und genau das ist auch das Motto von Top Gear – einer Autoshow des britischen TV-Senders BBC, die weltweit 350 Millionen Zuschauer vor die Glotze lockt.

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Hier geht es nicht um Verbrauch oder Kofferraumvolumen. Bei Top Gear wird das Auto zum Vehikel für brillante Fernsehunterhaltung. Hier werden nur Autos getestet, die mindestens 300 PS haben und mehr als 60.000 Euro kosten – klimafeindliche Spritschlucker also. Die Showmaster sind drei Rüpel mittleren Alters: Jeremy Clarkson, James May und Richard Hammond. Gespielt halbgebildet und selbstsicher in ihren Vorurteilen, bieten sie das Antidot zum politisch korrekten Fernsehen. Bei Top Gear sind Amerikaner einfach zu dick und zu stillos, um anständige Autos zu bauen.

Die Deutschen bauen gute Autos, zugegeben, aber dafür haben sie zwei Weltkriege verloren und die Fußball-WM 1966 dazu. Es ist der undifferenzierte, faule Blick auf die Welt, das krasse Stammtischgetöse, an dem sich Millionen von Fernsehzuschauern erfreuen. Wenn Clarkson und Hammond dann im Audi R8 (420 PS, 301 km/h Spitzengeschwindigkeit) und im Porsche Carrera 2S (385 PS, 300 km/h Spitze) auf Top Gears hauseigener Rennstrecke gegeneinander antreten, die Reifen kreischen und die Bremsen qualmen, dann kommt das TV-Publikum dem Spaß am Speed näher als bei jeder Formel-1-Übertragung.

Perfekt ist der Sonntagabend, wenn Clarkson sich mit kindlichem Übermut in einen Range Rover setzt und dessen Geländegängigkeit gegen einen Challenger Kampfpanzer beweisen muss und, natürlich, verliert. Oder wenn er im Nissan GT-R (485 PS, 310 km/h Spitze) gegen den Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen in Japan um die Wette fährt.

Fragt sich, warum Top Gear auf der ganzen Welt zu sehen ist, nur nicht in Deutschland? Die Wahrheit ist wohl, dass das deutsche Publikum eher unterkühlt reagieren würde, wenn Clarkson auf RTL beim Autotest von Hitlers Messerschmitt- und Churchills Spitfire-Kampfflugzeugen schwadronieren würde. Die deutschen Autobauer dagegen stört der englische Humor wenig.

 Für sie ist Top Gear als kostenlose Werbeplattform unbezahlbar. »Clarkson ist der ultimative Richter«, sagt Jon Zammett von Audi UK. Als Clarkson sich vor zwei Jahren im Audi RS4 in den Bergen ein dramatisches Wettrennen mit zwei Freikletterern lieferte, wurde der RS4 zum meistverkauften Wagen seiner Art. »Wir haben damals mehr verkauft als BMW M3 und M5 zusammen«, sagt Zammett.

Kein Wunder also, dass die Warteliste für den rund 80.000 Euro teuren Supersportler R8 so lang ist. An sich sind Clarkson deutsche Autos aber »zu klinisch«. Er bevorzugt Ferrari oder Lamborghini, glaubt, dass Italiener ihre Autos auch mit dem Herzen bauen. Der Ästhetik seines, zugegeben total unpraktischen, Lieblingsautos, einem rasanten Alfa 8C, spricht er gar »göttliche Vollkommenheit« zu.

So was kann wohl nur ein Engländer behaupten. Ein Autoenthusiast, der immer wieder selbstverächtlich betont, »dass die Briten einfach zu dumm sind, um noch eigene Autos zu bauen«. Aber dafür haben sie Spaß.

 
Leser-Kommentare
  1. Richtig, Top Gear läuft vermutlich mangels jeder „political correctness“ nicht im öffentlich – rechtlichen und mangels hinreichend der englischen Sprache mächtiger Zuschauer wahrscheinlich nicht auf RTL & Co.

    Und seien Sie beruhigt, das ist auch gar nicht notwendig, weil sich die Gruppe der hiesigen Freunde von Clarkson & Konsorten, welche wohl größtenteils aus den heute mittel - alten Herren besteht, die während ihrer Oberstufenzeit auf dem Gymmi lieber nachmittags an ihren Moppeds herumfrisiert haben, um damit verbotenerweise durch den Wald zu fahren, anstatt zusätzliche Wahlkurse zu belegen und sich dann später, nach Studium und mit gut dotiertem Job versehen, sich endlich entsprechende Sportwagen anschafften, die holen sich die ganzen Filme sowieso als DVD nachhause.

    Neben der Top Gear Reihe gibt es übrigens auch noch jedes Jahr einen von Mr. Clarkson selber zusätzlich produzierten Film…wahrscheinlich ist manches selbst der BBC zu derb.

    Als ich noch Mofa fuhr, las ich einmal in einem Test in einer Motorradzeitung folgende Einleitung:

    „Wer nie auf die Idee käme, seine Bücherwand und seinen Renault 4 gegen eine Stereoanlage und eine Ducati einzutauschen, braucht ab hier sowieso nicht weiter zu lesen..“

    So ähnlich verhält es sich, denke ich, auch mit diesen Filmen.

    Viel Spaß beim Anschauen wünsche ich.

  2. ... warum TopGear nicht in Deutschland läuft, ist, dass hier alle ausländischen Sendungen synchronisiert werden müssen. Überall sonst laufen z.B. englischsprachige Filme mit Untertiteln.
    Nur würde ein synchronisiertes TopGear niemals funktionieren, da es von den englischen Wortwitz der drei lebt.
    Das hat absolut nichts mit Political Correctness zu tun. Es gibt sehr viele Deutsche Zuschauer, die die Sendung z.B. über BBC World verfolgen.

  3. 3.

    Hört sich gut an. Solange mans mit Humor versteht sicher eine nette Abwechslung.

    • Guido3
    • 30.09.2009 um 16:38 Uhr

    Die grandiosesten Folgen von Top Gear sind nicht die, in denen irgendwelche PS-strotzenden Sportwagen irgendwelchen Tests unterzogen werden.

    Die mit Abstand besten Folgen sind die, wo die 3 skurrilen Typen durch fremde Länder fahren. Mit 3 steinalten, schrottigen Fahrzeugen durch Botswana oder auf 3 klapprigen Mopeds durch Vietnam.

    Man suche bei Youtube nach Top Gear plus Ländername...

  4. Egal, ob die 3 derbe unkorrekte Sprüche lassen oder nicht - sie sorgen dafür, dass Erwachsene endlich wieder wie Kinder Bauklötze staunen können. Wenn ich zufällig mal über Top Gear stolpere genieße ich's.

  5. ..frage mich allerdings, warum Hr Jungclaussen schon nach 7 Jahren von Topgear hört.
    In Nord-/West-D übrigens über Satellit mit ner 90er Schüssel zu empfangen, wird es hoffendlich nie in D (synchronisiert) ausgestrahlt, grad wg dem GB-Wortwitz und der Lässigkeit.
    Dann die hochwertigen, ja schon Filmartigen Beiträge, die die deutschen Formate Erna-mässig aussehen lassen, weil jene im Grunde immer nur das gleiche sind, hpt-sächlich von TG abgekuckt
    Und ich glaube, der deutsche Zuschauer hätte es schon gern gesehen, wie sich der Stig (Unwissende: google!) Anfang der 13. Staffel als M Schuhmacher outet. (Ob Fake oder nicht, das ist die Frage. Aber auch latte, da es es ein Auto UND Fun-Format ist)
    Abgesehen davon stören mich die "typischen" Witze von Mr Clarkson nicht, da: Hallo, it GB-Fun, teilweise eben ultrablack und extraspöttisch! und genau darum lache ich mich jedesmal schief.
    Aber in D gibts ja genug, die zum Lachen in den Keller gehen, aber da sind meiner Meinung auch die verklemmten Political-Correctness-Moralapostel gut aufgehoben. Und wer traurig vor der Glotze sitzen will, kann sich ja Pocher ansehen.
    TG hat sich im Großen und Ganzen seit 2003 nicht verändert und das ist ja das Schöne: 3 große Kinder im mittleren Alter, die genau das tun, was man selbst mal machen will. Nicht umsonst stehts sogar auf der TG-Website: "The boys with the best jobs in Telly"
    Wohl war..

  6. Es ist nicht der Sinn von Top Gear, politisch inkorrekt diejenigen Autos zu testen, die sich über Leistung, Luxus und Lasterhaftigkeit definieren. Der Sinn ist gute Unterhaltung.

    Dabei setzen sich die Macher ernsthaft mit dem Thema Auto auseinander. Beeindruckende Inszenierung mit Liebe zum Detail, kluge und höchst kritische Texte sowie das harmonisch unharmonische Rollenspiel der Moderatoren vermitteln dem Zuschauer das Gefühl(!) dafür, ob ein Auto fantastisch oder grauenhaft ist.

    In Deutschland dagegen (und nebenbei:„unsere“ Formate „testen“ auch mit Vorliebe Autos für mehr als 100.000 Euro) werden lieblose Werbezeitenüberbrückungsfilmchen gezeigt. Anders kann man das proletenhafte Herumgealbere bei Grip, automobilferne Themen bei Auto Mobil oder Dauerwerbesendungen wie DSF-Motor nicht nennen. Belanglosigkeiten - monoton präsentiert von farblosen Moderatoren, gepaart mit ewig gleichen Bildern vorbeifahrender Autos.
    Schrecklich.

    TG England würde hier tatsächlich nicht funktionieren - schon gar nicht synchronisiert! Es sollte aber der Denkanstoss sein für einen unverkrampfteren und kritischeren Umgang mit dem Thema Auto im TV.

    Das wiederum kann funktionieren. Schauen Sie mal auf Temporama.de. Thema Automobil-komplett Low Budget aber mit Freude, Ernsthaftigkeit und Unterhaltungswert hebt es sich um Lichtjahre von dem meinungs- und spaßbefreiten Unsinn ab, der einem sonst in Deutschland zum Thema Auto serviert wird.

    Warum gibt es das nicht im deutschen Fernsehen??

  7. Was soll uns dies Geschreibsel sagen?

    Wer einmal TopGear gesehen hat, kann die langweiligen deutschen Pendants nicht mehr ertragen.

    Autos sind emotionale Produkte, die Spaß machen, die träumen lassen. Alle Welt versteht, dass das Leben nicht immer und überall ernst sein muss, nur der teutsche Akademiker scheinbar nicht.

    Autos sind geil, die Jungs (! nicht Männer) haben gute, lustige Ideen, z.B. das Wettrennen zwischen Aston Martin (Clarkson) und öffentlichen Verkehrsmitteln vom BBC-Hauptquartier bis zum Casino in Monte Carlo (Aston Martin gewinnt mit 5 Min. Vorsprung)! Wollen/kaufen wir deshalb einen Aston? Wohl eher nicht.

    Unvergessen auch die allesamt vergeblichen Versuche einen Toyota HiLux (deutlich billiger als 60T€) zu zerstören. Selbst die Sprengung eines Hochhauses, auf dem das Auto festgekettet war, reichte nicht...

    Schade, dass hierzulande keiner auf solche Ideen für gute Unterhaltung kommt!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • versis
    • 10.02.2010 um 9:52 Uhr

    Ich bin ja sehr froh, dass ich (trotz Akademiker und unter 30) eigentlich nicht in die Zielgruppe passe, die in den Kommentaren skizziert wird. Und trotzdem lache ich mich seit nunmehr 12 Staffeln regelmäßig schief über jede Episode. Den Kommentaren hier ist kaum was hinzuzufügen, außer vielleicht die Hoffnung, dass man auch ohne Satellitenschüssel irgendwann regulär in Deutschland solche Sendungen sehen kann. Dabei gehe ich nicht davon aus, dass es die deutschen Sender, egal ob ÖR oder privat, solche Produktionen in näherer Zukunft auf die Reihe bekommen. Das herangezüchtete Publikum wird man nur schwer wieder los.
    Zum Artikel selbst nur so viel: auch wenn schnelle Autos natürlich in der Überzahl sind, waren die Berichte über Kleinwagen oder der Vergleichstest der billigen ostasiatischen Autos oder des Tesla Roadster nicht langweilig. Die Bandbreite der Sendung ist wesentlich größer, als der Artikel einen glauben lässt.

    • versis
    • 10.02.2010 um 9:52 Uhr

    Ich bin ja sehr froh, dass ich (trotz Akademiker und unter 30) eigentlich nicht in die Zielgruppe passe, die in den Kommentaren skizziert wird. Und trotzdem lache ich mich seit nunmehr 12 Staffeln regelmäßig schief über jede Episode. Den Kommentaren hier ist kaum was hinzuzufügen, außer vielleicht die Hoffnung, dass man auch ohne Satellitenschüssel irgendwann regulär in Deutschland solche Sendungen sehen kann. Dabei gehe ich nicht davon aus, dass es die deutschen Sender, egal ob ÖR oder privat, solche Produktionen in näherer Zukunft auf die Reihe bekommen. Das herangezüchtete Publikum wird man nur schwer wieder los.
    Zum Artikel selbst nur so viel: auch wenn schnelle Autos natürlich in der Überzahl sind, waren die Berichte über Kleinwagen oder der Vergleichstest der billigen ostasiatischen Autos oder des Tesla Roadster nicht langweilig. Die Bandbreite der Sendung ist wesentlich größer, als der Artikel einen glauben lässt.

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