Wenn der Monsun geht, kommt die Angst zurück, die Angst der Seefahrer vor der Küste Somalias. Sie fürchten, dass die Piraten noch heftiger und mit noch besseren Waffen zuschlagen als vor der Monsunzeit, während der die Seeräuber mit ihren Schnellbooten kaum eine Chance gegen die hohen Wellen hatten.

Die Angst verursacht Kosten, selbst wenn es den Piraten nicht gelingt, ein Schiff zu kapern und Lösegeld zu erpressen. Schließlich haben die Reeder kaum eine andere Wahl, als ihre Schiffe aufzurüsten und besser gegen Angriffe zu wappnen. Sorgen müssen sie sich vor allem um langsame Frachter mit niedriger Bordwand, die in der Vergangenheit häufig Ziel der Übergriffe waren. Mit Stacheldraht oder mit einer Art rasierklingenbesetztem Nato-Draht ist der Kampf gegen die Piraten nicht zu gewinnen. Viele Schiffe setzen Wasserkanonen ein, um die Seeräuber am Erklimmen der Bordwand zu hindern. Die Bremer Reederei Beluga Shipping kann Chemikalien in das Wasser mischen, die den Angreifern in den Augen brennen. Andere stellen an Deck Puppen auf, die Wachen oder Soldaten vortäuschen sollen. Die Fenster auf der Brücke werden mit Folie beklebt, damit sie bei Beschuss nicht zersplittern. Immer mehr Reeder richten auf ihren Schiffen einen Panic Room ein, in dem sich die Besatzung verbarrikadieren kann.

Derzeit gibt es eine regelrechte Flut an Angeboten zur Piratenabwehr. Firmen, die bisher Staatslimousinen und Geldtransporter mit schusssicherem Stahl gepanzert haben, machen neuerdings Schiffseigner auf ihre Dienste aufmerksam. Andere laden eigens nach Rotterdam ein, um einen »Vorhang« aus achtzig Grad heißem Wasser zu demonstrieren, der rund um das Schiff angebracht wird. Und eine Piraterie-Konferenz in Südengland dient als Verkaufsveranstaltung für DVDs (Sicherheitsübung: Neun Schritte zum Erfolg) sowie Überwachungs- und Wärmebildkameras.

Eine bessere Ausstattung an Bord der Schiffe allein genügt nicht, um die Piraten abzuwehren. Vor allem muss die Mannschaft den Ernstfall üben. Jan Kestner, Sicherheitsberater bei Clayton Consultants, fliegt dafür schon mal nach Afrika, um mit der Besatzung eines Schiffes im letzten Hafen vor dem gefährlichen Seegebiet an Bord zu trainieren. »So etwas hätte es vor einem Jahr nicht gegeben«, sagt Kestner. In Notfallplänen ist festgelegt, welches Crewmitglied die Gänge mit Stacheldraht blockiert, mit den Piraten kommuniziert und sie an Bord lässt, wenn es keinen Ausweg mehr gibt – etwa wenn die Angreifer das Schiff mit einer Panzerfaust bedrohen. Die Abläufe müssen sitzen.

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»An Bord wird extrem viel geübt«, heißt es beim Verband Deutscher Reeder (VDR). Doch von Sicherheitsexperten, die ihre Dienste verkaufen wollen, kommt Kritik. Dirk Steffen, Berater bei einem Anbieter von Sicherheitsanalysen namens Risk Intelligence, meint, dass Schiffe häufig nur intuitiv mit Sicherheitsvorkehrungen ausgestattet werden und viele Kapitäne nicht militärstrategisch genug denken. Da seien ihnen die Piraten vor der Küste Somalias einen Schritt voraus. Denn die führten einen regelrechten Seekrieg mit den gleichen taktischen Prinzipien, wie sie auch die Marine verwende. »Bei einigen Reedern gilt die Devise ›Augen zu und durch‹«, sagt Steffen. »Andere wollen sich schützen, das darf dann aber nichts kosten.«

Zwischen 8000 und 15.000 Euro plant der Sicherheitsbeauftragte einer Hamburger Reederei ein, wenn ein Schiff für gefährliche Passagen gerüstet werden soll. Beluga Shipping mit ihrer Flotte aus 64 Frachtern hat für den Antipiratenkampf nach eigenen Angaben insgesamt fünf Millionen Euro zusätzliche Kosten pro Jahr. Gemessen am Ergebnis des Unternehmens für 2008 von 68 Millionen Euro, erscheint das nicht allzu viel. Doch Hans-Heinrich Nöll, Hauptgeschäftsführer des VDR, sagt: »Die zusätzlichen Kosten belasten die Reedereien sehr.« Sie können sich das Geld offenbar nicht von ihren Kunden zurückholen. Davon gehen zumindest laut einer Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) 60 Prozent der 101 befragten deutschen Reedereien aus. Das Problem trifft sie zu einem ungünstigen Zeitpunkt, sorgt doch die Wirtschaftskrise ohnehin für große Einbußen. So klagte jede zweite Reederei über eine zu geringe Auslastung ihrer Schiffe.

Die Ausgaben zur Piratenabwehr scheinen unvermeidbar, denn das Risiko eines Überfalls ist rasant gestiegen. Von Januar bis Mitte September 2009 wurden weltweit 294 Schiffe von Piraten angegriffen und damit genauso viele wie im ganzen vergangenen Jahr, berichtet das International Maritime Bureau. Allein 97 dieser Fälle ereigneten sich im Golf von Aden, den pro Jahr etwa 25000 Handelsschiffe auf dem Weg zwischen Europa und Asien durchfahren. Im gesamten Jahr 2008 waren es noch 92 Überfälle in dieser Region. Auch deutsche Reeder hat es inzwischen erwischt: Neben der Hansa Stavanger wurden seit Mai 2008 fünf weitere Schiffe von Piraten entführt. In der PwC-Studie gab jedes fünfte Unternehmen an, dass seine Schiffe bereits von Piraten angegriffen wurden.