Die Empörung hat viele Freunde. Sie postierten sich vergangenen Sonntag in Reih und Glied vor einem Zürcher Kino mit Plakaten, auf denen stand zum Beispiel: »Free Polanski!« So forderte man früher die Freilassung politischer Gefangener. Und der Dokumentarfilmer Christian Frei gab zu Protokoll: »Ich schäme mich in diesem Moment, Schweizer zu sein.«

Was war Beschämendes passiert? Die Polizei hatte am Samstagabend den weltberühmten Regisseur Roman Polanski, der, von Paris über Wien kommend, in Zürich eintraf, verhaftet. Am Mittwoch davor war bei der Schweizer Justiz ein Haftbefehl aus Amerika eingegangen, der auf den polnisch-französischen Doppelbürger lautete. Die Staatsanwaltschaft Los Angeles hatte im Internet gelesen, dass der 76-Jährige beim Zürcher Filmfestival für sein Lebenswerk geehrt werden soll. Die Anklage: Sex mit einer 13-Jährigen, geschehen 1977 im Haus von Jack Nicholson am Mulholland Drive in Los Angeles. Dem Urteil hatte sich Polanski, der die Tat nicht leugnet, durch Flucht nach Europa entzogen. Seitdem versuchen die Amerikaner, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, vom Jahr 2005 an mit einem internationalen Haftbefehl.

Nun hat die Schweiz 1997 ein Abkommen mit den USA geschlossen, das sie verpflichtet, Menschen, die in den Staaten gesucht werden, festzunehmen und auszuliefern. Deshalb stellt sich die verantwortliche Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf auch auf den Standpunkt, dass man gar nicht anders konnte, als den berühmten Mann dingfest zu machen. Da hat sie einerseits recht – und andererseits auch nicht. Das Vorgehen der Schweizer ist juristisch korrekt, leider aber auch ein bisschen sehr beflissen. Es gibt nämlich keine direkte Handhabe gegen einen Staat, der dem Abkommen nicht Folge leistet. Die Schweiz hätte Roman Polanski also nicht festnehmen müssen, sie hätte sich den Amerikanern verweigern können. Überdies besitzt der Regisseur seit vielen Jahren ein Chalet im Nobelkurort Gstaad im Berner Oberland, wo er sich oft monatelang aufgehalten hat. Es wäre ein Leichtes gewesen, seiner habhaft zu werden – wenn man gewollt hätte. Hier stimmt etwas nicht.

Warum also jetzt? Weil sich in der Schweiz politische und wirtschaftliche Interessen mischen. Unlängst erst konnte die Schweizer Großbank UBS mit den amerikanischen Steuerbehörden unter tatkräftiger Mithilfe der Schweizer Politik einen Vergleich erzielen, der die Bank wohl vor dem Untergang und die Schweiz vor dem endgültigen Verlust eines so alten wie erfolgreichen Geschäftsmodells bewahrte. Auf dem Spiel stand das Bankgeheimnis. Der US-Fiskus wollte alle Einzelheiten über die Bankbeziehungen von 52.000 amerikanischen UBS-Kunden. Der finanzielle Verlust der Bank wäre immens, der Imageverlust wäre tödlich gewesen. Jetzt bekommen die Amerikaner nur einen Bruchteil der Daten.

Man muss die Verhaftung Polanskis also vor diesem Hintergrund sehen. Der Regisseur reiste in ein Land, dem es gerade an Selbstvertrauen mangelt. Das verdeutlicht schon der Vergleich mit Deutschland. Obwohl Roman Polanski vergangenen Winter wochenlang unter großer medialer Beachtung auf Sylt seinen Film Ghost drehte, schritten die Behörden nicht ein. Auch Deutschland hat ein Auslieferungsabkommen mit den USA, auch Deutschland muss jemanden festnehmen, der von Interpol zur Verhaftung ausgeschrieben ist. Aber in der zuständigen Staatsanwaltschaft in Los Angeles hatte man nicht mal Kenntnis davon, dass Polanski überhaupt in Deutschland war. Die simple Antwort der Sprecherin lautet: »Davon weiß ich nichts.« Die Wahrheit ist also banal: Die Schweiz hatte wohl das Pech, dass ein Staatsanwalt in Los Angeles gerade mal wieder seine »Google Alerts« zu Roman Polanski checkte, als dieser nach Zürich eingeladen wurde.

Und leider konnten es sich die Schweizer nicht leisten, den großen Bruder Amerika erneut zu verstimmen. Die Folgen wären vielleicht gravierend gewesen. Da stellte man dem prominenten Gast lieber in vorauseilendem Gehorsam eine Falle. Warum man ihm allerdings nicht rechtzeitig ein Zeichen gegeben hat, der Veranstaltung fernzubleiben, ist ein Rätsel.

Jetzt nimmt die Schweiz in Kauf, zwischen den amerikanischen Hammer und den französischen Amboss zu geraten. Die Politik des Nachbarlandes will es nämlich nicht hinnehmen, dass einer der Ihren hinter Gittern sitzt. Der französische Kulturminister Frédéric Mitterrand sagte jüngst in einem Interview: »Es gibt ein großzügiges Amerika, das wir lieben, und es gibt ein Amerika, das Angst macht – und dieses Amerika zeigt uns gerade sein Gesicht.«