Harry Rowohlts Kolumne Pooh's Corner
Der Kolumnist vertritt hier die Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand. Diesmal sinniert er über Szenen im Park und einen Verlag im Kreis Stormarn.
Lieblingserlebnis 1. Im Park hält eine Dame an der langen Leine eine Beagle-Hündin, die sich sozusagen im Handstand löst, das heißt, sie steht auf den Vorderbeinen und pinkelt dabei. Ich bleibe stehen und lobe: »Das ist ja richtig akrobatisch.« Die Dame errötet leicht und sagt: »Hab ich ihr ja auch jahrelang vorgemacht.«
Lieblingserlebnis 2. Ich will bei der Linden- straße anrufen, verwähle mich und wähle nicht 0221/2205294, sondern 0221/2295294. Eine unbekannte Männerstimme meldet sich: »Ja?« Ich sage: »Moin, hier ist Harry. Kann ich bitte Thomas sprechen.« – »Wer ist da?«, fragt die unbekannte Männerstimme. Ich denke: »Generation Praktikum«, und sage, fettig mit Sarkasmus versetzt: »Hier ist Harry Rowohlt. Ich spiele seit vierzehn Jahren einen Nichtseßhaften in der beliebten Vorabendserie Lindenstraße, die sonntags von der ARD um 18 Uhr 50 ausgestrahlt wird.« Sagt der Mann: »Und da rufen Sie die Polizei an?«
Und dann war ich siebzehn Tage in »jener Herrlichkeit namens Griechenland« (Flann O’Brien). Laiki, unser kommunistischer Ex-Bürgermeister, kommt gerade rechtzeitig, als Kneipenwirt Iorgo Tiger mit seiner doppelläufigen Schrotflinte einen Fuchs abknallen will, haut dem Tiger die Flinte hoch, so daß der Schuß nur den verhangenen Himmel über der Ägäis trifft, und fährt ihn an: »Anstatt froh zu sein, daß wir so etwas Schönes wie einen Fuchs noch haben, knallst du ihn einfach ab, du Träne.« Der Tiger verteidigt sich, der Fuchs klaue ihm immer die Hühner. »Dann bau Hühnerdraht drumrum, du Faulpelz!« Inzwischen hat Ianos, Laikis einäugiger Hund, gewittert, daß der Fuchs eine Füchsin ist, und macht mit ihr das, was sein Herrchen immer mit Touristinnen macht. Die Füchsin legt die Ohren an und denkt: »Etwas Besseres als den Tod finde ich allemal«, und Ianos, der einäugige Ex-Bürgermeistershund, denkt: »Kann mir mal jemand sagen, warum hier alles lacht?«
In seiner Amtszeit hat Laiki zwei Umkleidekabinen errichten lassen. Die eine wurde vom Meer verschlungen und nie wieder hergegeben, und wenn mich ein Tourist fragt, ob man sich hier irgendwo umziehen kann, deute ich auf die andere und sage: »Dort, im letzten stummen Zeugen der kommunistischen Unrechtsherrschaft.«
Weil ich zu blöd für einen Computer (nicht dagegen blöd genug für ein Handy) bin, brauche ich dringend eine Schreibmaschine mit deutschen Typen. Man ist ja nicht nur selbstischer Erlebniskonsument, sondern man will Ihnen auch was davon erzählen…, also Ihnen , nicht Herrn Grau aus Bamberg. Ich höre, daß ein Deutscher, den ich von früher kenne, mir seine leihen will. Wir fahren auf den Pilion, wo er am schroffsten und schrundigsten ist, altes Andartenland, Partisanengebiet, während des Bürgerkriegs als Räterepublik unabhängig. Er zeigt mir seine Schwarzbrennerei und seine Schreibmaschine. Wie ein Koksdealer benetze ich mein Zahnfleisch mit Feigenschnaps und bewundere das Schreibmaschinchen, eine liebevoll gepflegte, tadellos funktionierende echte »Voss«. Ich frage ihn, wo ich sie am Abreisetag vertrauenswürdig im Kreiskaff abstellen soll, damit er sie dort irgendwann abholt. Er sagt, er hat sowieso einen Computer, und besteht darauf, sie mir zu schenken, ich will aber nichts so Wertvolles geschenkt kriegen und bestehe darauf, daß er sie behält.
Vor vielen Jahren versuchte er, in Deutschland Fuß zu fassen, und rief mich an, um mir für meinen Verlag eine Telefonanlage anzudrehen. Damit bezog er sich auf den gleichnamigen Rowohlt Verlag, den mit Abstand bedeutendsten belletristischen Verlag im gesamten Landkreis Stormarn. Ich sagte, erstens hätte ich keinen Verlag, würde nur wegen seiner Telefonanlage auch keinen gründen wollen, und zweitens hätte ich genau diese Telefonanlage als Lehrling bei Suhrkamp bereits am eigenen Leibe erlebt. Die hatte vier Anschlüsse und beherrschte ein »Besetzt«-Zeichen erst, wenn auf allen vier Anschlüssen gesprochen wurde, so daß praktisch jeder Anrufer sagte: »Warum geht denn bei euch niemand ans Telefon?« Das erklärte man dann, Peter Weiss sagte, Entschuldigung, das habe er nicht gewußt, die Brecht-Erben sagten, jaja, die Technik, Martin Walser herrschte einen an, er wolle sofort zu Herrn Dr. Unseld durchgestellt werden, und Uwe Johnson kapierte wie immer gar nix.
Vielleicht hätte ich die Schreibmaschine doch nehmen sollen.
- Datum 09.10.2009 - 12:34 Uhr
- Serie Pooh's Corner
- Quelle DIE ZEIT, 01.10.2009 Nr. 41
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Ja! Das freut mich denn doch! Es gibt noch weitere Menschen, denen das Computerland wie ein Wald voller Fallgruben erscheint. Abfallgruben?
Kam mit der Spätmaschine aus Berlin. Und wollte noch schnell selbst ein Layout aktualisieren. Da fragt mich der Oberschlau, also mein Computer: "Willst du die Schrift in Pfade verwandeln?" Häh? Oder: "Der Dateiname ist zu lang", rülpst mir Oberschlau entgegen. Dabei habe ich ihm gar keinen emanzipatorischen Doppelnamen verpasst. Also kürze ich ab: 'Acheiplamimaneu'. Was so viel heisst wie 'Achtzehntel-Plakat mit Manuel Neuer als Keyvisual'. Häppchen-Journalismus, von Oberschlau angeordnet. Schöne neue Online-Welt!
Sollte ich je auf die Idee kommen, mit der Maus zu zeichnen, mögen mich sämtliche Bleistifte dieser Welt durchbohren. Hätte Leonardo da Vinci schon einen Computer besessen, Mona Lisa sähe wohl eher aus wie ein Roboter. Oder eine Roboterin. Oder eben wie Lara Croft.
Oberschlau! So oberschlau ist der gar nicht. Jedenfalls häufen sich seine Abstürze. Kleinlaut dreht sich die Pizza auf meinem Monitor. Und das winzige Uhr-Icon bekommt seine Zeiger nicht richtig in Schwung. Falls ich mal abstürze, weiß ich meistens, warum. Aber warum Oberschlau, plötzlich und ohne vorherige Anzeichen, abstürzt, weiß ich nicht. "Datei geschützt!" Mehr gibt er nicht preis. Und am nächsten Morgen erinnert mich Oberschlau an einen meiner Dozenten, der oft unter meine Entwürfe schrieb: "Oma." Er meinte aber nicht meine Oma, sondern: "Once more again!"
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