Rare Musik von Honest Jon's Das Gold der frühen Jahre

Überall auf der Welt suchen Sammler fieberhaft Schellacks und altes Vinyl. In London erfüllt Mark Ainley ihre Sehnsüchte: Das Label und der Schallplattenladen Honest Jon’s präsentieren seltene Töne aus dem 20. Jahrhundert

Dealer und Therapeut: Mark Ainley inmitten seiner gesammelten Vinylschätze

Dealer und Therapeut: Mark Ainley inmitten seiner gesammelten Vinylschätze

Wann ihm zum ersten Mal die Idee kam, es mit einer Sucht zu tun zu haben, kann Mark Ainley nicht mehr sagen. Es muss aber in der Zeit gewesen sein, als er noch jeden Tag im Laden stand. Morgens, wenn er aufschloss, warteten die Ersten bereits vor der Tür, abends war es schwer, sie wieder loszuwerden. Während der langen Stunden dazwischen wühlten sie sich systematisch durch sämtliche Regale, knieten bei den Sonderangeboten, bildeten Schlangen bis auf die Portobello Road hinaus. Oder aber sie kamen an den Tresen, immer dieses leicht irre Flackern im Blick: Hast du die? Hast du jene?

Oft genug hatte er da, wonach sie verlangten, dann entspannte sich ihre Miene für einen Moment, und sie zogen zufrieden mit ihren Schätzen nach Hause. Manchmal musste er sie schulterzuckend auf ein andermal vertrösten: Platten haben ihre eigenen Schicksale, man weiß nie, wohin sie verschwunden sind und wo sie wieder auftauchen. Doch egal, ob das Verlangen enttäuscht oder gestillt wurde, ein paar Tage später standen dieselben Leute wieder vor der Tür, getrieben vom Wunsch nach mehr. So ist die Kundschaft bis heute, das Sammeln ist eine Tätigkeit ohne Abschluss. »Es hat eindeutig etwas Psychosexuelles«, sagt Ainley: Wer einmal Witterung aufgenommen habe, komme nicht mehr davon los.

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London im Spätsommer: Mit Mark Ainley über die männliche Passion für schwarze Scheiben zu reden ist, als würde man sich mit zwei Personen gleichzeitig unterhalten. Dem Dealer auf der einen Seite, der seine Kunden mit dem Nötigen versorgt: Als Mitinhaber von Honest Jon’s, dem traditionsreichen, im Stadtteil Ladbroke Grove gelegenen Schallplattenladen, weiß er genau, was die Typen in T-Shirts umtreibt, die hier von morgens bis abends das Angebot sichten. Junkies sind’s, arme Abhängige, die in staubigen Kisten nach dem Stoff ihrer Träume fahnden, immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Mit seiner randlosen Brille hat Ainley auf der anderen Seite aber auch etwas von einem milden, den Bedürfnissen seiner Klienten nachspürenden Therapeuten. Er kennt den Namen der Krankheit, die sie plagt: »Digging«.

Digging ist indiziert, wenn bestimmte Symptome vorliegen. Wenn jemand an keinem noch so schäbigen Flohmarkt vorbeigehen kann etwa, ohne ein Jucken in den Fingerspitzen zu verspüren. Das zwanghafte Aufsuchen von Secondhandläden gehört ebenso dazu wie der stiere Blick bei Ansichtigwerden des begehrten Objekts. Digging, dieses der Goldgräbersprache entlehnte Wort, bezeichnet eine Form der Sucher- und Schatzhaltermentalität, die nicht selten Besitz von der ganzen Person ergreift. Es gibt Digger, die ihren Jahresurlaub darauf verwenden, in gemieteten Kleinlastwagen über die Lande zu ziehen, um auf jeder Schallplattenbörse einzusacken, was zu ihrem Sammelgebiet gehört. Im Endstadium kann Digging sogar zum Verlust sozialer Beziehungen führen. Dann wendet sich die Ehefrau von dem Betroffen ab, und die Kinder betteln: Papa, hör auf damit!

Ein Klangromantiker
Ein Klangromantiker

Mark Ainley, 50, hat englische Literatur studiert und kam über den Punk zur Musik. Zur Zeit Margret Thatchers organisierte er antirassistische Kampagnen und Lesungen. Bei Honest Jon’s stieg er in den Achtzigern ein und ist heute zusammen mit Alan Scholefield Besitzer des Ladens. Vor drei Jahren gründeten die beiden das Label Honest Jon’s. Dritter Mitbetreiber ist der Popstar Damon Albarn, der auf Honest Jon’s Musik aus Mali herausbringt.

Oft ist es in solchen Fällen bereits zu spät. Ainley kennt Sammler, deren Küchentür sich nicht mehr öffnen lässt, weil jeglicher zur Verfügung stehende Platz zur Hortung verwendet wird. Manche schlafen aus Platzgründen auf einer Pritsche, wieder andere nutzen die Badewanne als Lagerplatz oder den Kamin – wozu heizen, wenn man ohnehin die ganze Zeit beschaffungstechnisch unterwegs ist? Digging, konsequent betrieben, hat in seiner Monomanie etwas Charakterzersetzendes, es raubt lebenswichtige Energien und verhindert so nachhaltig einen bürgerlichen Alltag. Tiefenpsychologisch gesehen, handelt es sich um eine Form der Sexualneurose mit anal-retentiven Zügen, doch das ist nur eine Seite der Sache. Die Affirmation des Objekts im Begehren hat auch etwas Utopisches. »Digging ist eine Technik der Kulturbewahrung«, sagt Ainley: »Ohne Digging kein kollektives Gedächtnis.«

Bestes Beispiel für diese Dialektik ist Honest Jon’s selbst. In dem äußerlich unscheinbaren Laden an der Portobello Road in Westlondon bleibt kein Quadratzentimeter ungenutzt. Wohin man auch schaut, Schallplatten: in den Regalen, an den Wänden, auf dem Boden – wo keine Hand hinreicht, hängen Poster und andere Devotionalien. Und das ist nur der unmittelbar sichtbare Teil. Wer durch die winzige Öffnung im Verkaufstresen hindurchschlüpft, gelangt über eine schmale Stiege in ein weitverzweigtes unterirdisches Reich. Hier, im Keller, ist nicht nur tonnenweise Vinyl gebunkert, von hier aus organisieren Ainley und sein Partner Alan Scholefield den Nachschub. Man könnte glauben, der Shop zum ehrlichen Johann sei gar kein Laden, sondern eine Höhle, in der die Besitzer die Beute ihrer Raubzüge aus aller Herren Länder ausstellen. Was zu einem gewissen Grad auch stimmt.

Denn natürlich sind Ainley und Scholefield nichts anderes als Digger, die ihre Passion zum Beruf gemacht haben. Zu ihren aktivsten Zeiten in den Achtzigern durchkämmten sie den nordamerikanischen Kontinent in großem Stil. Sie gingen immer zu zweit rein, einer checkte den Eingangsbereich, der andere grub weiter hinten. Was sie bei Trödlern und in Lagerhallen fanden, karrten sie systematisch zum nächsten Hafen und verschifften es nach England. Ainley kriegt noch heute feuchte Hände, wenn er an diesen einen Perückenladen in Kanada denkt: In Fässern hatten sie dort seltene jamaikanische Dub-Singles gelagert, man musste förmlich reinkriechen und sie zutage fördern wie Öl. Doch verkaufen heißt eben auch, Leidenschaft teilbar zu machen, indem man vergessene Musik wieder in Umlauf bringt. Und genau hier liegt die kulturkonservative Funktion von Honest Jon’s.

Anfangs waren es nur rare Vinylplatten, die über den Laden neue Kunden fanden. Seit ein paar Jahren existiert Honest Jon’s auch als Label, das seine Schätze in digital restaurierter Form der Öffentlichkeit zugänglich macht. Das Repertoire ist so divers wie die Vorlieben der Betreiber und reicht von Dokumentationen der Calypsogesänge jamaikanischer Einwanderer aus den Fünfzigern bis hin zu Samplern mit den harten Dancehall-Sounds der alljährlich zum Notting Hill Carnival durch die Nachbarschaft ziehenden Sound Systems. Oft handelt es sich um aufwendig gestaltete Projekte, für die neben der Arbeit des Findens, Kompilierens und Übertragens auf digitale Formate viel Recherche nötig war. Das große Geld lässt sich mit solchen Liebhabereditionen nicht machen, Label wie Laden operieren am Existenzminimum – auch weil Gewinne sofort wieder in neue Suchaktivitäten reinvestiert werden. Aber die Nachfrage ist da.

Man kann sogar von einem globalen Trend sprechen. From Dust To Digital, ein Label aus Atlanta, überführt amerikanische Roots-Musiken ins MP3-Zeitalter, Mississippi Records aus Portland sind für ihre Zusammenstellungen früher Folk- und Bluesaufnahmen bekannt. Der Frankfurter DJ Samy Ben Redjeb bringt afrikanische Musik neu heraus, während Sublime Frequencies aus Seattle eher asiatisch-arabischen Pop recyceln und Miles Cleret von Soundway World Music. Gemeinsam ist all diesen über die Welt verstreuten Kleinbetrieben – oft werden sie nur vom Idealismus einer einzelnen Person am Leben gehalten–, dass sie das gemeine Digging zu einer Praxis des Wiederaufbereitens und Editierens verfeinert haben. Inhaltlich liegen sie jedoch weit auseinander. Jeder Sammler gräbt eben woanders; die Szene zerfällt in eine Fülle unterschiedlicher Schürfbereiche. Was Honest Jon’s darüber hinaus unterscheidet, ist der exklusive Zugang zu nie gehörten Schellacks.

Als Mark Ainley zum ersten Mal in den Archiven der EMI stand, wusste er nicht sofort, dass er auf eine Goldader gestoßen war. Der im kleinstädtischen Hayes, 20 Meilen von London entfernt gelegene Klinkerbau hat von außen die Ausstrahlung einer Halbleiterfabrik. Drinnen nichts als endlose Regalfluchten, in denen bis unter die Decke alles gelagert ist, was bei Electric and Musical Industries – dafür steht das Kürzel EMI – erschienen ist, von den Masterbändern sämtlicher Beatles-Platten bis hin zum neuesten Britpop. »Der Alltag sieht so aus, dass einer aus der Zentrale anruft und sagt, bitte PX 3315«, sagt Ainley – und schon sind wir Popkonsumenten wieder um eine neue Robbie-Williams-Compilation reicher. Dass es sich bei den EMI-Archiven jenseits solch kommerzieller Nutzungen um einen Ort der Erinnerung handelt, ein Gedächtnis der Musiken der ganzen Welt, wurde ihm erst klar, als sie ihn in den kleinen Raum mit den frühesten Aufnahmen führten.

Eine seltsame Erfahrung, Schellacks aus der Gründerzeit der Schallplattenindustrie aus den Regalen zu nehmen: Es war, als würden die sepiabraunen Papphüllen, in denen sie steckten, unter den Händen zu Staub zerfallen. Noch seltsamer ist die Geschichte dahinter: Ihre Existenz verdankten diese Aufnahmen nicht etwa idealistischen Kulturbewahrungsimpulsen, sondern dem Expansionsdrang einer in ihrer ersten Blüte stehenden Branche. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts versuchte die EMI, sich weltweit Märkte zu erschließen, indem sie lokale Musiken vor Ort aufnehmen und in Hayes auf Tonträger pressen ließ. Mit Rezession und Krieg geriet dieser Teil der Firmengeschichte in Vergessenheit. »Den Großteil der Schellacks hat sich nach ihrer Archivierung nie wieder jemand angehört«, sagt Ainley. Auch über die Kontexte, in denen sie entstanden, ist wenig bekannt. Doch wo gar nichts über eine Musik gewusst wird, kann man ihr wieder ganz neu begegnen.

Ainley setzte sich hin und hörte einfach, er hörte balinesischen Gamelan-Orchestern zu und kubanischen Tanzbands, portugiesischen Fado- und cantonesischen Opernsängern, er lauschte den rauen Stimmen westafrikanischer Musiker und ließ sich von den Klängen jüdisch-arabischer Unterhaltungsensembles nach Bagdad tragen, wo Ingenieure der Gramophone Company, wie die EMI in ihren Anfangstagen hieß, in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre ausgedehnte Aufnahmesitzungen in einem Hotel abhielten. Erst nachdem er sich durch Hunderte von Aufnahmen gehört hatte, begann er sich für die Hintergründe zu interessieren. Er interviewte Spezialisten und letzte Überlebende und stieß dabei auf das Tagebuch eines Toningenieurs namens Fred Gaisberg, der am Ende einer Exkursion für die Gramophone Company nach Russland bekannte: »Ich war jetzt wie ein Drogensüchtiger, den es in seinem Hunger auf immer neue und seltsamere Reisen trieb.«

Es sind Geschichten aus der Frühzeit der Klangaufzeichnung, die Ainley zusammengetragen hat, Geschichten, die vom Schicksal vergessener Musiker erzählen, aber auch von den Pioniertaten abenteuerlustiger Männer mit ihren blechernen Aufnahmeapparaten. Festgehalten sind sie auf Samplern, die Give Me Love. Songs Of The Brokenhearted – Baghdad, 1925–1929 heißen, Living Is Hard. Westafrican Music in Britain, 1927–1929 oder Sprigs OfTime. Alle zusammen dokumentieren die globalen Verzweigungen der Klangerschließung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, bevor die Vinylschallplatte kam und die gesamte Szene schlagartig revolutionierte. Man könnte von einer Archäologie des frühen Pop sprechen, einer Recherche der Vorgeschichte unter besonderer Berücksichtigung migrantischer Bewegungen, doch Ainley mag das Wort nicht. In seinen Augen handelt es sich um eine Art Bergungsprojekt zur Errettung der rohen Qualität der Musik.

Ainley erklärt, was den Digger vom Archäologen trennt. Der Archäologe gräbt in totem Material, er setzt seine Funde zu einer möglichst lückenlosen Dokumentation einer Ära zusammen, über die die Geschichte hinweggegangen ist. Der Digger hingegen sucht in den Sedimenten nach Lebendigem. Es sind nicht irgendwelche Taxonomien, Theorien oder Lehrmeinungen, die ihn vorantreiben, es ist seine nie ganz zu stillende Begierde, sich im Objekt der Sehnsucht selbst zu begegnen. Aus ebendiesem Grund handelt es sich bei den Erzeugnissen des Hauses Honest Jon’s, so sorgfältig sie gemacht sein mögen, auch keineswegs um auf Vollständigkeit bedachte wissenschaftliche Arbeiten. »Was wir machen, ist unsystematisch und chaotisch«, sagt Ainley, »wir schmeißen einfach alte Musik in neue Zusammenhänge und freuen uns darüber, wenn sie auf offene Ohren trifft.« Mit anderen Worten: Der Digger ist in seiner Suche und Weitergabe ein Romantiker. Als Liebhaber seltener Schallplatten ist und bleibt er im Wortsinn ein Amateur.

Wo liegt die Zukunft des Digging? Mark Ainley rückt seine Brille zurecht, als wolle er sagen: schwierige Frage. Zum einen hat das Internet viel verändert. Vor 20 Jahren war es noch möglich, in irgendeinem Laden irgendwo auf der Welt zwischen vergilbten Büchern und nach Mottenkugeln riechenden Kleidern auf den Fund seines Lebens zu stoßen, gleichsam die blaue Blume unter den Platten. Inzwischen hat das Netz den Prozess des Suchens rationalisiert. Man tippt einfach auf eBay seinen Wunsch ein, und schon kommen die Angebote. Das hat den Vorteil, dass das Einzugsgebiet sich enorm erweitert: So schnell und so effektiv führte in den alten Goldgräbertagen kein Weg ans Ziel. Ein weiterer Vorteil ist, dass die vielen verstreuten Digger auf dem Planeten bemerken, dass sie keineswegs allein sind mit ihrer Passion, sie tauschen sich auf digitalem Wege aus, geben sich Tipps und bilden Communitys. Der Romantik der Mission hat das allerdings nicht unbedingt gutgetan.

Ausgewählte Veröffentlichungen

Sprigs Of Time. 78s From The EMI Archive
Compilation früher kommerzieller Aufnahmen aus aller Welt 1906 bis 1957

Living Is Hard. West African Music In Britain, 1927–1929
Dokumentation der ersten aufgenommenen Musik schwarzafrikanischer Immigranten

Give Me Love. Songs Of The Brokenhearted – Baghdad, 1925–1929
Sammlung einst für den irakischen Markt gedachter arabischer, jüdischer und kurdischer Lieder

London Is The Place For Me (Vol. 1–4)
Reich bebilderte Serie mit Calypso, nigerianischem Highlife und anderen Afrojazzspielarten aus den Fünfzigern

The World Is Shaking. Cubanismo From The Congo, 1954–55
Kubanische Klänge waren überall Mode, auch im Kongo

Die Versachlichung, die mit der Rationalisierung des Sammelns einhergeht, hat aber auch das Verhältnis zum Objekt selber verändert. War es früher vor allem der ideelle Wert, der zählte – ich bin der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der ein Exemplar von XY besitzt, und das vollkommen zu Recht, weil ich auch der Einzige bin, der diese Musik wirklich versteht –, sind Schallplatten heute zugleich Spekulationsobjekte. Das Phänomen des neurotisch-obsessiven Vinyl-Erschnüffelns ist auf dem Rückzug, jetzt kommen die Händler, die bloß noch Händler sind. Sie vergleichen Listenpreise und wissen genau, wie hoch dieses oder jenes collector’s item im Kurs steht. Wie beim Öl, aus dem das Vinyl gemacht wird, ist es die Begrenztheit, die das Spiel von Angebot und Nachfrage bestimmt: Man hält besonders wertvolle Exemplare aus Gründen der Wertsteigerung zurück. »Das ist ein wesentlicher Aspekt des Sammelns heute«, sagt Ainley, »ein Versuch, den Fluss zu kontrollieren«.

Andererseits ist der Liebhaber eine Figur, die schon die schlimmsten Krisen überstanden hat, und gerade die Aufbereitung historischen Klangmaterials fürs digitale Zeitalter gibt auch seiner immer schon leicht anachronistischen Leidenschaft eine neue Chance. »Das ist doch toll, dass irgendein Kid sich auf seinem iPod ein uraltes Stück Musik anhört, als wär’s eine Punk-Single«, sagt Ainley: Es gibt einem das Gefühl, dass man seinen Job richtig gemacht hat, dass die Geschichte auf verschlungenen Wegen weitergeht. Und noch einen Nebeneffekt hat das Netz in seiner Ortlosigkeit: Es sorgt dafür, dass Läden wie Honest Jon’s eine Renaissance erleben. Nirgends sonst kann man noch stundenlang über Musik reden, sie gleichzeitig anhören und den Leuten dabei in die Augen schauen. Plattenläden sind Treffpunkt und Debattierclub zugleich. Und natürlich haben sie auch etwas von einer Suchtstation.

Ainley gefällt die Idee vom Plattenladen als therapeutischer Anstalt, in der die Kunden geheilt und im selben Moment neu angefixt werden. Es ist, als würde man sich täglich auf einen Trip begeben, zu dem einem die Musik verhilft, und gleichzeitig im Reden darüber neue Türen aufstoßen. Warum das einmal aufhören sollte, will er nicht einsehen. Die Künste sind unendlich, genau wie die Begierden, die sie entfachen. »Das ist es doch, was Musik ausmacht«, sagt Ainley, »sie ist ein Weg, das eigene Leben und die Art, wie wir mit dem Leben anderer zusammenhängen, besser zu verstehen.« Dass einer seiner Vorgänger bei Honest Jon’s ausgebildeter Psychoanalytiker war, ist jedenfalls kein Zufall.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich war auch mal so'n LP-Sammler. Vierzig Jahre lang. In alten Katalogen gewälzt, teure Label-Discographien gekauft, auf Auktionen geboten, auf Reisen jedes Antiquariat und jeden Second-Hand-Shop besucht...
    Dann kommt man in ein Alter, in dem man begreift: ich bin der einzige in meinem Umfeld, dem die (inzwischen komplette) Sammlung etwas bedeutet; wenn ich sterbe, wandert alles auf dem Müll. Außerdem gab's mittlerweile ganz ordinäre Platz-Probleme. Also alles verkauft. Wie gesagt, sonst interessiert sich niemand für sowas (höchstens ein paar Spezialisten - die ja bereits auch schon alles haben - für einzelne ausgesuchte Highlights). Ergebnis: Die Sammlung quasi zum Kilopreis verkauft, resp. etwa 1 (ein) Euro pro LP.
    Ja, es war eine Sucht. Und heute? Seh' ich all die jahrelang gesuchten und glücklich gefundenen Schätze auf Billig-CD-Sets (4 CDs zu 2,99, 10 CDs zu 9,98, der komplette Katalog eines berühmten Musikers auf 20 CDs auch für'n Appel und'n Ei...), und wem das auch noch zu teuer ist: das gibt's auch alles kostenlos zum downloaden im Internet.

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