Rare Musik von Honest Jon's Das Gold der frühen Jahre
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Das Internet habe den Prozess des Suchens rationalisiert, sagt Ainley

Ainley erklärt, was den Digger vom Archäologen trennt. Der Archäologe gräbt in totem Material, er setzt seine Funde zu einer möglichst lückenlosen Dokumentation einer Ära zusammen, über die die Geschichte hinweggegangen ist. Der Digger hingegen sucht in den Sedimenten nach Lebendigem. Es sind nicht irgendwelche Taxonomien, Theorien oder Lehrmeinungen, die ihn vorantreiben, es ist seine nie ganz zu stillende Begierde, sich im Objekt der Sehnsucht selbst zu begegnen. Aus ebendiesem Grund handelt es sich bei den Erzeugnissen des Hauses Honest Jon’s, so sorgfältig sie gemacht sein mögen, auch keineswegs um auf Vollständigkeit bedachte wissenschaftliche Arbeiten. »Was wir machen, ist unsystematisch und chaotisch«, sagt Ainley, »wir schmeißen einfach alte Musik in neue Zusammenhänge und freuen uns darüber, wenn sie auf offene Ohren trifft.« Mit anderen Worten: Der Digger ist in seiner Suche und Weitergabe ein Romantiker. Als Liebhaber seltener Schallplatten ist und bleibt er im Wortsinn ein Amateur.

Wo liegt die Zukunft des Digging? Mark Ainley rückt seine Brille zurecht, als wolle er sagen: schwierige Frage. Zum einen hat das Internet viel verändert. Vor 20 Jahren war es noch möglich, in irgendeinem Laden irgendwo auf der Welt zwischen vergilbten Büchern und nach Mottenkugeln riechenden Kleidern auf den Fund seines Lebens zu stoßen, gleichsam die blaue Blume unter den Platten. Inzwischen hat das Netz den Prozess des Suchens rationalisiert. Man tippt einfach auf eBay seinen Wunsch ein, und schon kommen die Angebote. Das hat den Vorteil, dass das Einzugsgebiet sich enorm erweitert: So schnell und so effektiv führte in den alten Goldgräbertagen kein Weg ans Ziel. Ein weiterer Vorteil ist, dass die vielen verstreuten Digger auf dem Planeten bemerken, dass sie keineswegs allein sind mit ihrer Passion, sie tauschen sich auf digitalem Wege aus, geben sich Tipps und bilden Communitys. Der Romantik der Mission hat das allerdings nicht unbedingt gutgetan.

Ausgewählte Veröffentlichungen

Sprigs Of Time. 78s From The EMI Archive
Compilation früher kommerzieller Aufnahmen aus aller Welt 1906 bis 1957

Living Is Hard. West African Music In Britain, 1927–1929
Dokumentation der ersten aufgenommenen Musik schwarzafrikanischer Immigranten

Give Me Love. Songs Of The Brokenhearted – Baghdad, 1925–1929
Sammlung einst für den irakischen Markt gedachter arabischer, jüdischer und kurdischer Lieder

London Is The Place For Me (Vol. 1–4)
Reich bebilderte Serie mit Calypso, nigerianischem Highlife und anderen Afrojazzspielarten aus den Fünfzigern

The World Is Shaking. Cubanismo From The Congo, 1954–55
Kubanische Klänge waren überall Mode, auch im Kongo

Die Versachlichung, die mit der Rationalisierung des Sammelns einhergeht, hat aber auch das Verhältnis zum Objekt selber verändert. War es früher vor allem der ideelle Wert, der zählte – ich bin der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der ein Exemplar von XY besitzt, und das vollkommen zu Recht, weil ich auch der Einzige bin, der diese Musik wirklich versteht –, sind Schallplatten heute zugleich Spekulationsobjekte. Das Phänomen des neurotisch-obsessiven Vinyl-Erschnüffelns ist auf dem Rückzug, jetzt kommen die Händler, die bloß noch Händler sind. Sie vergleichen Listenpreise und wissen genau, wie hoch dieses oder jenes collector’s item im Kurs steht. Wie beim Öl, aus dem das Vinyl gemacht wird, ist es die Begrenztheit, die das Spiel von Angebot und Nachfrage bestimmt: Man hält besonders wertvolle Exemplare aus Gründen der Wertsteigerung zurück. »Das ist ein wesentlicher Aspekt des Sammelns heute«, sagt Ainley, »ein Versuch, den Fluss zu kontrollieren«.

Andererseits ist der Liebhaber eine Figur, die schon die schlimmsten Krisen überstanden hat, und gerade die Aufbereitung historischen Klangmaterials fürs digitale Zeitalter gibt auch seiner immer schon leicht anachronistischen Leidenschaft eine neue Chance. »Das ist doch toll, dass irgendein Kid sich auf seinem iPod ein uraltes Stück Musik anhört, als wär’s eine Punk-Single«, sagt Ainley: Es gibt einem das Gefühl, dass man seinen Job richtig gemacht hat, dass die Geschichte auf verschlungenen Wegen weitergeht. Und noch einen Nebeneffekt hat das Netz in seiner Ortlosigkeit: Es sorgt dafür, dass Läden wie Honest Jon’s eine Renaissance erleben. Nirgends sonst kann man noch stundenlang über Musik reden, sie gleichzeitig anhören und den Leuten dabei in die Augen schauen. Plattenläden sind Treffpunkt und Debattierclub zugleich. Und natürlich haben sie auch etwas von einer Suchtstation.

Ainley gefällt die Idee vom Plattenladen als therapeutischer Anstalt, in der die Kunden geheilt und im selben Moment neu angefixt werden. Es ist, als würde man sich täglich auf einen Trip begeben, zu dem einem die Musik verhilft, und gleichzeitig im Reden darüber neue Türen aufstoßen. Warum das einmal aufhören sollte, will er nicht einsehen. Die Künste sind unendlich, genau wie die Begierden, die sie entfachen. »Das ist es doch, was Musik ausmacht«, sagt Ainley, »sie ist ein Weg, das eigene Leben und die Art, wie wir mit dem Leben anderer zusammenhängen, besser zu verstehen.« Dass einer seiner Vorgänger bei Honest Jon’s ausgebildeter Psychoanalytiker war, ist jedenfalls kein Zufall.

 
Leser-Kommentare
  1. Ich war auch mal so'n LP-Sammler. Vierzig Jahre lang. In alten Katalogen gewälzt, teure Label-Discographien gekauft, auf Auktionen geboten, auf Reisen jedes Antiquariat und jeden Second-Hand-Shop besucht...
    Dann kommt man in ein Alter, in dem man begreift: ich bin der einzige in meinem Umfeld, dem die (inzwischen komplette) Sammlung etwas bedeutet; wenn ich sterbe, wandert alles auf dem Müll. Außerdem gab's mittlerweile ganz ordinäre Platz-Probleme. Also alles verkauft. Wie gesagt, sonst interessiert sich niemand für sowas (höchstens ein paar Spezialisten - die ja bereits auch schon alles haben - für einzelne ausgesuchte Highlights). Ergebnis: Die Sammlung quasi zum Kilopreis verkauft, resp. etwa 1 (ein) Euro pro LP.
    Ja, es war eine Sucht. Und heute? Seh' ich all die jahrelang gesuchten und glücklich gefundenen Schätze auf Billig-CD-Sets (4 CDs zu 2,99, 10 CDs zu 9,98, der komplette Katalog eines berühmten Musikers auf 20 CDs auch für'n Appel und'n Ei...), und wem das auch noch zu teuer ist: das gibt's auch alles kostenlos zum downloaden im Internet.

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