Dirigent Gustavo Dudamel Wo er ist, sind Rausch und Ekstase

Der 28-jährige Gustavo Dudamel ist der erste Stardirigent, den der Klassik-Boom in Venezuela hervorgebracht hat. Jetzt übernimmt er die Philharmoniker von Los Angeles.

Der Dirigent als Himmelstürmer: Gustavo Dudamel (28) macht Karriere

Der Dirigent als Himmelstürmer: Gustavo Dudamel (28) macht Karriere

Wenn die venezolanischen Musiker vom Simón Bolívar Youth Orchestra die Bühne betreten, sehen sie aus, als seien sie auf dem Weg ins Nachtleben von Caracas. So viel Gel glänzt in den Haaren der jungen Männer, so selbstbewusst hoch sind die Absätze der jungen Frauen, so aufgekratzt ist ihre Laune. Der Abend scheint ihnen Hochstimmung und Hormonkitzel zu versprechen. Dabei geben sie nur ein Konzert mit Werken von Beethoven, Mahler oder Tschaikowski. Europäische Symphonieorchester sehen nie aus, als wollten sie sich in ein Partyabenteuer stürzen.

Bedächtige Archivare ihrer Kunst sind sie im Vergleich mit den Südamerikanern, stirnrunzelnde Traditionshüter, die vieles (und womöglich das Beste) schon hinter sich haben. Das ist der Effekt, wenn das venezolanische Jugendorchester auf Tournee geht: Es lässt die Hochkultur des alten Europa sehr alt, erfahrungsmürbe und melancholisch erscheinen. Stellt man sich die klassische Musik als ein üppig gedecktes Buffet vor, dann näseln die Europäer nur noch mit spitzen Fingern und überfeiner Zunge daran herum, während die Südamerikaner sich die großen Silberplatten schnappen und sie mit Heißhunger abräumen.

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Vorn am Pult gibt Gustavo Dudamel das Kommando zum Sturm. Ein begeistertes Leuchten steht ihm beim Dirigieren in den Augen, befeuernd sind seine Armbewegungen und in den Fortissimostellen biegt er den Rücken so weit nach hinten, als wolle er den Himmel umarmen. Er verstehe gar nicht, sagt er, warum die klassische Musik in Europa im Ruf stehe, elitär und abgehoben zu sein, während sie in seiner Heimat als etwas sehr, sehr Lebensnahes und Existenzielles empfunden werde.

Neues Amt

Gustavo Dudamel gilt als einer der besten jungen Dirigenten. Seine Weltkarriere verdankt er dem von José Antonio Abreu gegründeten staatlichen Kinder- und Jugendorchesternetzwerk Venezuelas – kurz El Sistema genannt. Seit der Saison 2007/2008 ist Dudamel Chefdirigent der Göteborger Symphoniker. Im Herbst 2009 tritt er sein Amt als Musikdirektor des Los Angeles Philharmonic an.

Erste Schritte

Dudamel wurde 1981 in der Stadt Barquisimeto geboren und lernte zunächst Geige. 1996 begann er außerdem mit einem Dirigierstudium und wurde noch im selben Jahr Musikdirektor des Amadeus Chamber Orchestra. Seit 1999 leitet er auch das Simón Bolívar Jugendorchester, in dem die besten venezolanischen Nachwuchsmusiker spielen. Seinen internationalen Durchbruch erlebte Dudamel 2004, als er den ersten Gustav Mahler Dirigentenwettbewerb der Bamberger Symphoniker gewann.

Dirigate

Seitdem hat der Venezolaner unter anderem die Berliner Philharmoniker, das Philharmonia Orchestra, das Orchestra Sinfonica dell'Accademia di Santa Cecilia, das Orchestra Filarmonica della Scala, die Wiener Philharmoniker, die Staatskapelle Berlin und das Chicago Symphony Orchestra dirigiert. Beim Musikfest der Berliner Festspiele führte er im September 2009 mit den Berliner Philharmonikern Kompositionen von Sofia Gubaidulina und Dmitri Schostakowitsch auf.

Auszeichnungen

Gefördert wurde Dudamel von weltberühmten Kollegen wie Claudio Abbado, Simon Rattle und Daniel Barenboim. Für sein Wirken erhielt er bereits zahlreiche Preise. Unter anderem wurde er 2007 mit dem Premio de la Latindad und dem Royal Philharmonic Society Music Award for Young Artists ausgezeichnet. Für seine Einspielung von Beethovens Sinfonien Nr. 5 und 7 mit dem Simón Bolívar Orchester wurde er 2007 mit dem Echo-Preis geehrt.

Das venezolanische »Musikwunder« ist oft beschrieben worden: Die märchenhafte Geschichte vom Musiker und Sozialaktivisten José Antonio Abreu, der in den siebziger Jahren begann, Symphonieorchester und Musikschulen zu gründen, um verarmte Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen und ihnen eine Lebensperspektive zu geben.

Aus bescheidenen Anfängen entwickelte sich mithilfe großzügiger staatlicher Unterstützung El Sistema, einer musikalischen Volksbewegung, der inzwischen 300.000 Kinder angehören, die kostenlos Instrumente erlernen und in über 200 Orchestern spielen. Gustavo Dudamel ist der erste internationale Star, den das System hervorgebracht hat. Früh kam der Sohn eines Salsa-Posaunisten mit dem Projekt in Kontakt, nahm Violin- und Kompositionsunterricht. Mit 14 Jahren leitete er sein erstes eigenes Jugendorchester, mit 18 begann er als Dirigent des Simón Bolívar Youth Orchestra um die Welt zu reisen.

Es hat einen entwaffnenden Charme, wie Gustavo Dudamel alles, was auf seinem Dirigentenpult landet, vor Vitalität schier bersten lässt. Überall sucht er den Rausch, den Übermut, die Ekstase. Er ist ein Rhythmiker und Mambotänzer am Pult, er liebt es, die Klangenergien des Orchester bis zum Gehtnichtmehr zu stauen, um den Druck dann in einer spektakulären Entladung entweichen zu lassen.

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