Viele streben nach seelischer Gesundheit. Psychiater sollen ihnen dabei helfen, doch die Qualität und Nebenwirkungen der Therapien werden oft nur unzureichend kontrolliert

Ein Psychiater erlebt im Laufe seines Berufslebens so manche Merkwürdigkeit. Manfred Lütz, Chefarzt des Alexianer-Krankenhauses in Köln-Porz und rheinische Frohnatur, berichtet gern davon.

Einmal etwa sei ein »bekannter Medienmensch« zu ihm gekommen, der tief verstört war. Ein Psychotherapeut hatte ihm eingeredet, sein öffentlich zur Schau getragenes Selbstbewusstsein sei nur aufgesetzt; tatsächlich sei er innerlich ganz unsicher. Das hatte den Hilfesuchenden so schwer getroffen, dass er sich in stationäre ärztliche Behandlung begeben hatte, wo er sich, wie Lütz sagt, »von morgens bis abends seinen psychischen Bauchnabel angucken musste und es ihm dadurch noch schlechter ging«.

Dem Verunsicherten gab Lütz einen simplen Rat: »Das ist alles Quatsch. Sie wissen doch selbst, Sie sind ein selbstbewusster Mensch und bringen tolle Leistungen.« Das wirkte. Zwei Tage später trat der Mann wieder auf und verzichtete fortan auf psychotherapeutische Hilfe.

»Auch die Psychotherapie kann Nebenwirkungen haben«, sagt Lütz, der soeben das Buch Irre! Wir behandeln die Falschen veröffentlichte. Was bei Lütz allerdings vorwiegend heiter daherkommt, kann in anderen Fällen dramatische Folgen haben.

Jüngstes Beispiel ist der Tod zweier Menschen vergangene Woche in Berlin in der Praxis des Psychotherapeuten Garri R. Im Rahmen einer sogenannten psycholytischen Therapie hatten sie einen – offenbar verheerenden – Drogencocktail geschluckt. Nun ist das zugegebenermaßen ein Extremereignis, das nicht typisch für den Berufsstand ist. Dennoch wirft der Zwischenfall die Frage auf, wie es in der Psychotherapie eigentlich um Themen wie Qualitätssicherung und Nebenwirkungen bestellt ist. Die Antwort: Nicht gut.

»In kontrollierten Studien von Psychotherapien wird nie über Nebenwirkungen berichtet«, sagt zum Beispiel Michael Linden von der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Berliner Charité , »es gibt noch nicht mal einen Fragebogen dafür. Das gehört nicht zur Tradition.«

Dabei hatte sich die Psychotherapie mit dem Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes 1999 von Scharlatanerie und Esoterik absetzen und den Weg in eine größere Seriosität antreten wollen. So werden heute nur noch drei wissenschaftlich fundierte Verfahren von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet, die analytische Psychotherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Verhaltenstherapie. Und zweifellos hat seither die Wissenschaftlichkeit der Psychotherapie allgemein zugenommen.

Aber wie steht es um die Qualität der einzelnen Therapeuten? Wer verhindert, dass Patienten in die falsche Therapieform geraten? Wer prüft, ob ärztliche oder psychologische Psychotherapeuten unfähig oder gar gefährlich sind?