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Jeder, der einmal einen nahestehenden Menschen verloren hat oder dem sich ein Lebenstraum zerschlug, weiß, dass es keinen Sinn hat, Trauer zu verdrängen. Man kann sich eine Zeit lang mit leerlaufender Geschäftigkeit über Wasser halten, aber wenn man sich auf Dauer weigert, die Trauer zu durchleiden, zerfrisst sie einen von innen.

Deshalb sollten alle Mitglieder und Funktionäre und Freunde und Sympathisanten der SPD jetzt nicht sofort in die leerlaufende Geschäftigkeit einer Personal- und einer ganz oberflächlichen Kurskorrektur-Debatte verfallen. Sie sollten einen Augenblick stillhalten. Luft holen. Sie sollten sich eingestehen, dass mit der ältesten, wohlwollendsten, tapfersten Partei Deutschlands etwas Schreckliches passiert ist. Sie dürfen wütend sein, denn Wut gehört zur Trauer dazu: Wütend auf die Wähler. Wütend auf die Medien. Und wütend auf das, was jeder Einzelne von ihnen selbst mit der SPD hat geschehen lassen.

Wähler- und Medienschelte gelten im politischen Betrieb zwar als ganz und gar ungehörig. Kritik und Selbstkritik werden von außen schnell als »Zerrissenheit« interpretiert, und das deutsche Publikum mag ja bekanntlich lieber das Gegenteil, Geschlossenheit. Aber für ihren Heilungsprozess braucht die SPD ihre Wut, sie braucht Kritik und Selbstkritik. Und sie wird leider feststellen, dass sich nach ihrer Totalmarginalisierung als Oppositionspartei mit nur mehr achteinhalb Prozent Vorsprung vor der FDP gar nicht so viele Leute für ihre inneren Kämpfe interessieren werden wie während ihrer elfjährigen Regierungszeit. In dieser unfreiwilligen Freiheit liegt aber auch ihre Überlebenschance. Funktionäre, die jetzt noch »Geschlossenheit« trompeten und vor »Chaos« warnen, als ob schlimmeres Chaos möglich wäre, wollen vor allem eins: Ihre prekären Posten absichern. Sozialdemokraten: Hört nicht auf sie!

Sondern leistet euch erstens: Wut auf Wähler. Dass viele Menschen eine Große Koalition als demokratisch unbefriedigenden Zustand empfinden, ist nachvollziehbar. Dass sie sich des Problems allein auf Kosten der SPD entledigten, ist ungerecht. Gerade beim Kampf gegen die völlig unkalkulierbaren Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise kamen die entscheidenden Impulse – Bankenrettung, Konjunkturpakete, Kurzarbeitergeld für Hunderttausende von Menschen, die deshalb jetzt nicht arbeitslos sind – vom sozialdemokratischen Regierungspartner. Und es wird sehr interessant sein zu beobachten, wie die Steuersenkungspartei FDP das Regierungshandeln beeinflusst, wenn als Spätfolge der Krise im kommenden Herbst eine Welle von Arbeitslosigkeit über das Land geht. Wird sie dann sozialere Politik machen als die SPD? Der Hauptvorwurf an die Sozialdemokraten lautet ja, sie hätten mit HartzIV und der Rente ab 67 Jahren soziale Kälte im Land verbreitet – obwohl Hunderttausende von ehemaligen Sozialhilfeempfängern sich heute finanziell besserstehen als vor der dämonisierten Reform. Und obwohl das Problem einer alternden Gesellschaft, die die Renten für ihre Ruheständler irgendwie aufbringen muss, eine Tatsache ist und keine Quälfantasie der SPD.

Die Grünen plakatierten streckenweise ausdrücklich: Schwarz-Gelb verhindern! Die Linkspartei wollte das auch. Doch dazu hätten ihre und die Wähler der Grünen ihre Erststimmen SPD-Direktkandidaten geben müssen. Stattdessen wählten sie massenhaft mit beiden Stimmen Grün oder Dunkelrot – und halfen damit Schwarz-Gelb noch komfortabler ins Amt. Also SPD: Kein Mitleid für diese Wähler, wenn die neue Regierung das Rentenalter auch nicht senkt, HartzIV auch nicht abschafft oder gar unter dem Druck einer krisengeschüttelten Wirtschaft Sozialleistungen streicht und auf Mitbestimmung und Kündigungsschutz losgeht!

Gönnt euch zweitens: Wut auf die Medien. In den vergangenen Jahren war es in großen Teilen der Hauptstadtpresse geradezu ein Sport, SPD-Vorsitzende zur Strecke zu bringen. Besonders über Kurt Beck wurde kübelweise Verachtung ausgeleert – jeder Volontär meinte, eine Pointe auf Becks Kosten sei schon eine gute Pointe, bilanzierte die Süddeutsche Zeitung damals die Hetzjagd.

Die Kommentierung negativer Umfrageergebnisse nahm mitunter einen derart breiten Raum in der Berichterstattung ein, dass die SPD, wie Erhard Eppler es in einem Beitrag ebenfalls für die Süddeutsche Zeitung formulierte, so sehr damit beschäftigt war zu erklären, wie sie aus dem jeweiligen Umfragetief herauskommen wollte, dass für politische Inhalte überhaupt kein Aufmerksamkeitsrest blieb.