Sarrazin-Debatte Unter Deutschen

Die Integration der Ausländer ist viel weiter, als Thilo Sarrazins törichte Worte vermuten lassen

Erst hat er gepoltert, dann hat er sich entschuldigt: Thilo Sarrazin, der Haifisch im Karpfenteich der Berliner Politik, hat wieder eines seiner berüchtigten Krawall-Interviews gegeben. In schnoddrigem Ton dozierte er über die Missstände des Einwanderungslandes Deutschland, wie sie sich in Neukölln und Berlin-Mitte verdichten: Schulversagen, Importbräute, aggressiver Machismo und das Versacken auch der dritten Generation – vor allem von Migranten türkischer und arabischer Herkunft – in staatlich alimentierten Parallelgesellschaften.

Es ist eine Errungenschaft, über diese Dinge unverklemmt und ohne Hass debattieren zu können. Deutschland übt erst seit ein paar Jahren den freieren, konfliktfreudigen Blick auf die selbst verschuldeten Folgen fehlgesteuerter Einwanderung und verweigerter Integration: Ja, es muss möglich sein, über die unterschiedlichen Integrationserfolge verschiedener Gruppen zu reden, über Geschlechterrollen, Familienstrukturen und religiöse Prägungen, die dabei den Ausschlag geben.

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Falls Thilo Sarrazin, in den Vorstand der Bundesbank gewechselter ehemaliger Berliner Finanzsenator, dazu einen Beitrag leisten wollte, ist er allerdings spektakulär gescheitert. Mit maßlosen Zuspitzungen hat er der Integrationsdebatte – und sich selbst – einen Tort angetan. Eine »große Zahl von Arabern und Türken in dieser Stadt« habe, meint Sarrazin, »keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel«. Was soll dieser Hohn über kleine Selbstständige, die schuften, damit die Kinder es einmal besser haben? Wir sollten feiern – wie man es im Einwanderungsland USA tut –, dass diese Menschen lieber arbeiten, als von Transferleistungen zu leben. Sarrazin räumt ein, dass »nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war«. Mehr als das: Er kokettiert auch mit rechtsradikalen Denkfiguren: »Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.« Nun wird sein Rücktritt aus dem Bundesbank-Vorstand gefordert. Zurücktreten muss er nicht. Aber es sollte ihm zu denken geben, dass die NPD in Sachsen ihm höhnisch das Amt des Ausländerbeauftragten anträgt.

Sarrazin hat mit seinem Interview das Dokument einer gesellschaftspolitischen Wasserscheide vorgelegt. Wer die fünf eng bedruckten Seiten in Lettre International liest und zugleich die Regierungsbildung verfolgt, steht verblüfft vor der Tatsache, dass ein prominenter SPD-Mann am rechten Rand entlanggrantelt, während die konservativ-liberalen Koalitionäre über einer modernen Integrationspolitik brüten. Das ist die eigentliche Bedeutung des Sarrazin-Interviews: Die Sozialdemokratie hat das Zukunftsthema Integration an die ideologisch flexiblere andere Seite abgegeben. Sarrazin war sieben Jahre lang in einer Regierung, die beinahe nichts gegen die weitere Verwahrlosung und ethnische Segregation in der Hauptstadt getan hat. Und nun bramarbasiert er apokalyptisch über »Unterschichtgeburten« und die »kleinen Kopftuchmädchen«, wie es früher die Rechte getan hat.

Währenddessen haben die Konservativen ihren Frieden mit dem Einwanderungsland gemacht, ohne die Augen vor den Problemen zu verschließen – und denken schon ganz pragmatisch über ein Integrationsministerium auf Bundesebene nach. Sie wollen Deutschland nicht mehr abschotten, sondern zu einer »Aufsteigerrepublik« umbauen – so der CDU-Politiker Armin Laschet –, in der Chancengerechtigkeit und Leistungswille vor Herkunft gehen.

Warum ist es so verteufelt schwer, hierzulande dazuzugehören?

Das ist das integrationspolitische Motto der Mitte-rechts-Koalition für das Einwanderungsland Deutschland. Die CDU kann dabei glaubwürdig führen, gerade weil sie früher die Partei des Leugnens und Verdrängens war. Sie kann all jene mitnehmen, denen der Wandel zu schnell geht. Die wirtschaftsnahe FDP kann, getrieben vom wachsenden Fachkräftemangel, den Bewusstseinswandel befördern: Wir brauchen eine gestaltende Einwanderungspolitik. Die Konsequenzen der verfehlten Gastarbeiterpolitik früherer Jahrzehnte gilt es jetzt anzupacken.

Und dazu wird es eines veritablen New Deal mit den Migranten bedürfen. Man könnte es auf diese Formel bringen: größere Aufnahmewilligkeit gegen mehr Engagement und Eigenverantwortung. Also: Wir werden euch schneller als Teil dieses Landes akzeptieren, wenn ihr euch mehr reinhängt. Was die türkische Gemeinschaft angeht, läuft es auf Fragen dieser Art hinaus: Statt es zur Ehrensache zu machen, gegen Sprachnachweise beim Ehegattennachzug zu streiten – wie wäre es mit einem Kampf für besseren Deutschunterricht? Wann fangt ihr an, nicht vor allem durch Moscheeneubauten und den Kampf für Gebetsräume in Schulen, sondern durch Leistung auf euch aufmerksam zu machen?

Leser-Kommentare
  1. 1. Nun ja

    So sehr ich inhaltlich zustimmen möchte, halte ich es für etwas fadenscheinig, Sarrazin zum "Symptom" des SPD-Umgangs mit Integrationsfragen zu stilisieren. Ohne diese Zuspitzung wäre der Text freilich einfach ein Kommentar unter vielen gewesen...

    Aber halt, aus dieser Zuspitzung wird noch etwas gewonnen: Ein Lob der CDU. Sie kann nun "glaubwürdig führen", kann voranschreiten zum nächsten Integrationsgipfel ohne Folgen. Vielleicht täte es gut, bei Fragen der Integration wenigstens in der Zeitung für einen Moment die offene Parteipolitik außen vor zu lassen.

  2. Natürlich hat Herr Sarrazins Kommentar geholfen. Die Problematik wird nun sehr lebendig diskutiert, und Herr Sarrazin hat in der Bevölkerung weitaus mehr Zustimmung erhalten, als er sich vielleicht erhofft hatte.
    Daß er postwendend von Ihnen in die braune Ecke gedrängt wird, überrascht eigentlich niemanden mehr. Statt Mißstände totzuschweigen oder zu verniedlichen, ist es besser, sie auf den Tisch zu bringen.
    Auch wenn es für manche Gutmenschen unbequem ist.

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  3. Wer mit offenen Augen durch die Straßen gehlt wird schnell festellen, dass es mit der Integration nicht weit her ist. Natürlich kann man nicht alle Einwanderer über einen Kamm scheren. Es gibt durchaus Türken oder Araber, die stärker integriert sind, als Russlanddeutsche. Aber sie sind leider in der Minderheit. Wer wirklich Integrationsbereitschaft zeigt, dem sollen auch keine Steine in den Weg gelegt werden. Dabei spielen natürlich entsprechende Sprachkenntnisse in Wort und Schrift eine entscheidende Rolle. Auch sollte den Einwanderern klar sein, dass wir hier im christlichen Abendland leben, wobei ihnen natürlich das Praktizieren ihres beispielsweise muslimischen Glaubens nicht verwehr werden darf, wohl aber der Bau von Minaretten, denn sie bedeuten ichts anderes als Ruhestörung. Wer hier so leben möchte wie einst daheim, der sollte sich schnellstens eine Rückfahrkarte kaufen.

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    • M.M.
    • 08.10.2009 um 12:28 Uhr
    4. Frage

    Ob er nun vielleicht Recht hat oder nicht; schon mal darüber nachgedacht, dass der Obermerker Sarrazin vielleicht nur seine Mediengeilheit und das Aufsehen danach für seine Eitelkeit mittels polarisierender "kritisch-besorgter" Kommentare benutzt ?
    Manchmal beschleicht mich das mulmige Gefühl, dass es den "Wortgewaltigen" (Sarrazin, Clement, Mißfelder, Koch u.Ä.) mehr um die Aufmerksamkeit als um Gestaltung und konstruktive Kritik geht.

    • keter
    • 08.10.2009 um 12:32 Uhr

    Sarrazin stimme ich 100% zu.Seine Aussagen waren richtig.Ich bin selbst Auslander und kam für 5 Jahre nach Deutschland.Ich bin in der Karibik geboren aber wuchs in den Staaten auf.Innerhalb 5 Jahre habe ich deutsch gelernt und eine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.

    In der ersten 2 Jahre als ich Sprachkurse besuchte habe ich festgestellt,dass die muslimischen Ausländer wirklich keinen Bock hatten Deutsch zulernen,in gegensatz zu Ausländer aus Ost Europar und asiatischem Raum.Teilweise waren Leute im Kurs , die fast 10 Jahre in Deutschland lebten,die kein richtiges Deutsch konnten.Diese Leute waren manchmal überhaupt nicht in der Lage einfache Sätze zu formulieren.Integration in Deutschland ist gescheitert,weil der Islam was anders als das Grundgesetzt predigt.

    In muslimischen Länder sind die Rollen klar definate.Frauen haben nichts zu melden und der Mann bestimmt alles.Hier im Western ist das total anders und viele muslimische Männer und jugendliche kommen einfach nicht klar damit.Um diese Leute zu integrieren müssen sie den Islam reformieren.Solange die Religion und tradition so stark sind erkläre ich die Integration as gescheitert.Solange man an eine Zwiete Welt denken , dann gibt man sich nicht zuviel Mühe in dieser.

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    ihnen nicht nahe treten, aber wenn sie keine ahnung von religionen und ausländern haben , sollten sie sich geschlossen halten.

    und das sie aus der karibik kommen ist schön für sie, wie war den ihr urlaub???

    ihnen nicht nahe treten, aber wenn sie keine ahnung von religionen und ausländern haben , sollten sie sich geschlossen halten.

    und das sie aus der karibik kommen ist schön für sie, wie war den ihr urlaub???

    • Kaato
    • 08.10.2009 um 12:32 Uhr

    wer hat so viel Geld?

    "Unter dem Strich vergrößert die Zuwanderung so die Nachhaltigkeitslücke um rund eine Billion Euro auf 5,2 Billionen Euro oder 225 Prozent des BIP. Noch gravierender wird das Problem, wenn Zuwanderer auch in der zweiten Generation nicht das durchschnittliche Qualifikationsniveau der deutschen Bevölkerung erreichen."
    http://www.welt.de/welt_p...

    Bereicherung an allen Fronten.

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    • realus
    • 08.10.2009 um 23:57 Uhr

    Wenn Herr Sarrazin Obst- und Gemüsehandel als produktive Funktion erwähnt, erkenne ich darin keine Verhöhnung, eher Anerkennung.
    Er hat allerdings weiter "produktive Aktivitäten" einiger genannten Volksgruppen nicht erwähnt.
    Darüber kann man sich ausgiebig informieren, wenn man in Google folgende Suchbegriffe eingibt:
    Berlin,Rauschgifthandel, Prostitution, Security, Türsteherszene, kriminelle (sozialhilfe kassierende) Familienclans.
    Erweiterbar auf Köln, Hamburg, Frankfurt und -last but not least- Duisburg.
    Hier wird sogar kräftig in die Infrastruktur investiert, um das über den Balkan herbeigschaffte "Import - Material" ( Fleisch und Stoff)funktionsgemäß unterbringen bzw. verteilen zu können.
    Offen darüber reden ist nicht angesagt in der deutschen Demokratie.
    Es wird allenfalls in der Kriminalstatistik (u.a. albanische Mafia/ Familienclans) erwähnt.
    In Bezug auf Bildung sei nebenbei erwähnt, dass seit Ende der 1950- ziger Jahre jeder in Deutschland alles lernen und studieren kann, wenn er entprechen begabt und fleißig ist.
    Am Geld scheitert es allenfalls bei nicht haltbaren Ausreden.

    Das heutige Gejammere -mangelnde Bildungsmöglichkeiten- (womit u.a. ja die mangelnde Integration begründet wird ) resultiert aus übezogenem Anspruchsdenken und eigener Faulheit in der Erwartung, dass jedem die Bildung durch den Staat "möglichst im Liegen" - auch gegen eigenen Willen - einzuflößen sei.
    Und wie blind muss man sein, diese Verhältnisse zu ignorieren ?

    • realus
    • 08.10.2009 um 23:57 Uhr

    Wenn Herr Sarrazin Obst- und Gemüsehandel als produktive Funktion erwähnt, erkenne ich darin keine Verhöhnung, eher Anerkennung.
    Er hat allerdings weiter "produktive Aktivitäten" einiger genannten Volksgruppen nicht erwähnt.
    Darüber kann man sich ausgiebig informieren, wenn man in Google folgende Suchbegriffe eingibt:
    Berlin,Rauschgifthandel, Prostitution, Security, Türsteherszene, kriminelle (sozialhilfe kassierende) Familienclans.
    Erweiterbar auf Köln, Hamburg, Frankfurt und -last but not least- Duisburg.
    Hier wird sogar kräftig in die Infrastruktur investiert, um das über den Balkan herbeigschaffte "Import - Material" ( Fleisch und Stoff)funktionsgemäß unterbringen bzw. verteilen zu können.
    Offen darüber reden ist nicht angesagt in der deutschen Demokratie.
    Es wird allenfalls in der Kriminalstatistik (u.a. albanische Mafia/ Familienclans) erwähnt.
    In Bezug auf Bildung sei nebenbei erwähnt, dass seit Ende der 1950- ziger Jahre jeder in Deutschland alles lernen und studieren kann, wenn er entprechen begabt und fleißig ist.
    Am Geld scheitert es allenfalls bei nicht haltbaren Ausreden.

    Das heutige Gejammere -mangelnde Bildungsmöglichkeiten- (womit u.a. ja die mangelnde Integration begründet wird ) resultiert aus übezogenem Anspruchsdenken und eigener Faulheit in der Erwartung, dass jedem die Bildung durch den Staat "möglichst im Liegen" - auch gegen eigenen Willen - einzuflößen sei.
    Und wie blind muss man sein, diese Verhältnisse zu ignorieren ?

    • Jaeto
    • 08.10.2009 um 12:32 Uhr

    Ich kann ihre Meinung absolut nicht teilen und wenn man sich die Umfragen und Kommentare ansieht (wohl gemerkt die nicht getürkten) wohl die Mehrheit der Bevölkerung auch nicht. Eine Integration ist absolut nicht gelungen und derzeit in weiter Ferne, es wurde Zeit dass dies endlich mal angesprochen wurde. Herr Sarrazin hat endlich mal das ausgesprochen, was viele denken aber nicht sagen können ohne direkt als Nazi zu gelten. Dabei sind es nur Fakten und Tatsachen, die man in nahezu jeder deutschen Großstadt beobachten kann.
    Die Verschleierung der Medien wie gestern bei Hart aber Fair bringt da garnichts, es muss endlich mal etwas passieren!

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Herr Lau polemisiert mit deftigen Worten gegen Sarrazin, was auch sein gutes Recht ist, denn Emotionen gehören bei diesem Thema dazu. Trotzdem fordert er, wenn ich es richtig verstehe, nicht Sarrazin "abzusägen":

    "Nun wird sein Rücktritt aus dem Bundesbank-Vorstand gefordert. Zurücktreten muss er nicht. Aber es sollte ihm zu denken geben, dass die NPD in Sachsen ihm höhnisch das Amt des Ausländerbeauftragten anträgt."

    Herr Lau fordert also nicht den politischen Tod seines Kontrahenten - das ist mir sympathisch.

    Probleme aber habe ich mit seinem Karpfenteich-Vergleich. Karpfen sind doch gutmütige Fische, die - der Natur entfremdet - in einem künstlichen Biotop gehalten werden, während der Hai ein unverbildeter Naturbusche, eine Art Störtebecker ist... Der Vergeich lädt zu vielfältigen Deutungen ein.

    Und Sarrazins Kosovo-Vergleich finde ich nicht rechtsradikal, sondern historisch fundiert: das Römische Reich ging auch wegen sinkender Geburtenraten zugrunde, so dass man, weil man Produzenten und Soldaten brauchte, immer mehr Einwanderer mit germanischem Migrationshintergrund ins Land lassen musste. Der Westen des Reiches wurde germanisiert, so wie Westeuropa jetzt islamisiert wird.

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