Schule im Brennpunktviertel Lockruf über die Grenze

Eine Berliner Brennpunktschule wirbt mit Lernprivilegien um Erstklässler aus der akademischen Mittelschicht. Diskriminiert das die Migrantenkinder?

Neunzig Prozent der Schüler an der Gustav-Falke-Schule stammen aus Einwandererfamilien. In den Pausen werden die Kinder der Modellklasse auch mit anderen Kindern spielen

Neunzig Prozent der Schüler an der Gustav-Falke-Schule stammen aus Einwandererfamilien. In den Pausen werden die Kinder der Modellklasse auch mit anderen Kindern spielen

Sie sind mit ihrer besten Besetzung angetreten. Frau Müller ist da, die Schulleiterin, ebenso wie ihre Stellvertreterin. Gleich drei Erzieher sind gekommen und natürlich die Klassenlehrerinnen für die nächsten Jahre. Viele Monate haben sie auf dieses Treffen hingearbeitet. Jetzt dürfen sie nichts falsch machen. Sie haben die Tische in der Mensa umgestellt. Wo sonst 300 Kinder essen, stehen nun Fruchtsäfte und Salzstangen. Die Eltern sollen sich wohlfühlen an diesem Abend. Denn ein zweites Mal – das wissen die Lehrer – werden die Mütter und Väter kaum kommen und überlegen, ob sie ihren Nachwuchs ausgerechnet hier anmelden. Genau die Kinder der mit Saft und Knabbereien Umworbenen braucht die Gustav-Falke-Schule in Berlin. Weil sie anders sind als die jetzigen Schüler. Weil sie Charlotte, Simon oder Paul heißen und nicht Emre, Cem oder Hülya. Weil sie am ersten Schultag Deutsch sprechen und nicht Arabisch oder Türkisch. Weil sie von der anderen Seite der Grenzlinie kommen. Weil sie die Gustav-Falke-Schule retten sollen.

Fast 20 Jahre ist es her, dass die Berliner Mauer fiel. Doch die Grenze spaltet die Hauptstadt noch immer. Und nirgendwo sind das Hüben und das Drüben so unterschiedlich wie nördlich und südlich der Bernauer Straße. Deutschlands wohl krasseste Sozialgrenze teilt den Schulbezirk: in Wedding und Altmitte, in Arm und Reich, in Prekariat und Arrivierte, in Migranten und Bio-Deutsche, wie man die Einwohner ohne Zuwanderungsgeschichte in Berlin nennt. Die Sozialstatistik weist für das Quartier nordwestlich der Gustav-Falke-Schule über fünfzig Prozent Hartz-IV-Empfänger aus. Auf der anderen Seite, im heute hippen ehemaligen Ost-Berlin, ist es gerade einmal ein Viertel davon. Hier stehen die Menschen in der Armenküche nach Suppe und Brot an, dort in den Cafés nach Latte Macchiato und belegter Ciabatta. Diesseits der ehemaligen Zonengrenze hocken Männer mitten am Tag in Teestuben und Kneipen, jenseits sitzen sie auf Spielplätzen in der Herbstsonne, das eine Auge auf den Nachwuchs gerichtet, das andere auf den blinkenden Blackberry.

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In der Gustav-Falke-Schule treffen zwei Universen aufeinander

Bisher sind sich die beiden Universen kaum begegnet, besonders nicht in der Schule. 90 Prozent der Kinder an der Gustav-Falke-Schule stammen aus einer Einwandererfamilie, Tendenz weiter steigend. Würden die Lehrer nicht ab und zu einen Ausflug in die Bibliothek oder in eines der berühmten Museen in Mitte machen – ihre Schüler würden den sozialen Äquator, der nur 100 Meter vom Klassenraum entfernt verläuft, nicht überschreiten. Auch viele bildungsbewusste Migranten meiden die Schulen im Wedding seit Jahren. Mithilfe von Tricks lassen sie ihre Kinder in Mitte einschulen – und verschrecken dadurch wiederum deutsche Eltern, die zunehmend auf die neuen Privatschulen ausweichen.

Und doch sitzen sie heute hier, auf der schlechten Seite der Bernauer Straße, in der Mensa: Knapp 20 Mütter und Väter, Wissenschaftler, Journalisten, Künstler und andere Freiberufler, deren Kinder im nächsten Jahr in die erste Klasse kommen. Aufmerksam hören sie zu, wie ihnen Schulleiterin Karin Müller einen Deal vorschlägt: Sie geben uns Ihre Kinder, wir schaffen Lernbedingungen, die die Schüler an keiner anderen staatlichen Schule finden werden. »Und das garantieren wir Ihnen konkret«, sagt Müller und wirft den Beamer an.

Vor ein paar Monaten hatten sich die Lehrer mit einer Elterninitiative von drüben getroffen. Diese Mütter und Väter hatten sich eigentlich zusammengeschlossen, um die Sozialgrenze zu zementieren. Um zu verhindern, dass die Bildungsbehörde das Einzugsgebiet der Schule über den ehemaligen Mauerstreifen hinweg nach Südosten ausweitet und ihre Kinder zwingt, auf die Gustav-Falke-Schule zu gehen. Bloß nicht! Doch die Lehrer fragten die Eltern plötzlich, was sie denn tun müssten, damit diese ihren Nachwuchs sogar freiwillig über den Äquator schicken würden.

Schnell wurde klar, dass die Schule mit ihren herkömmlichen Stärken nicht punkten konnte. Vorlesepaten, eine gut bestückte Bibliothek? Brauchen wir nicht, signalisierten die Eltern. Sie lesen selbst jeden Abend vor, und viele wissen kaum noch, wohin mit den Kinderbüchern. Aber wie wäre es mit Englisch, nicht erst ab der dritten Jahrgangsstufe wie sonst in Berlin, sondern gleich vom ersten Tag an? Zudem sollte die Klasse einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt haben. Und natürlich möglichst klein sein. Vor allem aber, so lautete damals die wichtigste Botschaft: Alle Klassenkameraden ihrer Kinder müssen perfekt Deutsch sprechen.

So wird es sein, sagt jetzt Frau Müller. Und sie verspricht: Vom kommenden Schuljahr an wird die Gustav-Falke-Schule eine Modellklasse einrichten. Jeder ihrer Schüler muss einen Sprachtest bestehen, mindestens die Hälfte von ihnen deutsche Eltern haben. Höchstens 24 Köpfe wird diese Lerngruppe zählen. Regelmäßige Versuche (»Solaranlagen bauen«) werden den Unterricht bereichern, das Mensaessen wird auf Bio umgestellt. »Binnendifferenzierung«, »Individualisierter Unterricht«, »der Einsatz von Smartboards und Computern«: Kein Zauberwort moderner Pädagogik fehlt in den Vorträgen. Selbst die Hirnforschung und die Globalisierung werden bemüht, um die Eltern zu locken.

Tatsächlich geben sich die Umworbenen beeindruckt. Viele machen sich Notizen. Drüben, wo sie wohnen, sind sie nichts Besonderes. An den überlaufenen Schulen im Bezirk Mitte bekomme man die Schulleitung noch nicht einmal für zehn Minuten zu Gesicht, klagt ein Vater, und die Klassen seien bis zu 32 Schüler groß. Doch gleichzeitig nagt der Zweifel in den Köpfen der Eltern. Das Ganze ist ein soziales Experiment, in dem ihre Töchter und Söhne sozusagen die Versuchskaninchen spielen. »Kann ich mein Kind nach ein paar Monaten auch wieder abmelden?«, fragt einer.

Jetzt meldet sich jener Mann zu Wort, der als Einziger im Raum einen Anzug trägt und eine Krawatte. »Nein«, sagt er, man lege Wert auf Stabilität. »Ein bisschen verlobt geht nicht.« Eduard Heußen heißt er und war einmal Sprecher des Regierenden Bürgermeisters. Heute vertritt er das größte Wohnungsunternehmen in Berlin. Seine Firma sorgt sich über den Niedergang vieler Viertel – und die damit einhergehende Entwertung der eigenen Häuser. Heußen hat in einer Umfrage herausgefunden: Wenn Familien wegziehen, dann vor allem wegen der Schulen. Deshalb hat er die politische Rückendeckung für den Schulversuch in der Bernauer Straße organisiert und auch einen Brief von Klaus Wowereit persönlich, der auf einem der Tische ausliegt. Eine »mutige Initiative« sei die Idee der Gustav-Falke-Schule, lobt Wowereit darin, und der Anfang eines möglichen »Trendwechsels« im Wedding.

Die Mitte-Eltern sind gerührt und spüren eine moralische Verpflichtung

Denn natürlich ist der Versuch heikel. Von »Rassismus« war die Rede, als die Gustav-Falke-Lehrer in den Mitte-Kitas für ihre Sonderklasse warben. Und wird die Eliteklasse den Parallelklassen nicht noch die letzten deutschsprachigen Schüler stehlen? »Der Vorwurf ist falsch«, sagt Heußen. Auch die Migrantenkinder werden profitieren, vom Englisch ab Klasse eins zum Beispiel und dem Zusammensein mit den Muttersprachlern in Projekten und auf dem Pausenhof.

Doch gerade einem allzu engen Kontakt sehen die deutschen Eltern mit gemischten Gefühlen entgegen. Nach der abendlichen Werbeveranstaltung stehen einige von ihnen noch zusammen. »Fast rührend« fanden sie den Auftritt der Lehrer. Nun spüren sie eine gewisse moralische Verpflichtung, die Offerte auch anzunehmen.

Wenn nur die Unsicherheit nicht wäre, wie die Weddinger Kinder auf neue Schulkameraden reagieren würden. »Am meisten Angst habe ich vor Mobbing durch die Älteren«, gesteht ein Vater. Zwar sind die Erst- und Zweitklässler in einem eigenen Gebäude untergebracht. Ein bisschen Trennung heute, um die große Segregation morgen zu überwinden – das wird also in Kauf genommen. Aber ganz abschirmen will und kann man die kleinen Grenzgänger natürlich nicht.

Nach zwei Stunden kehren die Eltern heim auf ihre Seite der Grenze. Für die endgültige Anmeldung haben sie noch bis zum November Zeit. Aber wenigstens ihre E-Mail-Adresse haben schon einmal alle dagelassen.

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Leser-Kommentare
  1. Wurde uns so ähnlich versprochen. "Zwei Lehrer pro Klasse", höchstens 24 Schüler, besonders gute neue Schulücher. Und ach und ja.

    Fazit nach 4 Grundschuljahren:

    BLOSS NICHT

    In der Schule soll ein Kind ja auch Freunde für's Leben finden.

    Daran hapert's da aber. Das können auch die besten Lehrer nicht ersetzen.

    Übrigens: Der Unterricht war und ist wirklich spitze.

    aj

  2. 2.

    Ich war selber auf einer sogenannten Brennpunkt(grund)schule und es waren die schlimmsten Jahre meines Lebens. Nie werde ich meine Kinder einer vergleichbaren Situation aussetzen, nein, das hat niemand verdient. Ich werde ALLES tun damit sie nicht vergleichbares durchmachen müssen, und wenn die Alternative Waldorf/Montessori/etc -schule heißt dann heißt sie eben Waldorf/Montessori/etc -schule.

    Leider haben meine Eltern keine dieser "Tricks" angewendet um mich vor der Hölle Brennpunktgrundschule zu bewahren. Ich war so froh als die Grundschule endlich vorbei war und ich den Schulweg zum letzten Mal in meinem Leben laufen musste, zum letzten Mal Spiessrutenlaufen, nee, das wünsche ich niemandem.

    • herzer
    • 19.10.2009 um 14:43 Uhr

    Ich glaube, mit ein paar mutigen Mitte-Eltern ist es nicht getan. Und welches Signal setzt man den Wedding-Kindern? Das die “anderen” Kinder eigentlich doch besser sind? Ich glaube daran, dass man die Kinder, die sozial benachteiligt sind oder mit der deutschen Sprache im Schulalter nicht zurecht kommen, wesentlich früher begegnen muss und sie stärken muss, indem man sie früh an Bildung und kreatives Lernen heranführt. Wir brauchen wesentlich mehr Geld in sozial schwachen Gegenden für besondere Betreuungsmaßnahmen und Sozialarbeiter und Kindergartenpflicht für alle ab 1 in Deutschland. Ich glaube, dass das nicht nur den Weddinger Kindern zugute kommt, sondern auch den Zehlendorfern Kindern und Eltern. Denn Kinder brauchen Kinder, Gruppenerfahrung und professionelle Pädagogen. Die Eltern brauchen Hilfe – keine finanzielle, sondern beratende. Auch den Kindern aus den sogenannten Bildungsbürgertum Haushalten würde es gut tun, wenn sie früh in den Kindergarten dürften – auch aus feministischer Sicht wäre das ein Fortschritt für alle, wenn die Mama nicht jahrelang berufsabstinent bleibt. Warum nicht Eltern-Kind Gruppen einrichten, in denen Eltern lernen mit ihren Kindern gemeinsam zu lernen, zu sprechen, zu spielen. Ohne Pflicht wird es allerdings nicht funktionieren. Ohne Geld auch nicht. Deswegen: wer noch an ein Stadtschloss denkt, sollte dringend mal durch Wedding spazieren.

  3. Wer sein Kind bei so einem Menschenversuch anmeldet handelt in meinen Augen hochgradig verantwortungslos! Sechs Jahre lang von verwahrlosten Kindern verprügelt, abgezogen und erniedrigt zu werden, damit sich die Eltern dem Rest der 68er-Bionadesozialisten moralisch überlegen fühlen können. Das wünscht man wirklich keinem.

    Grüße
    Trench

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