Deutsch-deutsche Geschichte Wo Ost und West sich gern hattenSeite 2/2
Die Westdeutschen brachten Devisen und wurden entsprechend hofiert, doch für sie war der Urlaub am Balaton nur einer von vielen. Für Ostdeutsche war er fast schon so etwas wie eine kleine Flucht. Vielen kommen noch heute die Tränen, wenn sie vom weiten ungarischen Himmel schwärmen, von der Ungezwungenheit der Menschen, der Farbenpracht der Landschaft und der Hitze. Fast alle erzählen sie von den aus ihrer Sicht unfassbar gut sortierten Pullovermärkten am See, auf denen sie sich fürs ganze Jahr eindeckten. Den Westdeutschen scheinen die überhaupt nicht aufgefallen zu sein. Sie erinnern sich bloß ganz allgemein an die günstigen Preise. In Ungarn fiel es ihnen leicht, großzügig zu sein.
Hier konnte eine alleinerziehende Mutter, ohne mit der Wimper zu zucken, jeden Abend das Restaurantessen für ihre neuen Ostberliner Bekannten bezahlen. Hier mietete die westdeutsche Familie Heuser ganz selbstverständlich den Bungalow, in dem auch ihre Freunde aus Leipzig unterkamen. Zum Abschied fotografierten die Familien sich jedes Jahr vor ihren senffarbenen Autos, einem Trabant und einem Mercedes. Ob sie merkten, was für ein Spiel mit den Klischees sie trieben? Oder waren die noch gar nicht so wichtig, weil man vor der Wende noch nicht auf die Idee kam, sich mit den anderen zu messen? Jeder hatte sich in seiner Welt irgendwie eingerichtet. Was war schon dabei, wenn die Ostdeutschen nach den Ferien westdeutsche Schlauchboote, Badesandalen und Nivea-Bälle mit nach Hause nahmen, weil es die da nun einmal nicht gab?
Erst als die Luft dort immer dünner wurde und irgendwann nicht mehr nur die Schlauchboote in den DDR-Regalen fehlten, wurde aus der kleinen Flucht die große. Die Menschen, die sich am Balaton Sommer für Sommer in den Armen gelegen hatten, lebten bald im selben Land. Viele hatten einander plötzlich nichts mehr zu sagen. Andere treffen sich bis heute. Die Heusers und ihre Leipziger Freunde verbringen noch immer den Urlaub zusammen – und sind froh, dass nun jeder seine Rechnung selbst bezahlen kann.
»Deutsche Einheit am Balaton. Die private Geschichte der deutsch-deutschen Einheit«. 17. Oktober bis 15. Januar. Collegium Hungaricum Berlin. Dorotheenstraße 12, 10117 Berlin, täglich 10 bis 19 Uhr, der Eintritt ist frei
- Datum 11.10.2009 - 17:16 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren