Stephan Thome Wie haben wir sie vermisst! Die Wonnen der Gewöhnlichkeit kehren in die Literatur zurück
Der Debütant Stephan Thome hat einen hessischen Heimatroman geschrieben, der mitten ins betäubte Herz der Bundesrepublik trifft. Seine liebenswerten Kleinstadthelden wagen keinen Aufbruch mehr. Aber sie finden zu einer neuen Würde des Scheiterns
Hätte der 37-jährige Debütant Stephan Thome aus Biedenkopf in Hessen einem Lektor ein Exposé für seinen ersten Roman vorgelegt, er hätte wohl nur müde abgewinkt: Geschiedene Mittvierzigerin mit pflegebedürftiger Mutter und pubertierendem Sohn in hessischer Kleinstadt geht Verhältnis ein mit akademisch und amourös gescheitertem Studienrat des örtlichen Gymnasiums, das Ganze erzähltechnisch eingebettet in die Schilderung eines alle sieben Jahre begangenen Kleinstadtfestes. Geplanter Umfang: 450 Seiten. Titel: identisch mit Namen des Kleinstadtfestes. Auftretende Personen: geschiedene Hausfrau, Oberschüler, Studienrat, Tante Anni, Gymnasialdirektor, Frau Preis (Gattin des Inhabers von Preis Damenunterwäsche). Orte der Handlung: Bergenstadt im Hessischen und der Swingerclub La Bohème in der Nähe von Gießen. Im Roman einzig namentlich erwähntes Druckerzeugnis: die Zeitschrift Brigitte.
Unvorstellbar, hätte der Lektor gesagt, dass so was gut geht. Oder wieder gut geht. Denn Romane aus der Provinz hat es zwar immer gegeben. Aber haben wir diese geduckte uncoole Kleinbürgerwelt in den letzten Jahrzehnten nicht aus der Literatur vertrieben? Haben wir dieses, nach einer unnachahmlichen Formulierung des Essayisten Karl Heinz Bohrer, »harmlose Bild föderaler, fettprangender Provinzen zwischen Karneval und Weinernte« nicht von Herzen verspottet? Auf den Heimatroman folgte der Anti-Heimatroman. Die Schrecken des Dorfes, die Hintertriebenheit der Kleinstadt, die versteckte Bosheit des Kleinbürgertums wurden darin schonungslos entlarvt und bis in die letzten faulen Winkel verfolgt und literarisch vor Gericht gestellt.
Das ist noch nicht lange her. Und nun richtet sich eine junge Generation deutscher Autoren wieder ein in einer deutschen Literaturprovinz, in der es Pikkolöchen zu trinken gibt und Mutti beim Stadtfest aus Versehen den Herrn Lehrer küsst, während dieser ihr zaghaft an die Bluse geht. Vor der verborgenen Fratze hinter dem Biedermanngesicht der Kleinstadt scheint sich niemand mehr zu fürchten. Berlin ist weit, München und seine jugendlichen S-Bahnmörder auch, und dass es gerade die mit allerneuester Technik überversorgten Söhne der Provinz sind, die ihren bedrängten Seelen heute gelegentlich mit Schnellfeuerwaffen Luft verschaffen, hat die Renaissance des deutschen Provinzromans nicht aufgehalten.
Im Gegenteil. Der junge Debütant Stephan Thome, der, seit sein hessischer Heimatroman Grenzgang vor einigen Wochen erschien, von der Kritik für seine subtile Restauration des Provinziellen gefeiert und mit einem Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises belohnt wurde, legt eine so unverbrauchte Frische an den Tag, als hätte er das Genre gerade selbst erfunden. Und als gäbe es die großen literarischen Meilensteine dieses Herbstes nicht. Die Tausendseiter aus der Feder tiefmelancholischer, an dem Wahnsinn des spätabendländischen Lebensstils verzweifelnder und von seinen urbanen Abgründen inspirierter Autoren wie David Foster Wallace und Roberto Bolaño, neben denen sich dieser deutsche Kleinstadtroman ausnimmt wie ein Hauskätzchen im Raubtierkäfig.
Dennoch oder gerade deswegen trifft dieses Buch im Deutschland des Jahres 2009 auf ein breites und ernst zu nehmendes Wohlgefallen. Denn hier wird zwar das meiste zu literarisch deutlich gesenkten Preisen angeboten – »Frau Preis erteilt den Tomaten eine seufzende Absage« und lacht ihr »unblondiertes Lachen«, der Herr Lehrer fühlt sich glücklich »in der Reduktion auf sein lustspendendes Organ«, im Badezimmer der geschiedenen Hausfrau betritt man »den schäbigen Wartebereich der Wechseljahre« –, doch ist dieser literarische Kurssturz schon Teil der versöhnlichen, verschmitzten Lethargie, die man auch an den lebenspragmatischen, halb vertrauerten Figuren dieses Romans bewundert. Seit Martin Walsers liebevollen Kleinbürgerpanoramen ist der deutsche Mittelstand lange nicht mehr so verständnisinnig in seinen liebenswürdigen Begrenztheiten porträtiert worden wie hier.
Diese Verständnisinnigkeit ergibt sich zwanglos aus der Erzählperspektive, die den seelischen und sprachlichen Horizont des im akademischen Leben gescheiterten Historikers und der von der Kurzlebigkeit des modernen Ehelebens enttäuschten Hausfrau nie verlässt, ihm sogar mit derselben ernüchterten Ergebenheit anhängt, die seine Figuren an den Tag legen. Sympathisch sind diese beklagenswerten Helden, die nicht in Berlin leben, nicht Schriftsteller sind oder ein anderes atemberaubendes Hochbegabtenproblem haben, dennoch allemal. Und sie teilen womöglich in ihrer Gemütslage und in ihren befriedeten und dennoch unbefriedigenden Lebensumständen das Schicksal des größten Teils ihrer Leser und Leserinnen, die den Roman des einfühlsamen Frauenverstehers Thome schon deswegen lesen werden, um sich darin selbst zu erkennen.
Die Beschränkung auf die herbstmilden bürgerlichen Gefühle der deutschen 40- bis 50-Jährigen und ihre sanften mittelständischen Traurigkeiten ist letztlich das Erfolgsgeheimnis dieses äußerst mehrheitsfähigen Romans. Sie entspricht in etwa dem, was Sozialwissenschaftler als eine der Hauptreaktionen der bürgerlichen Milieus auf die überkomplexe Bedrohungslage in der globalisierten Welt ausgemacht haben wollen: dem Cocooning, dem Rückzug auf die Scholle des Intimen und geschmackvoll Spießigen, der Flucht ins Paradiesgärtlein streng privater Glücksbemühungen.
- Datum 12.10.2009 - 17:35 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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