US-Wissenschaftler Die Überall-Professoren

Uni-Dozenten in den USA haben in der Krise schlechte Chancen auf eine Festanstellung. Ein neues Prekariat von hoch spezialisierten Wissenschaftlern entwickelt sich.

An der University of California protestieren Uni-Angestellte und Studenten gegen Budgetkürzungen

An der University of California protestieren Uni-Angestellte und Studenten gegen Budgetkürzungen

Der Camel-Mann ging meilenweit für eine Zigarette, aber auch Blaine Pope ist weite Strecken gewohnt: Zwei Jahre lang fuhr der frischgebackene Doktorand jeden Donnerstag mehr als 140 Kilometer von Los Angeles nach Santa Barbara und wieder zurück, um als Teilzeitprofessor einen Kurs zu unterrichten, bis er trotz Wirtschaftskrise und Einstellungsstopp im November etwas Besseres fand: eine Halbtagsstelle als Forschungsprofessor an der University of Southern California. Nicht weit von seiner Haustür entfernt. »Mir wurde als Teilzeitprofessor noch nicht einmal die Krankenversicherung bezahlt«, sagt Pope und schwärmt von seiner neuen Position: »Jetzt stehe ich auf der Gehaltsliste der Universität und bekomme Sozialleistungen.« Eine feste Professur ist das nicht, doch das ist ihm recht. Man müsse eben unternehmerisches Denken zeigen: »Ich kann mehr verdienen, wenn ich es schaffe, Drittmittel einzubringen.«

Die ersehnte Vertragsverlängerung kommt erst kurz vor dem Semester

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Gerade erst unterrichtete der Ökologe einen Sommerkurs über die Auswirkungen des Ölpreises auf die Schulden der Dritten Welt – das Thema seiner Doktorarbeit – und wartet derweil mal wieder auf die frohe Botschaft in seinem Briefkasten: die Verlängerung seines Vertrages für das nächste Semester. Tausenden von Dozenten und Uni-Professoren geht es jedes Jahr so wie ihm: Der Anteil der Vollzeitprofessoren mit Daueranstellung oder Option auf Daueranstellung, also der full, assistant und associate professors, macht nur noch 27 Prozent des Lehrkörpers der Unis aus, vor 30 Jahren stellten sie noch 57 Prozent. Und die gegenwärtige Finanzierungskrise vieler US-Unis macht alles noch viel schlimmer.

Die Quote der Teilzeitprofessoren ist mittlerweile auf 37 Prozent gestiegen. 40 Prozent der Professoren am Boston College und der Tufts University sind Teilzeitarbeiter, bei der New York University sind es 62 Prozent. Doch mit den etwa 3000 Dollar (2040 Euro), die sie im Schnitt pro Kurs verdienen – im Vergleich zu den 73.000 Dollar (49.600 Euro), die ein fest angestellter Professor im Jahr erhält – kommen Teilprofessoren nicht über die Runden – und eilen von einer Uni zur nächsten, um zu unterrichten.

Rein rechnerisch ergebe es Sinn, immer mehr billige und flexible Lehrbeauftragte einzustellen, meint Ronald Ehrenberg, ein Professor an der Cornell University. Bereits vor vier Jahren machte er auf das Thema aufmerksam. Damals kritisierte er öffentlich, dass die Unis sparen müssten, weil die staatliche Unterstützung nach unten sacke, Forschungskosten aber kletterten. »Der Drahtseilakt im Geschäft mit der Hochschulausbildung« hieß die Konferenz des Thinktanks eines Pensionsfonds, auf der er seine Studie vorstellte. Auch ein 1994 in Kraft getretenes Gesetz, das die Pensionierung der Vollprofessoren mit 65 verbiete, treibe die Kosten nach oben, weil die Gesundheitskosten wüchsen und höhere Gehälter länger bezahlt werden müssten. Außerdem, so Ehrenberg, sei es sehr teuer geworden, kluge Köpfe anzulocken: Die Anlaufkosten, die beim Anheuern forschungsstarker Wissenschaftler entstehen können, lägen bei 500000 Dollar; um ranghohe Forscher zu holen, müsse gar eine Million Dollar ausgegeben werden. Entsprechend wenig bleibe für die Lehre übrig.

Die Folgen dieser Logik: Immer mehr freie Mitarbeiter werden eingestellt. Sie können jederzeit entlassen werden, ihre Verträge brauchen nicht erneuert zu werden, wenn sie auslaufen. Sie haben keine Büros und kein Mitspracherecht in der akademischen Verwaltung. »Hörsaalgespenster« oder »Autobahnflitzer« nennt man sie. Oder road scholars , also Straßengelehrte, ein Wortspiel auf Rhodes Scholars, die Stipendiaten, die an der University of Oxford studieren.

Das Abrackern für Billiglohn wirkt sich nicht nur auf ihre Bankkonten und Gemüter, sondern auch auf die Studenten aus: Wenn der Anteil der Teilzeitprofessoren am Lehrkörper um 10 Prozent nach oben geht, erhöht sich laut einer Studie, in der Ehrenberg die Daten des College Board, der Vereinigung der meisten Universitäten und Colleges, analysiert hat, die Zahl der Uni-Abbrecher um drei Prozent.

Ein Anzeichen also, dass weniger Studenten von Hochschulen mit vielen Teilzeitprofessoren den Abschluss schaffen? Das ist durchaus möglich, sagt Ehrenberg. Und Kevin Dougherty, Professor für Hochschulwesen an der Columbia University, glaubt, dass Teilzeitprofessoren Studenten besser benoten, damit die, so zumindest die Hoffnung, umgekehrt ihre Professoren wohlwollender bewerten.

Selbst die größten Knauser in Universitäten und Regierung merken langsam, welche Nachteile ihre Methode für die Zukunft der amerikanischen Forschung mit sich bringt. Denn seit immer mehr Hilfsprofessoren eingestellt werden, leidet die Eigenproduktion: Der Anteil der Amerikaner unter den Doktoranden in den USA ist rückläufig, der der Ausländer dagegen klettert weiter nach oben. Die USA sollen in der Forschung wieder ganz vorn sein, sagt US-Präsident Barack Obama. Aber kann Amerika das schaffen?

Leser-Kommentare
  1. Bei uns ist das doch nicht anders. "Lehrbeauftragte", Junior- und Honorarprofessoren werden doch in Deutschland auf genau die gleiche Art und Weise verheizt.

    Leute, die von Halbjahrsstelle zu Halbjahrsstelle hetzen, werden wohl kaum die Forschung voranbringen können. d.h., sie könnten schon, kommen aber nicht dazu.

    • Ranjit
    • 08.10.2009 um 15:24 Uhr

    Man kann immer deutlicher Erkennen, wie derzeit die "westliche" Welt ins Misery-Management abgleitet. Politisch versorgt wird, wer laut genug brüllt. Junge Akademiker haben aber keine Stimme. Die wenig Gebildeten tragen häufig nur Verachtung für jene zur Schau, die sich mit so theoretischem Zeugs beschäftigen. Und wer nicht andauernd opferbereit und arbeitswillig erscheint und nie klagt, der verliert selbst die winzige Chance es doch zum Professor zu schaffen. In den USA genau wie hier.

    Das Grundproblem ist einfach die krebsartig wuchernde Marktlogik. Denn wenn jemand aus anderen Gründen als Geld an einer Tätigkeit interessiert ist, dann kann man Denjenigen schließlich ausnehmen. Gewinner der Logik sind immer nur jene, die (wie von der Wirtschaftstheorie für alle postuliert) wirklich nur an sich Selbst und ihr Einkommen denken. Bestes Beispiel: Investmentbanker.

    Akademikern verdanken wir unseren heutigen Lebensstandard, den Investmentbankern die Finanzkriese. Dass wir Letztere extrem viel besser entlohnen ist da doch nur fair, nicht wahr?

    Eine Leser-Empfehlung
    • kayob
    • 08.10.2009 um 17:32 Uhr

    ich bin auch fassunglos über die engstirnige und vor allem kurzsichtige bildungspolitik in der westlichen welt.
    man lebt, wie die usa von importen an wissen, oder wie deutschland von den investitionen der 70er jahre.
    wovon man danach leben soll weiß keiner zu beantworten.
    die usa können weiter importieren, sie sind einwanderungsland.
    wir auch, aber tun so als seien wir es nicht, und unsere bevölkerung schrumpft im vergleich zu den usa.
    wir werden erst bildungspolitisch, dann technologisch und schließlich wirtschaftlich in die misere gleiten, wenn nicht umgesteuert wird.
    das einzige geld, mit dem der staat wirklich was ausrichten kann, was sich rechnet, ist jeder euro im bildungssystem.
    wenn schulden, dann für bildung.
    aber man tut so als hätte man zeit. hat man nicht, und irgendwann werden wir auch wissensimporte brauchen, aber die werden nicht kommen, sie angst haben müssen rassistisch behandelt zu werden, die gehen dann lieber gleich in die usa.
    so hängt alles mit allem zusammen und von der bildung alles ab.
    un wir? wir lassen jährlich zehntausende durchs bildungsnetz in perspektivlosigkeit fallen.bildung so zuvernachlässigen heißt einen ungedeckten scheck auf die zukunft ausstellen.
    anektode: ein bankrotter staat. der minister kommt zum könig mit sparvorschlägen, der nimmt alle an, außer jene, die bildungsgelder betreffen. auf ein erboßtes, "aber majestät!", sagt der könig:"arm sind wir schon, wenn wir jetzt noch dumm werden, können wir auch gleich ganz aufhören."

  2. Wie hat es früher noch so schön unter Marx und Lenin geheißen: Proletarier aller Länder vereinigt Euch. Eine Forderung, die heute schwerer und leichter zugleich geworden ist.

    Schwerer, da die reinen Arbeitertätigkeiten sowie weitere unqualifizierte Beschäftigungen mit zunehmender Technisierung generell abnehmen, wodurch sich immer weniger über immer größere Distanzen der Gruppen und Individuen zueinander vereinigen müßte. Zumal die Zeiten des Marxschen Kommunismus sowie des real existierenden Sozialismus mittlerweile ja auch quasi vorbei sind.

    Leichter, da es mit der heutigen Technik eigentlich kein Problem ist, sich auch über große Distanzen hinweg selbst über die abstrusesten Gedanken auszutauschen.

    Genau diese heutige Technik aber sollten wir uns für die Gründung einer neuen „Internationale“ zunutze machen. Denn es ist ja nicht nur in Deutschland und in den USA so, daß immer mehr ein sogenanntes Prekariat an hochgebildeten Geringverdienern heranwächst. Trotz allen Fortschrittes und trotz aller wissenschaftlichen und technischen Weiterentwicklung wird der Großteil der Weltbevölkerung ärmer. Und diese Entwicklung macht selbst vor hervorragend ausgebildeten Akademikern nicht halt.

    Gerade hier bei diesem Prekariat aber sehe ich weltweit das Potential für die Lösung kommender, oftmals sogar weltweiter Probleme. Man mag über Marx und Lenin denken, was man will. Deren Forderungen erscheinen mir heutzutage wenig erstrebenswert.

    Weiter Teil 2

  3. Ohne den intellektuellen Anstoß von Marx und Lenin aber gäbe es heute keine Wohlstandsgesellschaft. Denn ohne derartige Denker hätten die damaligen Arbeiter ja nicht über Betriebsräte und Gewerkschaften höhere Löhne und Sozialleistungen erstreiten können. Die Arbeiter wären arm und abhängig von Adel und Großbürgertum geblieben, auch eine Demokratie wie die heutige hätte sich nicht entwickeln können und die Ausbildung von vielen Facharbeitern, Ingenieuren oder Akademikern wäre unbezahlbar geblieben. Und gerade die Bezahlung und Ermöglichung derartiger Ausbildungen war es doch, da hat Ranjit in seinem Kommentar vollkommen recht, der wir unseren heutigen Lebensstandart zu verdanken haben.

    Ich persönlich weine Marx, Lenin und anderen heute keine Träne mehr nach. Zumal die Errichtung von Arbeiter- und Bauernstaaten, wie im real existierenden Sozialismus geschehen, lediglich zu einer zwangsweisen Kultivierung der Erwerbsarbeit führte, was dann mit der Zeit jedweden Fortschritt und jede Demokratisierung behinderte sowie irgendwann zum Zusammenbruch führte. Die Situation der früheren Arbeiter und Bauern ist der heutigen Situation der arbeitslosen oder unterbezahlten Facharbeiter, Ingenieure oder Akademiker aber simultan.

    Weiter Teil 3

  4. Genauso wie früher der Adel und das Großbürgertum für teilweise desolate Lebensbedingungen, weitverbreitete Armut und Rückständigkeit sorgten, so sind es heute Lobbyisten und deren Auftraggeber sowie, siehe Ranjit, skrupellose Investmentbanker und deren Oberbau, die der Mehrheit der Weltbevölkerung heute genau diese Verhältnisse, oder besser gesagt Zustände, zwangsweise aufoktruieren. So eben auch einem immer größer werdenden Prekariat an Hochgebildeten.

    Gerade diese Hochgebildeten aber können sich noch wehren und sollten sich auch wehren. In Deutschland, den anderen Europäischen Ländern sowie Nordamerika, Australien und Neuseeland zunächst mit der Forderung nach einem guten bedingungslosen Grundeinkommen, worauf ich schon in vielen anderen Kommentaren aufmerksam gemacht habe. Danach mit vielen alternativen Forschungsprojekten sowie der gleichzeitigen internationalen Vernetzung zwecks Austausch von Wissen und Informationen. Würde hier weitergearbeitet und würde quasi jedem die Teilnahme ermöglicht so hätten wir einen wirklich freien Markt nicht nur für Lobbyforschung sondern auch für andere Spitzenforschung. Und das freigesetzte Potential könnte so nicht nur zur Lösung anstehender oder zukünftiger Probleme beitragen. Nein es könnte sogar den Wohlstand für alle sichtbar und spürbar erhöhen.

    Mag sein ,daß es auch hier diverse Irrwege vergleichbar dem real existierenden Sozialismus gibt.

    Weiter Teil 4

  5. Mittlerweile aber befinden wir uns nicht mehr im 20, sondern im 21 Jahrhundert. Und da sollte es uns, zumal mit der bereits erwähnten höheren Gesamtbildung, doch wohl möglich sein, aus der Geschichte und somit besser aus Fehlern zu lernen. Irrwege lassen sich dann zwar nicht verhindern, aber doch verkürzen. Und eines dürfte doch ebenfalls klar sein. Genauso wie es ohne den Irrweg des real existierenden Sozialismus keinen heutigen Wohlstand gegeben hätte, genauso wird es ohne den Mut zu zukünftigen Irrungen auch keinen weiteren Fortschritt und Wohlstand geben.

    Auch wenn Vorschläge wie das bedingungslose Grundeinkommen lediglich ein Anfang sind, nicht aber der ganze Weg und das Ende: Beginnen wir endlich damit, wieder etwas zu bewegen und fangen wir endlich einmal gemeinsam an! Vorschläge zu Adressen (DIAA) habe ich bereits vereinzelt in meinem Bericht sowie in anderen meiner Kommentare genannt. Hier wäre doch des weiteren endlich einmal eine Gelegenheit, nicht nur auf neue Trends aus den USA zu warten, sondern von Deutschland ausgehend eine „akademische Internationale“ ins Leben zu rufen. Eine „Internationale“, welche jeden Akademiker umfassen würde. Nicht nur die „Erfolgreichen“, sondern eben auch die weit größere Masse an Prekären, die von der öffentlichen Presse international heute gerne totgeschwiegen wird. Auf weitere Vorschläge zu Aktionen würde wahrscheinlich nicht nur ich mich freuen.

    Dr. Jens Romba

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