China Auf dem langen Marsch zu den Dichtern des Ostens, durch die Stadt und die Nacht

Ein Streifzug durch das literarische Peking von heute auf der Suche nach dem Neuen, dem Widersprüchlichen, dem Ultramodernen und dem Uralten

Eine Straßenszene aus Peking

Eine Straßenszene aus Peking

Ich bin im Sommer nach China gereist, um Neues zu erfahren. Irgendwie dem Trend folgend, der sagt, dass es dort abgehen soll. Ich habe die Worte der Chinesisch-Übersetzerin Sylvie Gentil noch im Ohr, die mir gesagt hat: »Die Leistung der chinesischen Literatur besteht darin, die Wahrheit eines Widerspruchs einzufangen. Auf den ersten Blick ist die jahrtausendealte chinesische Gesellschaft statisch. Und doch finden heute in ihr die großen Umwälzungen unserer globalisierten Welt statt. Einerseits werden uralte Traditionen wieder aufgenommen; andererseits gibt es in China ungebremste gesellschaftliche Umbrüche.« Genau das bringen gute Bücher zum Ausdruck!

Zur Vorbereitung auf meine Reise habe ich drei kürzlich erschienene große Epochenromane gelesen. Sie bieten dem europäischen Leser die Möglichkeit, in die Geschichte der Volksrepublik einzutauchen – deren 60. Gründungsjubiläum in diesem Jahr gefeiert wird – und sich ein Bild der chinesischen Gesellschaft von innen her zu machen: Der Überdruss von Mo Yan, Brüder von Yu Hua und Peking-Koma von Ma Jian. Jeder dieser Romane ergänzt die beiden anderen, angefangen beim Großen Sprung nach vorn über die Kulturrevolution bis zu den Reformen und der Zeit der »Öffnung«. Ma Jians Roman leuchtet sogar einen toten Winkel der chinesischen Zensur aus: Da der Autor im Exil in London lebt, hat er als Einziger die Freiheit, die Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz darzustellen.

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Lan Lian, der Protagonist in dem Roman Der Überdruss von Mo Yan, hält aus Treue zu seinem früheren Herrn, der von der Volksbefreiungsarmee erschossen worden ist, unter Mao stur daran fest, freier Bauer zu bleiben. Sein Herr wird in seinem Heimatdorf in den Tieren des Bauernhofs wiedergeboren, wobei jede seiner tierischen Erscheinungsformen eine bestimmte ökonomische Periode von 1949 bis heute symbolisiert. Im Roman Brüder von Ya Hua sind Song Gang und Glatzkopf Li Stiefbrüder in einer Patchworkfamilie und wachsen im städtischen China der sechziger Jahre auf. Ihre Biografien kreuzen sich am Übergang von der Kulturrevolution zu den Wirtschaftsreformen, die von dem größeren Gauner von beiden, der sich an die neuen gesellschaftlichen Regeln besser anpassen kann, zu seinem Vorteil genutzt werden. Die Hauptfigur im Roman Peking-Koma von Ma Jian schließlich wird 1989 Opfer der polizeilichen Übergriffe bei den Studentendemonstrationen auf dem Tiananmen-Platz. Von einer Kugel getroffen und schwer verletzt, fällt Dai Wei in ein zehn Jahre andauerndes Koma. Ohne dass er etwas tut, verändert sich die Welt um ihn herum: Sein Vater kehrt aus dem Lager heim, seine Mutter wird Anhängerin der in China verfolgten religiösen Sekte Falun Gong, und sein eigener Körper wird vermarktet!

Die Autoren Mo Yan, Yu Hua und Ma Jian sind gewissermaßen die »drei Tenöre« des zeitgenössischen chinesischen Romans. Alle drei gehören der Generation der über Fünfzigjährigen an und nutzen die Form des Epochenromans , um die Geschichte des modernen China zusammenhängend zu erzählen.

In Peking treffe ich als Erstes den 53-jährigen Mo Yan. Ich will wissen, warum er seine Geschichten so häufig aus der Perspektive von Tieren und Toten erzählt und warum er einer Figur sogar seinen eigenen Namen gegeben hat. Und er sagt: »Ich habe beschlossen, mich Mo Yan (›der Sprachlose‹) zu nennen, was in ironischer Umkehrung ›lieber sterben als schweigen‹ bedeutet. In diesem Sinn höre ich in einer an Gedächtnisverlust leidenden Zeit nicht auf, Bücher zu schreiben, die die Vergangenheit erkunden. Die Figur Mo Yan, die ich bin, ohne ich zu sein, geht als Aufklärer vor, um geschickt mit den heiklen Abschnitten der chinesischen Geschichte umzugehen.«

Das ist nicht verwunderlich. Denn es gibt den zeitgenössischen chinesischen Roman nicht ohne Zensur. Trotz allem Wagemut, den die Autoren beweisen, entstehen ihre Werke innerhalb eines von der Zensur vorgegebenen Zirkels: Bei Mo Yan und Yu Hua findet sich keine Anspielung auf den Tiananmen-Platz. Auch der verwegene Yan Lianke, der nicht einmal zur Buchmesse nach Frankfurt kommen darf, überschreitet bestimmte Grenzen nicht. In seinem Roman Dem Volke dienen erfindet er zwar einen Landser, der eine kleine Mao-Figur zerbricht, um seine Liebesspiele zu würzen, aber in seinem sogenannten Aids-Roman Der Traum meines Großvaters verschweigt er bestimmte Enthüllungen über den Handel mit dem verseuchten Blut, um die Behörden von Henan zu schonen.

Auch den 51-jährigen Yan Lianke habe ich in Peking nach seinen Erfahrungen mit der Zensur befragt. Er sagt: »Die chinesischen Autoren sind nicht so mutig, wie die sowjetischen es einmal waren, sie sind schwach und gemäßigt, sie befolgen die Gesetze. Um über die Realität in China zu berichten, brauchten sie sehr viel Mut. Ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart, die chinesische Literatur hat nie die Realität wiedergegeben. Die Schriftsteller befassen sich mit der großen Geschichte oder mit individuellen Ereignissen. Das Problem heute ist, dass die Autoren nicht in Einklang mit der sozialen Wirklichkeit sind. Das liegt an der heutigen Ideologie, der soziale Probleme scheißegal sind.«

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