Ganz am Ende dieser Geschichte, als der Autor das Buch geschrieben, die Lektorin es gelesen und der Verlag es beworben hat, als manche Buchhändler es bestellt, andere es abgelehnt haben und die Entscheidung, ob es ein Bestseller wird, kurz bevorsteht, ganz am Ende also, da wird das Buch gedruckt.

Eine Maschine springt an, Papier rast vorbei, in langer Bahn, weiß zuerst, dann übersät mit schwarzen Flecken. Mit Buchstaben, Sätzen, Gedanken. Das gedruckte Papier wird geschnitten, gefalzt, geklebt, und wenn es stapelweise am Ende der Fabrikhalle liegt, dann hat es sich verwandelt, dann kann man das Buch in die Hand nehmen. Weiß ist es, mit rotem Aufdruck, 20,5 Zentimeter lang, 12,5 Zentimeter breit, 240 Seiten dick.

Monatelang existierte es als Word-Dokument, als E-Mail-Anhang, als Foto in der Verlagsvorschau. Jetzt aber kann man mit den Fingern über den Titel streichen, das Foto des Autors betrachten. Man kann das Buch aufschlagen und lesen. Es ist ein kluges, ein kämpferisches Buch. Wie jedes Buch erzählt es eine Geschichte. Wie jedes Buch hat es selbst eine.

1. Kapitel: Der Autor
Am 31. Januar 2008 ist die Wirtschaftskrise noch Zukunft. Deutschland hat Platz für andere Themen. Friedrich Schorb sitzt im Wohnzimmer seiner WG und schlägt die Süddeutsche Zeitung auf. Damals ist er 30 Jahre alt, er hat sein Soziologie-Studium abgeschlossen und eine Weile an der Universität Bremen in einem Forschungsprojekt gearbeitet. Jetzt ist er arbeitslos. Er hat ein paar Ideen im Kopf für eine Doktorarbeit, aber davon kann man nicht leben. Wenn er nicht bald wieder einen Job an der Uni findet, muss er Hartz IV beantragen.

Es geht ihm nicht sehr gut im Moment.

Auf ihrer ersten Seite berichtet die Zeitung an diesem Tag über eine wissenschaftliche Studie. Darin steht, die Deutschen seien zu dick. Allerdings nicht alle Deutschen. Sondern vor allem jene, die keinen richtigen Schulabschluss hätten. Man kann die Studie so lesen: Je blöder der Mensch, desto fetter der Bauch. Der Artikel heißt: Bildung macht schlank.

Schorb ist nicht dick. Eher klein und schmal. Trotzdem interessiert er sich für Untersuchungen über schwere Menschen. Er glaubt zu wissen, dass diese Studien nicht wegen des zunehmenden Verzehrs von Big Macs und Fertigpizza geschrieben werden, sondern weil manche Menschen sich gerne für etwas Besseres halten.

Schorb hat sich alte Zahlen angesehen und festgestellt, dass die Deutschen vor ein paar Jahrzehnten fast genauso dick waren wie heute. Damals störte sich niemand daran. Die Bundesregierung kam nicht auf die Idee, eine Kampagne mit dem Titel »Fit statt fett« auszurufen, die Weltgesundheitsorganisation behauptete nicht, Übergewicht verringere die Lebenserwartung, die Zeitungen schrieben nicht, die Dicken ruinierten das Gesundheitssystem.

Denn damals gab es auch dicke Politiker, dicke Wissenschaftler, dicke Journalisten, sogar viele. Erst seitdem die Mittel- und Oberschicht beschlossen hat, schlank zu bleiben, erst seit Politiker Marathon laufen und sich Manager die Muskeln von Triathleten antrainieren, stehen die Dicken als die Dummen da. Bildschirme und Zeitungsseiten rufen ihnen entgegen: Es ist nicht in Ordnung, wie ihr seid.

In Wahrheit verursachten Übergewichtige keine höheren Kosten als andere Menschen. Die schlanke Figur sei kein Schutz gegen Krankheit, sondern ein Symbol des sozialen Status, wie früher das gepflegte Gebiss. So sieht Friedrich Schorb die Lage.

Er hat diese Gedanken in seiner Magisterarbeit aufgeschrieben, Titel: Gesellschaftliche Wahrnehmung und Behandlung von abweichendem Verhalten am Beispiel von Übergewicht . Er hat mit einem Professor in Bremen eine Aufsatzsammlung herausgegeben. Aber wer liest so was?

Schorb fasst sich ein Herz. Er ruft bei der Süddeutschen Zeitung an und verwickelt den zuständigen Redakteur in ein Gespräch. Der lädt ihn ein, sich an einem Gastbeitrag zu versuchen. Der Artikel erscheint am 9. Februar 2008 auf der zweiten Seite der SZ : Wer hat Angst vor den Dicken?

Zwei Tage später erhält Schorb eine E-Mail, deren Absender er nicht kennt. Irgendeine Belanglosigkeit, denkt er. Er öffnet die Mail, den Finger auf der Löschtaste, und spürt sein Herz schlagen. Der Absender ist Lektor beim Herder Verlag. Er hat Schorbs Artikel gelesen. Der Lektor fragt: Wollen Sie nicht ein Buch schreiben?

Friedrich Schorb hat das Gefühl, dass sich gerade sein Leben ändert.

Er ruft den Lektor an und sagt: Ein Buch? Interessante Idee. Er versucht, abgeklärt zu klingen.

Ein paar Wochen später, Friedrich Schorb hat ein Exposé an Herder geschickt und wartet auf Antwort, da meldet sich ein zweiter Verlag bei ihm. Droemer Knaur aus München . Dann ein dritter, DuMont aus Köln. Sie wollen, dass er ein Buch für sie schreibt.

Man muss an dieser Stelle den Fortgang der Geschichte kurz unterbrechen und eine Frage stellen: Ein junger Mann hat einen Artikel in einer Tageszeitung veröffentlicht. Das ist alles. Niemand weiß, ob er mehr als zwei oder drei lesbare Seiten zustande brächte, niemand weiß, ob er genug Ideen hat, niemand kennt seinen Namen. Wieso bekommt er von drei angesehenen deutschen Verlagen das Angebot, ein Buch zu schreiben?

2. Kapitel: Der Verlag
Hans-Peter Übleis ist ein kleiner, rundlicher Mann mit österreichischem Akzent. Er ist Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens mit 155 Angestellten, er hat ein geräumiges Büro mit großem Schreibtisch und kleiner Sitzgruppe. An der Wand steht ein Bücherregal.