Experimentierfeld Büchermarkt
Dick, doof und arm
Wie macht man einen Bestseller? Der junge Soziologe Friedrich Schorb versucht es mit einem Buch über Fettleibige. Er feilscht mit Verlagen um Honorare, verbringt Monate am Schreibtisch, beugt sich den Gesetzen der Buchindustrie – und lernt, dass nichts wichtiger ist als ein provokanter Titel
Ganz am Ende dieser Geschichte, als der Autor das Buch geschrieben, die Lektorin es gelesen und der Verlag es beworben hat, als manche Buchhändler es bestellt, andere es abgelehnt haben und die Entscheidung, ob es ein Bestseller wird, kurz bevorsteht, ganz am Ende also, da wird das Buch gedruckt.
Eine Maschine springt an, Papier rast vorbei, in langer Bahn, weiß zuerst, dann übersät mit schwarzen Flecken. Mit Buchstaben, Sätzen, Gedanken. Das gedruckte Papier wird geschnitten, gefalzt, geklebt, und wenn es stapelweise am Ende der Fabrikhalle liegt, dann hat es sich verwandelt, dann kann man das Buch in die Hand nehmen. Weiß ist es, mit rotem Aufdruck, 20,5 Zentimeter lang, 12,5 Zentimeter breit, 240 Seiten dick.
Monatelang existierte es als Word-Dokument, als E-Mail-Anhang, als Foto in der Verlagsvorschau. Jetzt aber kann man mit den Fingern über den Titel streichen, das Foto des Autors betrachten. Man kann das Buch aufschlagen und lesen. Es ist ein kluges, ein kämpferisches Buch. Wie jedes Buch erzählt es eine Geschichte. Wie jedes Buch hat es selbst eine.
1. Kapitel: Der Autor
Am 31. Januar 2008 ist die Wirtschaftskrise noch Zukunft. Deutschland hat Platz für andere Themen. Friedrich Schorb sitzt im Wohnzimmer seiner WG und schlägt die Süddeutsche Zeitung auf. Damals ist er 30 Jahre alt, er hat sein Soziologie-Studium abgeschlossen und eine Weile an der Universität Bremen in einem Forschungsprojekt gearbeitet. Jetzt ist er arbeitslos. Er hat ein paar Ideen im Kopf für eine Doktorarbeit, aber davon kann man nicht leben. Wenn er nicht bald wieder einen Job an der Uni findet, muss er Hartz IV beantragen.
Es geht ihm nicht sehr gut im Moment.
Auf ihrer ersten Seite berichtet die Zeitung an diesem Tag über eine wissenschaftliche Studie. Darin steht, die Deutschen seien zu dick. Allerdings nicht alle Deutschen. Sondern vor allem jene, die keinen richtigen Schulabschluss hätten. Man kann die Studie so lesen: Je blöder der Mensch, desto fetter der Bauch. Der Artikel heißt: Bildung macht schlank.
Schorb ist nicht dick. Eher klein und schmal. Trotzdem interessiert er sich für Untersuchungen über schwere Menschen. Er glaubt zu wissen, dass diese Studien nicht wegen des zunehmenden Verzehrs von Big Macs und Fertigpizza geschrieben werden, sondern weil manche Menschen sich gerne für etwas Besseres halten.
Schorb hat sich alte Zahlen angesehen und festgestellt, dass die Deutschen vor ein paar Jahrzehnten fast genauso dick waren wie heute. Damals störte sich niemand daran. Die Bundesregierung kam nicht auf die Idee, eine Kampagne mit dem Titel »Fit statt fett« auszurufen, die Weltgesundheitsorganisation behauptete nicht, Übergewicht verringere die Lebenserwartung, die Zeitungen schrieben nicht, die Dicken ruinierten das Gesundheitssystem.
Denn damals gab es auch dicke Politiker, dicke Wissenschaftler, dicke Journalisten, sogar viele. Erst seitdem die Mittel- und Oberschicht beschlossen hat, schlank zu bleiben, erst seit Politiker Marathon laufen und sich Manager die Muskeln von Triathleten antrainieren, stehen die Dicken als die Dummen da. Bildschirme und Zeitungsseiten rufen ihnen entgegen: Es ist nicht in Ordnung, wie ihr seid.
In Wahrheit verursachten Übergewichtige keine höheren Kosten als andere Menschen. Die schlanke Figur sei kein Schutz gegen Krankheit, sondern ein Symbol des sozialen Status, wie früher das gepflegte Gebiss. So sieht Friedrich Schorb die Lage.
Er hat diese Gedanken in seiner Magisterarbeit aufgeschrieben, Titel: Gesellschaftliche Wahrnehmung und Behandlung von abweichendem Verhalten am Beispiel von Übergewicht . Er hat mit einem Professor in Bremen eine Aufsatzsammlung herausgegeben. Aber wer liest so was?
Schorb fasst sich ein Herz. Er ruft bei der Süddeutschen Zeitung an und verwickelt den zuständigen Redakteur in ein Gespräch. Der lädt ihn ein, sich an einem Gastbeitrag zu versuchen. Der Artikel erscheint am 9. Februar 2008 auf der zweiten Seite der SZ: Wer hat Angst vor den Dicken?
Zwei Tage später erhält Schorb eine E-Mail, deren Absender er nicht kennt. Irgendeine Belanglosigkeit, denkt er. Er öffnet die Mail, den Finger auf der Löschtaste, und spürt sein Herz schlagen. Der Absender ist Lektor beim Herder Verlag. Er hat Schorbs Artikel gelesen. Der Lektor fragt: Wollen Sie nicht ein Buch schreiben?
Friedrich Schorb hat das Gefühl, dass sich gerade sein Leben ändert.
Er ruft den Lektor an und sagt: Ein Buch? Interessante Idee. Er versucht, abgeklärt zu klingen.
Ein paar Wochen später, Friedrich Schorb hat ein Exposé an Herder geschickt und wartet auf Antwort, da meldet sich ein zweiter Verlag bei ihm. Droemer Knaur aus München. Dann ein dritter, DuMont aus Köln. Sie wollen, dass er ein Buch für sie schreibt.
Man muss an dieser Stelle den Fortgang der Geschichte kurz unterbrechen und eine Frage stellen: Ein junger Mann hat einen Artikel in einer Tageszeitung veröffentlicht. Das ist alles. Niemand weiß, ob er mehr als zwei oder drei lesbare Seiten zustande brächte, niemand weiß, ob er genug Ideen hat, niemand kennt seinen Namen. Wieso bekommt er von drei angesehenen deutschen Verlagen das Angebot, ein Buch zu schreiben?
2. Kapitel: Der Verlag
Hans-Peter Übleis ist ein kleiner, rundlicher Mann mit österreichischem Akzent. Er ist Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens mit 155 Angestellten, er hat ein geräumiges Büro mit großem Schreibtisch und kleiner Sitzgruppe. An der Wand steht ein Bücherregal.
- Datum 12.10.2009 - 06:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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Guter Artikel. Danke.
Danke für diesen hochinteressanten Blick hinter den Kulissen des Buchmarkts. Jetzt weiss ich, warum ich lieber in meinen kleinen und feinen Buchladen mit den engen Räumen und hohen Regalen Bücher kaufe.
Herrn Schorb wünsche ich viel Erfolg mit seinem Buch; ich selbst werde es mir selbst zu Weihnachten schenken ;-D
Als Kind, das Bücher und Geschichten liebte, gab es kaum einen schöneren Ort als die örtliche kleine Buchhandlung. Drömer Knaur hatte da wohl noch nicht fusioniert. Es gab den Knaur-Verlag. Da ich nicht in Bayern sondern im Schwäbischen aufgewachsen bin, war ich mit der Endung "aur" eher nicht vertraut. Meinem (früh)kindlichen Sprachgefühl entsprechend, hätte es "KnauEr" heißen müssen, also mit "e". So weckte also das fehlende "e" mein Misstrauen, welches sich über den Namen des Verlags auch auf die Bücher an sich übertrug. Ich kaufte jedenfalls keine Bücher des Ohne-e-Verlags. Diese frühe Prägung hielt sich erstaunlicherweise über die Jahrzehnte. Ich besitze kaum Bücher dieses Verlags. Suhrkamp, Rowohlt unzählige, aber Knaur?
Man stelle sich nur vor, wie ein Verlagsname Drömr-Knaur auf nicht bayrische Kinder wirken würde. Vielleicht kam ja die Fusion nur deshalb zu Stande, um den Verlagsnamen wenigstens halbwegs mit "e's" zu versorgen?
Vielleicht sollte sich der Verlag bei sinkenden Umsätzen mal überlegen, ob sie sich nicht noch ein weiterees "e" zulegen sollten. Bei mir wird es zwar nichts mehr ändern, aber es sollen ja neue Lesergenerationen heranwachsen!?
Nur so ne Anregung an die Key-Account-Product-Dingens-Manager!
Ich wäre niemals auf dieses für mich hochinteressante Buch aufmerksam geworden, hättet Ihr nicht darüber geschrieben - danke.
Amazon listet das Buch und meine Bestellung ist vor ein paar Minuten abgegangen.
Ich gehe inzwischen sehr ungern in diese Massenbuchhandlungen wie Thalia, es ist genau wie bei anderen Medien - ein dünner Einheitsbrei. In der Regel suche ich alle ein bis zwei Wochen bei Amazon nach den Themen, die mich interessieren. Inzwischen hat Amazon auch schon ein ziemlich gutes Profil meiner Interessen, so daß ich auch gute Empfehlungen erhalte.
Vielen Dank für den Text. Habe ich sehr gerne gelesen :)
Hat zwar wenig mit der spannenden Geschichte über "wie mache ich einen Bestseller" zu tun, sondern mehr mit dem Inhalt: Aber die Statistik, dass ab einem gewissen Alter Dick sein einen Vorteil hat, ist eine Vertauschung von Ursache und Wirkung: Schwer kranke Menschen nehmen ab. Stark sogar. Und erst dann sterben sie. Dicke Menschen sind noch nicht ausgezehrt genug für den Tod. Aber es ist wohl wenig hilfreich, wenn man Menschen, die ihr ganzes Leben lang dick waren, am Ende ihres Lebens, wenn sie ausgezehrt (also jetzt endlich wieder "schlank") sterben, nicht unter "dick" in der Statistik führt - viele Vorerkrankungen wie Diabetes und Folgeschäden (Nierenversagen, absterbende Gliedmaßen, etc.) haben sie sich durch ihr Übergewicht zugezogen.
Das ist unabhängig von der soziologischen Betrachtung des Themas, denn natürlich ist der Waschbrettbauch in unserer Gesellschaft ein Statussymbol (und in Asien dagegen der Kugelbauch ;-), etwas, was viele Leute eben nicht haben, und was man sich eben "leisten" können muss. Medizinische Daten unterstützen den Schlankheitswahn, aber dass Pharmaindustrie und Illustrierte die Leute glauben machen, man könnte einfach so schnell mal abnehmen, das ist natürlich Unsinn. Deshalb dürfte vieles in dem Buch tatsächlich der Wahrheit entsprechen.
Ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und Erkrankungen verschiedener Art ist umstritten. Allein bei der Definition von Übergewicht wirds schon schwierig. Manche Studien ergeben, dass Menschen mit Reserven länger leben als Menschen ohne. Also nichts glauben, was man da so liest, einfach gut leben.
Ein Nachtrag. Die Verlage, die Großhändler und nicht zuletzt die Leser machen sich den Buchmarkt kaputt. Hier ein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag: Autoren dürfen die nächsten zehn Jahre nicht mehr mit dem Computer schreiben. Der Buchdruck wird wieder in Bleilettern durchgeführt, die Skripte werden mit der Schreibmaschine getippt. Ebenso dürfen Bildbände nur noch mit Fotographien, deren Original auf Silberjodidplatten festgehalten wurde, veröffentlicht werden – keine Digitalkameras Man muss die Mühen für die Gestaltung und Erarbeitung eines Buches wieder deutlich anheben. Nur wer wirklich etwas zu sagen hat, nimmt die Last auf seine Schultern. Durch die schrumpfende Zahl der Bände finden Lektoren und Verleger auch wieder die Zeit, gute Bücher von sinnlos bekritzeltem Papier durch Lektion zu unterscheiden. Dann bleibt uns auch die Zahl der Coffee-Table-books, die Menge gebrauchsunfähiger Lebenshilfen, die Springflut von Kochbüchern, die Halden von Biographien usw. usf. erspart. Es melden sich nur noch die, die auch etwas zu sagen haben. Ach ja, Abbildungen in Architekturbüchern dürfen nur noch mit Handzeichnung ausgeführt werden. Autoren, die einen besonders vulgären und trivialen Schreibstil pflegen, bekommen lebenslanges Schreibverbot.
Ich selber bin auch zu Amazon bzw. ZVAB abgewandert. Thalia, Hugendubel und wie sie alle heißen, sind keine Buchläden sondern begehbare Papierhalden.
ich würde auch gerne wissen wie es dazu gekommen ist, dass Wolfgang Uchatius über Friedrich Schorb und sein Buch schreibt. Wie ist er auf diese Geschichte aufmerksam geworden? Und wie war der Weg zur (Online)Publikation?
... gibt Zeit Online seine Seite hier nicht auch dem Beckmann-geschwängerten Autorenlebenslauf hin?
Schorb blättert ein wenig darin herum. Er stößt auf den Vorabdruck eines Thrillers. Splitter von Sebastian Fitzek, erschienen bei Droemer. Sechs ganze Seiten, nur dieses Buch.
Ein solcher Vorabdruck findet sich in jeder Ausgabe von DB mobil . Es sind mal witzige, mal spannende, mal romantische Bücher. Mal vom Rowohlt Verlag, mal von Kiepenheuer & Witsch, mal von S. Fischer. Sie haben nur eines gemein: Alle Bücher aus DB mobil kommen von Verlagen, die (wie auch die ZEIT) dem Holtzbrinck-Konzern gehören.
Vielleicht hat Herr Uchatius in der Bahn darüber gelesen...nein, Moment-vielleicht hat es mit der Verlagsgruppe zu tun, die auf diesem Wege etwas Werbung schaltet, ohne dass es direkt auffällt?
Ohne Anzuklagen, aber möglich wäre es doch.
Ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und Erkrankungen verschiedener Art ist umstritten. Allein bei der Definition von Übergewicht wirds schon schwierig. Manche Studien ergeben, dass Menschen mit Reserven länger leben als Menschen ohne. Also nichts glauben, was man da so liest, einfach gut leben.
Aber ich war Zivi in einem Krankenhaus, und habe auch in meiner großen Verwandtschaft genügend Erkrankungen, die auf Übergewicht zurückzuführen sind (insbesondere Diabetes, aber auch alles mögliche andere). Meine persönlichen Erlebnisse sind vielleicht nicht statistisch signifikant, decken sich aber mit dem, was ich so lese.
Dicke Menschen haben ein Fettpolster, von dem sie während einer schweren Erkankung zehren können, die sie ohne das Fettpolster gar nicht bekommen hätten.
Und natürlich empfehle ich niemandem, sich für die schlanke Linie zu kasteien - da ist so unglaublich viel Unsinn im Umlauf, wie man schlank wird (vom wenig Fett essen bis zu den 1000 Diäten), und davon ist praktisch alles kontraproduktiv, schon, weil das Prinzip falsch ist: Dick wird man erst nach jahrelanger Fehlernährung, vorher kann der Körper das doch alles locker abfangen und gegensteuern. Die großen Fettmengen am Körper erscheinen erst, wenn das Insulin-System schon umgekippt ist, d.h. dicke Menschen haben bereits eine Vorform von Diabetes, und da ist es dann eigentlich schon zu spät.
Wenn man es nicht so weit kommen lässt, kann man sehr wohl gut leben - gut essen, und die Kalorien eben sportlich verbrennen (Bewegung macht auch Spaß). Und natürlich ist nicht jeder "dick", der mehr als 12% Körperfett hat (auch wenn das die Fitness-Industrie gerne so hätte ;-).
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