Experimentierfeld Büchermarkt Dick, doof und armSeite 8/8
Auch der Verlag Droemer-Knaur hat einigen Buchtiteln auf diese Weise Aufmerksamkeit verschafft. Dick, doof und arm? ist nicht dabei.
Friedrich Schorb ahnt nichts von diesen Geschäften. Er kennt die Gesetze der Branche nicht. Der Verlag hat ihm einen kleinen Termin auf der Frankfurter Buchmesse reserviert. Gleich am ersten Tag um 16 Uhr wird er am Stand von Droemer Knaur über sein Buch reden. Ein Moderator wird ihm Fragen stellen. Schorb hofft, er werde dann den Blick der Öffentlichkeit auf sein Buch lenken können. Er war noch nie auf der Messe. Er ist ein wenig aufgeregt.
12. Kapitel: Dicke Lügen
Ende Juni, der Buchhandel hat bisher nicht einmal tausend Exemplare von Dick, doof und arm? bestellt. Auch Thalia hat abgelehnt. Es ist schon vorgekommen, dass geschriebene Bücher nicht gedruckt wurden, weil zu wenige Buchhändler sie haben wollten.
Bei Droemer Knaur in München setzen sich die Vertriebsleiter und die Key-Account-Manager zusammen. Telefonisch zugeschaltet sind die Verlagsvertreter aus allen Ecken der Republik. Sie sprechen über den bisherigen Verkauf der Herbstbücher. Es geht darum, was man besser machen kann.
Als Dick, doof und arm? an der Reihe ist, meldet sich ein Vertreter zu Wort. Er glaubt, der schwache Verkauf liege am Titel. Er fragt, ob man das Buch nicht doch Dicke Lügen nennen sollte, das klinge weniger negativ. Der Vorschlag war ganz am Anfang in einer Besprechung aufgetaucht.
Schon öfter wurden Buchtitel kurz vor Druck geändert. Aber es kostet Geld, es ist ein Risiko, soll man das eingehen?
Der Verlag entscheidet sich dagegen. Andere Bücher verkaufen sich gut. Kuegler, Agassi. Es läuft schlecht für Friedrich Schorb, nicht für Droemer Knaur. Der Verlag hat es durchgerechnet: Weil Schorbs Honorar vergleichsweise niedrig ist, muss sich das Buch nur 5000-mal verkaufen. Das könnte zu schaffen sein, dann würde sich für den Verlag das Geschäft lohnen.
13. Kapitel: Die letzte Hoffnung
5. Oktober, Dick, doof und arm? erscheint, und alles kommt anders als erwartet. Die Redaktion der Talkshow Beckmann wird auf Schorb aufmerksam. Sie braucht ein Thema, die Bundestagswahl ist vorbei, die Wirtschaftskrise weniger schlimm als befürchtet, warum nicht über die Lüge vom Übergewicht diskutieren?
Reinhold Beckmann holt Schorb in die Sendung. Er stellt Fragen, er erwähnt sein Buch. Schorb wirkt sympathisch. Nicht so trainiert wie die üblichen Talkshowgäste. Ein neues, ein nettes Gesicht. Am nächsten Tag gehen die Leute in die Läden und fragen nach Dick, doof und arm?.
Etwas in der Art müsste passieren. Dann könnte Schorb noch zum Bestsellerautor werden.
Die Presseabteilung des Verlages Droemer Knaur hat 1500 Journalisten von Fernsehen, Radio, Zeitungen und Magazinen angeschrieben, angemailt, angerufen. Sie hat für Schorbs Buch geworben. Ein paar Interviews sind schon vereinbart, die wichtigsten Tageszeitungen und Wochenblätter haben Dick, doof und arm? bestellt, 169 Journalisten insgesamt. Aber das heißt nicht, dass sie das Buch lesen. Wenn doch, bedeutet es nicht, dass sie darüber schreiben. Wenn doch, macht eine Buchbesprechung in drei, vier Zeitungen keinen Bestseller. Das sehen zu wenige Leute. Es müssten reihenweise Artikel erscheinen, das Fernsehen müsste einsteigen, die Talkshows.
Das ist die letzte Hoffnung.
14. Kapitel: Der braune Umschlag
Als Friedrich Schorb am Nachmittag des 16. September nach Hause kommt, ist er guter Dinge. Er hat wieder eine Stelle an der Uni als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er wird ein Seminar zur Einführung in die Soziologie halten, an seiner Doktorarbeit weiterschreiben, ein Büro haben. Er wird nicht in Hartz IV rutschen.
Auf dem Tisch liegt ein brauner Umschlag, die Post. Unten rechts steht sein Name, oben links Droemer Knaur. Er ahnt, was drin ist.
Friedrich Schorb hält sein Buch in der Hand. Er sieht seinen Namen auf dem Titel, sein Foto neben dem Klappentext. Er ist stolz. Er fährt mit dem Finger über den Umschlag, blättert ein wenig, liest seine eigenen Sätze. Es fühlt sich an, als sei dies der Anfang.
- Datum 12.10.2009 - 07:19 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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Guter Artikel. Danke.
Danke für diesen hochinteressanten Blick hinter den Kulissen des Buchmarkts. Jetzt weiss ich, warum ich lieber in meinen kleinen und feinen Buchladen mit den engen Räumen und hohen Regalen Bücher kaufe.
Herrn Schorb wünsche ich viel Erfolg mit seinem Buch; ich selbst werde es mir selbst zu Weihnachten schenken ;-D
Danke für diesen hochinteressanten Blick hinter den Kulissen des Buchmarkts. Jetzt weiss ich, warum ich lieber in meinen kleinen und feinen Buchladen mit den engen Räumen und hohen Regalen Bücher kaufe.
Herrn Schorb wünsche ich viel Erfolg mit seinem Buch; ich selbst werde es mir selbst zu Weihnachten schenken ;-D
Als Kind, das Bücher und Geschichten liebte, gab es kaum einen schöneren Ort als die örtliche kleine Buchhandlung. Drömer Knaur hatte da wohl noch nicht fusioniert. Es gab den Knaur-Verlag. Da ich nicht in Bayern sondern im Schwäbischen aufgewachsen bin, war ich mit der Endung "aur" eher nicht vertraut. Meinem (früh)kindlichen Sprachgefühl entsprechend, hätte es "KnauEr" heißen müssen, also mit "e". So weckte also das fehlende "e" mein Misstrauen, welches sich über den Namen des Verlags auch auf die Bücher an sich übertrug. Ich kaufte jedenfalls keine Bücher des Ohne-e-Verlags. Diese frühe Prägung hielt sich erstaunlicherweise über die Jahrzehnte. Ich besitze kaum Bücher dieses Verlags. Suhrkamp, Rowohlt unzählige, aber Knaur?
Man stelle sich nur vor, wie ein Verlagsname Drömr-Knaur auf nicht bayrische Kinder wirken würde. Vielleicht kam ja die Fusion nur deshalb zu Stande, um den Verlagsnamen wenigstens halbwegs mit "e's" zu versorgen?
Vielleicht sollte sich der Verlag bei sinkenden Umsätzen mal überlegen, ob sie sich nicht noch ein weiterees "e" zulegen sollten. Bei mir wird es zwar nichts mehr ändern, aber es sollen ja neue Lesergenerationen heranwachsen!?
Nur so ne Anregung an die Key-Account-Product-Dingens-Manager!
Ich wäre niemals auf dieses für mich hochinteressante Buch aufmerksam geworden, hättet Ihr nicht darüber geschrieben - danke.
Amazon listet das Buch und meine Bestellung ist vor ein paar Minuten abgegangen.
Ich gehe inzwischen sehr ungern in diese Massenbuchhandlungen wie Thalia, es ist genau wie bei anderen Medien - ein dünner Einheitsbrei. In der Regel suche ich alle ein bis zwei Wochen bei Amazon nach den Themen, die mich interessieren. Inzwischen hat Amazon auch schon ein ziemlich gutes Profil meiner Interessen, so daß ich auch gute Empfehlungen erhalte.
Vielen Dank für den Text. Habe ich sehr gerne gelesen :)
Hat zwar wenig mit der spannenden Geschichte über "wie mache ich einen Bestseller" zu tun, sondern mehr mit dem Inhalt: Aber die Statistik, dass ab einem gewissen Alter Dick sein einen Vorteil hat, ist eine Vertauschung von Ursache und Wirkung: Schwer kranke Menschen nehmen ab. Stark sogar. Und erst dann sterben sie. Dicke Menschen sind noch nicht ausgezehrt genug für den Tod. Aber es ist wohl wenig hilfreich, wenn man Menschen, die ihr ganzes Leben lang dick waren, am Ende ihres Lebens, wenn sie ausgezehrt (also jetzt endlich wieder "schlank") sterben, nicht unter "dick" in der Statistik führt - viele Vorerkrankungen wie Diabetes und Folgeschäden (Nierenversagen, absterbende Gliedmaßen, etc.) haben sie sich durch ihr Übergewicht zugezogen.
Das ist unabhängig von der soziologischen Betrachtung des Themas, denn natürlich ist der Waschbrettbauch in unserer Gesellschaft ein Statussymbol (und in Asien dagegen der Kugelbauch ;-), etwas, was viele Leute eben nicht haben, und was man sich eben "leisten" können muss. Medizinische Daten unterstützen den Schlankheitswahn, aber dass Pharmaindustrie und Illustrierte die Leute glauben machen, man könnte einfach so schnell mal abnehmen, das ist natürlich Unsinn. Deshalb dürfte vieles in dem Buch tatsächlich der Wahrheit entsprechen.
Ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und Erkrankungen verschiedener Art ist umstritten. Allein bei der Definition von Übergewicht wirds schon schwierig. Manche Studien ergeben, dass Menschen mit Reserven länger leben als Menschen ohne. Also nichts glauben, was man da so liest, einfach gut leben.
Ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und Erkrankungen verschiedener Art ist umstritten. Allein bei der Definition von Übergewicht wirds schon schwierig. Manche Studien ergeben, dass Menschen mit Reserven länger leben als Menschen ohne. Also nichts glauben, was man da so liest, einfach gut leben.
Ein Nachtrag. Die Verlage, die Großhändler und nicht zuletzt die Leser machen sich den Buchmarkt kaputt. Hier ein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag: Autoren dürfen die nächsten zehn Jahre nicht mehr mit dem Computer schreiben. Der Buchdruck wird wieder in Bleilettern durchgeführt, die Skripte werden mit der Schreibmaschine getippt. Ebenso dürfen Bildbände nur noch mit Fotographien, deren Original auf Silberjodidplatten festgehalten wurde, veröffentlicht werden – keine Digitalkameras Man muss die Mühen für die Gestaltung und Erarbeitung eines Buches wieder deutlich anheben. Nur wer wirklich etwas zu sagen hat, nimmt die Last auf seine Schultern. Durch die schrumpfende Zahl der Bände finden Lektoren und Verleger auch wieder die Zeit, gute Bücher von sinnlos bekritzeltem Papier durch Lektion zu unterscheiden. Dann bleibt uns auch die Zahl der Coffee-Table-books, die Menge gebrauchsunfähiger Lebenshilfen, die Springflut von Kochbüchern, die Halden von Biographien usw. usf. erspart. Es melden sich nur noch die, die auch etwas zu sagen haben. Ach ja, Abbildungen in Architekturbüchern dürfen nur noch mit Handzeichnung ausgeführt werden. Autoren, die einen besonders vulgären und trivialen Schreibstil pflegen, bekommen lebenslanges Schreibverbot.
Ich selber bin auch zu Amazon bzw. ZVAB abgewandert. Thalia, Hugendubel und wie sie alle heißen, sind keine Buchläden sondern begehbare Papierhalden.
ich würde auch gerne wissen wie es dazu gekommen ist, dass Wolfgang Uchatius über Friedrich Schorb und sein Buch schreibt. Wie ist er auf diese Geschichte aufmerksam geworden? Und wie war der Weg zur (Online)Publikation?
... gibt Zeit Online seine Seite hier nicht auch dem Beckmann-geschwängerten Autorenlebenslauf hin?
Schorb blättert ein wenig darin herum. Er stößt auf den Vorabdruck eines Thrillers. Splitter von Sebastian Fitzek, erschienen bei Droemer. Sechs ganze Seiten, nur dieses Buch.
Ein solcher Vorabdruck findet sich in jeder Ausgabe von DB mobil . Es sind mal witzige, mal spannende, mal romantische Bücher. Mal vom Rowohlt Verlag, mal von Kiepenheuer & Witsch, mal von S. Fischer. Sie haben nur eines gemein: Alle Bücher aus DB mobil kommen von Verlagen, die (wie auch die ZEIT) dem Holtzbrinck-Konzern gehören.
Vielleicht hat Herr Uchatius in der Bahn darüber gelesen...nein, Moment-vielleicht hat es mit der Verlagsgruppe zu tun, die auf diesem Wege etwas Werbung schaltet, ohne dass es direkt auffällt?
Ohne Anzuklagen, aber möglich wäre es doch.
... gibt Zeit Online seine Seite hier nicht auch dem Beckmann-geschwängerten Autorenlebenslauf hin?
Schorb blättert ein wenig darin herum. Er stößt auf den Vorabdruck eines Thrillers. Splitter von Sebastian Fitzek, erschienen bei Droemer. Sechs ganze Seiten, nur dieses Buch.
Ein solcher Vorabdruck findet sich in jeder Ausgabe von DB mobil . Es sind mal witzige, mal spannende, mal romantische Bücher. Mal vom Rowohlt Verlag, mal von Kiepenheuer & Witsch, mal von S. Fischer. Sie haben nur eines gemein: Alle Bücher aus DB mobil kommen von Verlagen, die (wie auch die ZEIT) dem Holtzbrinck-Konzern gehören.
Vielleicht hat Herr Uchatius in der Bahn darüber gelesen...nein, Moment-vielleicht hat es mit der Verlagsgruppe zu tun, die auf diesem Wege etwas Werbung schaltet, ohne dass es direkt auffällt?
Ohne Anzuklagen, aber möglich wäre es doch.
Ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und Erkrankungen verschiedener Art ist umstritten. Allein bei der Definition von Übergewicht wirds schon schwierig. Manche Studien ergeben, dass Menschen mit Reserven länger leben als Menschen ohne. Also nichts glauben, was man da so liest, einfach gut leben.
Aber ich war Zivi in einem Krankenhaus, und habe auch in meiner großen Verwandtschaft genügend Erkrankungen, die auf Übergewicht zurückzuführen sind (insbesondere Diabetes, aber auch alles mögliche andere). Meine persönlichen Erlebnisse sind vielleicht nicht statistisch signifikant, decken sich aber mit dem, was ich so lese.
Dicke Menschen haben ein Fettpolster, von dem sie während einer schweren Erkankung zehren können, die sie ohne das Fettpolster gar nicht bekommen hätten.
Und natürlich empfehle ich niemandem, sich für die schlanke Linie zu kasteien - da ist so unglaublich viel Unsinn im Umlauf, wie man schlank wird (vom wenig Fett essen bis zu den 1000 Diäten), und davon ist praktisch alles kontraproduktiv, schon, weil das Prinzip falsch ist: Dick wird man erst nach jahrelanger Fehlernährung, vorher kann der Körper das doch alles locker abfangen und gegensteuern. Die großen Fettmengen am Körper erscheinen erst, wenn das Insulin-System schon umgekippt ist, d.h. dicke Menschen haben bereits eine Vorform von Diabetes, und da ist es dann eigentlich schon zu spät.
Wenn man es nicht so weit kommen lässt, kann man sehr wohl gut leben - gut essen, und die Kalorien eben sportlich verbrennen (Bewegung macht auch Spaß). Und natürlich ist nicht jeder "dick", der mehr als 12% Körperfett hat (auch wenn das die Fitness-Industrie gerne so hätte ;-).
Aber ich war Zivi in einem Krankenhaus, und habe auch in meiner großen Verwandtschaft genügend Erkrankungen, die auf Übergewicht zurückzuführen sind (insbesondere Diabetes, aber auch alles mögliche andere). Meine persönlichen Erlebnisse sind vielleicht nicht statistisch signifikant, decken sich aber mit dem, was ich so lese.
Dicke Menschen haben ein Fettpolster, von dem sie während einer schweren Erkankung zehren können, die sie ohne das Fettpolster gar nicht bekommen hätten.
Und natürlich empfehle ich niemandem, sich für die schlanke Linie zu kasteien - da ist so unglaublich viel Unsinn im Umlauf, wie man schlank wird (vom wenig Fett essen bis zu den 1000 Diäten), und davon ist praktisch alles kontraproduktiv, schon, weil das Prinzip falsch ist: Dick wird man erst nach jahrelanger Fehlernährung, vorher kann der Körper das doch alles locker abfangen und gegensteuern. Die großen Fettmengen am Körper erscheinen erst, wenn das Insulin-System schon umgekippt ist, d.h. dicke Menschen haben bereits eine Vorform von Diabetes, und da ist es dann eigentlich schon zu spät.
Wenn man es nicht so weit kommen lässt, kann man sehr wohl gut leben - gut essen, und die Kalorien eben sportlich verbrennen (Bewegung macht auch Spaß). Und natürlich ist nicht jeder "dick", der mehr als 12% Körperfett hat (auch wenn das die Fitness-Industrie gerne so hätte ;-).
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