"Eine deutsche Kindergeschichte" ist der schlichte Untertitel von Michael Hanekes Film "Das weiße Band" © X-Verleih

In Franz Kafkas Proceß gibt es eine Szene, in der K., die Hauptfigur, eine unangenehme Begegnung mit einer Horde von Kindern hat. K. muss sich zu einem Verhör in der Vorstadt einfinden. Auf den Stiegen des angegebenen Hauses begegnet er Kindern, die ihn böse ansehen, und K. überlegt sich, dass er beim nächsten Mal Zuckerwerk mitbringen wird (um die Kinder zu bestechen) oder einen Stock (um sie zu prügeln). Weiter oben auf der Treppe trifft K. zwei kleine Jungen "mit den verzwickten Gesichtern erwachsener Strolche", die sich an seinen Beinkleidern festklammern.

In diesen paar Sätzen hat man schon die Grundstimmung von Michael Hanekes neuem Film Das weiße Band. Kindergesichter beherrschen ihn, allerdings sind es nicht die "verzwickten Gesichter" erwachsener Strolche, sondern es sind die versiegelten Gesichter erwachsener Mitläufer. Es sind Kinder, denen der Stock vertrauter ist als das Zuckerwerk. Und wenn man sich fragt, was das Erwachsene und Unrettbare an ihnen ist, so muss man sagen: Es ist die Art, wie sie für immer verstummt sind.

Haneke erzählt von den Verbrechen und rätselhaften Unfällen in einem norddeutschen Dorf vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Aber schauerlicher als alles Unglück und Verbrechen ist die dörfliche Bereitschaft, das Schweigen über dem Grauen auszubreiten. Dem Arzt des Dorfes wird eine tödliche Falle gestellt; der Sohn des Gutsherrn wird misshandelt; das neugeborene Kind des Verwalters wird beinahe umgebracht; die Frau des Bauern stürzt zu Tode; der behinderte Sohn der Hebamme wird gefoltert.

Wer diese Taten beging, wird nie ermittelt. Aber es drängt sich der Verdacht auf, dass die Kinder mit ihren "verzwickten" Gesichtern stets dabei waren, vieles wissen und das meiste durchschauen. Auf unausgesprochene Weise bewähren sie sich als Handlanger der Erwachsenen. Sie sind abgerichtet auf das, was kommen wird. Sie finden Erfüllung in der Gewalt.

Dies ist Hanekes Verfahren: Er zelebriert die Stille vor dem Schuss. Er erzählt von einer gezügelten und erfrorenen Vorkriegsgesellschaft, und wir vollenden in Gedanken, was er uns zeigt. Einer solchen Gesellschaft bleibt nur die Explosion, der Krieg, um sich endlich entfesseln und erhitzen zu können.

Aus den Klängen und Geräuschen des Films erschließt sich der Geist des Dorfes. Das Schweigen, das hier herrscht, ist körnig und tief; man könnte hineingreifen wie in Sand. Jedes Dielenknarren wird vom Tonmeister gierig eingefangen, präpariert, entfaltet. Das ausgetriebene Leben der Menschen, es ist in die Dinge gefahren, es rumort im Holz der Stühle und im raschelnden Leinen der Kleider.

In diesem Film gibt es keine Unschuld. Ein einziges Mal lässt Michael Haneke herzhaftes Kinderlachen ertönen. Es erklingt, als der Zuschauer erfährt, dass ein Bauer sich erhängt hat. Man sieht den Mann noch am Seil baumeln, und man hört das Lachen der Kinder; Haneke braucht es, um den Abgrund besser auszuleuchten.

Es sind vor allem Theaterschauspieler, die Michael Haneke engagiert hat, und sie sind in diesem mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten Film, auf bühnenhaft knarrenden Dielen, ausnahmslos großartig: Ulrich Tukur , Josef Bierbichler , Branko Samarovski, Ursina Lardi – und Susanne Lothar (Hebamme) und Rainer Bock (Arzt) als ein von angewiderter Liebe erfülltes Paar. Der Beste von allen ist Burghart Klaußner, der den Pfarrer spielt. In diesem Film sind Namen nicht wichtig, die Menschen entschlüsseln sich über die Berufe, die sie haben. Klaußner spielt also den Pfarrer, und der Pfarrer ist so etwas wie die zentrale Vereisungsgestalt im Dorf. Von ihm geht unfassbare Kälte, Lebensverweigerung, Unerlöstheit aus.