"Das weiße Band" im Kino Von diesen Kindern stammen wir ab?Seite 2/2

Der Pfarrer hat einen wie zugenähten Mund, seine Lippen sind so schmal, dass eine Hostie gerade noch durchpasst. Das Pfarrersgesicht kann sich gleich einem Schott verschließen, es ist eine Maske, die nur einen letzten Drang noch verrät: Luft zu bekommen. Und sein Sohn, das zeigt Haneke, ist dabei, genauso ein Gesicht zu bekommen: Den norddeutsch zugenähten Pietistenmund hat er schon. In einer Schlüsselszene sieht man, wie der Pfarrer den Sohn züchtigt, vielmehr, man sieht es nicht. Man sieht, wie der Sohn die Rute holen muss. Dann geht er ins Zimmer zum Vater zurück und schließt die Tür. Fast eine Minute lang sieht man nur diese Tür, hinter der das Gesetz vollstreckt werden wird. Dann hört man peitschende Schläge und das Keuchen eines Kindes, das seine ganze Kraft aufwendet, um nicht zu weinen.

Haneke bleibt mit der Kamera vor der Tür (und mit seinem ganzen Film in der Vorkriegszeit), denn so wird die Aussage umso stärker: Wer aus diesem verschlossenen Zimmer wieder herauskommt, wird zu Ungeheuerlichem in der Lage sein.

Vorkriegsgeschichten werden gern so erzählt, als sei der Krieg eine Art Bestrafung für das zügellose, unverantwortliche, ausschweifende Leben, das die Hauptfiguren im Frieden führten. Das weiße Band tut das Gegenteil: Der Krieg ist hier die Bestrafung für ungelebtes und versäumtes Leben. Oder vielleicht ist er, von Hanekes Standpunkt her, auch die perfide Belohnung dafür.

Der Pfarrer fesselt seinem Sohn die Hände, wenn er ihn schlafen legt, damit der Kleine nicht masturbiert. Als es in der Nachbarschaft brennt, bindet der Vater den alarmierten Sohn nicht los. Der Krieg muss vor dem Hintergrund einer solchen Existenz eine Verheißung sein. Das Dorf, in dem Das weiße Band spielt, heißt Eichwald, ein Name, aus dem "Eichmann" und "Buchenwald" herausklingen. Es ist, als wollte Haneke sagen, dass die Geschehnisse in zehntausend Eichwalds den kommenden Krieg erst ermöglichten. Als sei Krieg die Folge eines kollektiven Versagens und Entgleisens, ein Prozess, in dem dann die Kinder vollenden, was die Alten angelegt haben.

In Richard Yates’ Roman Zeiten des Aufruhrs gibt es eine grauenhafte Szene des Streits, in deren Verlauf ein verhaltensgestörter junger Mann auf den Bauch der schwangeren Frau deutet, mit der er streitet, und ihr sagt: "Ich bin froh, dass ich nicht das Kind da" – er deutet auf den Bauch der Schwangeren – "bin!"

Es ist genau die Empfindung, die man beim Betrachten von Das weiße Band hat: Man möchte auf keinen Fall so sein wie diese da – die Kinder aus Hanekes Film. Und zugleich weiß man, dass man von eben diesen Kindern abstammt.

Haneke lässt seinen Film enden, noch ehe der Krieg ausbricht, und doch führt er ihn weit über das Ende des Krieges hinaus. Als Schlussbild sieht man die Kirche beim sonntäglichen Gottesdienst, alle Dorfbewohner sind da, und der Erzähler (Ernst Jacobi) sagt aus dem Off, dass er später zum Kriegsdienst eingezogen worden und nie mehr in seine Heimat zurückgekehrt sei: "Ich habe niemand aus dem Dorf wiedergesehen."

Das könnte bedeuten: Die Leute aus dem Dorf sind alle noch da. Oder: Sie sind alle untergegangen. Oder: Sie sind in uns aufgegangen. Keine Frage, welcher von den drei Schlüssen der schlimmstmögliche, der Haneke-Schluss, ist.

 
Leser-Kommentare
  1. Inwieweit schildert der Film reale Zustände? Inwieweit schliesst der Film-Autor von den Zuständen in seiner Heimat auf solche in einem Kulturraum, den er nicht kennt?

  2. Ich erlebe den Filminhalt als Spiegel für die Zuständen in diesem Land.

    Genau so, wie der Film es aufzeigt, wird in der BRD gelebt. Egal, ob Gesellschaft, Politik oder Wirtschaft, egal was sonst noch: Überall sehe ich in der Masse mehr Mitläufer und Mittäter, als Erschaffer einer anderen, allen nützlichen Struktur.

    Und doch hoffe ich und sammle ich. Menschen um mich, die, wie ich, gemeinsam anderes erschaffen wollen.

    Liebe Grüße
    Axel

  3. "Man möchte auf keinen Fall so sein wie diese da – die Kinder aus Hanekes Film. Und zugleich weiß man, dass man von eben diesen Kindern abstammt."
    Was wird denn das, eine postmoderne Variante der Lehre von der Erbsünde?
    Ich jedenfalls werde mir auch dieses neue Werk Michael Hanekes, das heute abend in meinem Stammkino gezeigt wird, anschauen, zumal Susanne Lothar mitspielt.

  4. ...sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

    Aber was ist mit Menschen, die vor der HartzIV-Fälligkeit nicht bereits eine Wohnung ihr eigen nannten, sondern in kleinen Zimmern sozialer Brennpunkte zur Miete hausen? Und die auch vor der gegenwärtigen Extrembedürftigkeit nichts übrig zum sparen hatten? Und auch nichts geerbt?

    Da sieht der Alltag dann auch nach der überfälligen Änderung eher noch so aus, wie hier beschrieben:

    http://www.zeit.de/2009/4...

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    ...da hatte ich mit obigem Kommentar das falsche Browser-Fenster versorgt.

    Ich finde Ihre Kritik passt nicht zum Thema. Denn Hartz IV Kinder sind zwar materiell arm, aber nicht unbedingt eisig und durch Regeln seelisch verhärtet, so wie die im Film dargestellten.
    Die Kinder im Film haben vielmehr keine materiellen Probleme sondern Liebesmangel, obwohl sie in einer heilen Welt zu leben scheinen, deren Traurigkeit sich erst auf den zweiten Blick erschliesst, was der Regiesseur des Filmes mit diesem ersichtlich zu machen versucht (nach den Kritiken zu urteilen gelingt ihm das auch sehr eindrucksvoll, ich habe den Film noch nicht gesehen, werde diesen aber ansehen, sobald ich Gelegenheit dazu habe).
    Der Film zeigt eindrucksvoll, wie sehr die "Zucht und Ordnung"s Mentalität unserer Großeltern (die ich noch teilweise mitgekriegt habe mit Kommentaren wie "Früher hätte es solche Langhaarigen nicht gegeben, da hatte es alles noch Ordnung, die hätte man ins Arbeitslager gesteckt") Menschen zerstören kann, wenn sie das wichtigste Menschliche Gut ausser Acht lässt: Die Fähigkeit zu lieben.
    Der Hartz IV Kommentar hätte eher zu den Koalitionsthemen gepasst, finde ich.

    ...da hatte ich mit obigem Kommentar das falsche Browser-Fenster versorgt.

    Ich finde Ihre Kritik passt nicht zum Thema. Denn Hartz IV Kinder sind zwar materiell arm, aber nicht unbedingt eisig und durch Regeln seelisch verhärtet, so wie die im Film dargestellten.
    Die Kinder im Film haben vielmehr keine materiellen Probleme sondern Liebesmangel, obwohl sie in einer heilen Welt zu leben scheinen, deren Traurigkeit sich erst auf den zweiten Blick erschliesst, was der Regiesseur des Filmes mit diesem ersichtlich zu machen versucht (nach den Kritiken zu urteilen gelingt ihm das auch sehr eindrucksvoll, ich habe den Film noch nicht gesehen, werde diesen aber ansehen, sobald ich Gelegenheit dazu habe).
    Der Film zeigt eindrucksvoll, wie sehr die "Zucht und Ordnung"s Mentalität unserer Großeltern (die ich noch teilweise mitgekriegt habe mit Kommentaren wie "Früher hätte es solche Langhaarigen nicht gegeben, da hatte es alles noch Ordnung, die hätte man ins Arbeitslager gesteckt") Menschen zerstören kann, wenn sie das wichtigste Menschliche Gut ausser Acht lässt: Die Fähigkeit zu lieben.
    Der Hartz IV Kommentar hätte eher zu den Koalitionsthemen gepasst, finde ich.

  5. ...da hatte ich mit obigem Kommentar das falsche Browser-Fenster versorgt.

    Antwort auf "Für einige..."
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    Habe Ihren 2. Kommentar erst jetzt gesehen... Nichts für ungut...

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  6. Hanekes Wolfzeit von 2003 gehört für mich zu den erschütterndsten und realsitischsten Endzeit-Szenarien, die das Kino je hervorgebracht hat. Ich bin gespannt auf den Film "Das Weisse Band", der mir bezüglich eines nüchternen, wenn auch pessimistischen Blickes auf die conditio humana und die fragilen "Bande", die unsere Gesellschaft zusammenhalten, in eine ähnliche Richtung zu gehen scheint. Trost vor dem Hintergrund der in diesen Filmen formulierten Diagnosen bietet mir allein die Tatsache, dass es weiterhin sensible Menschen gibt, die die Zustände zumindest künstlerisch zu formulieren, und damit vielleicht zu bannen wissen.

  7. Ich finde Ihre Kritik passt nicht zum Thema. Denn Hartz IV Kinder sind zwar materiell arm, aber nicht unbedingt eisig und durch Regeln seelisch verhärtet, so wie die im Film dargestellten.
    Die Kinder im Film haben vielmehr keine materiellen Probleme sondern Liebesmangel, obwohl sie in einer heilen Welt zu leben scheinen, deren Traurigkeit sich erst auf den zweiten Blick erschliesst, was der Regiesseur des Filmes mit diesem ersichtlich zu machen versucht (nach den Kritiken zu urteilen gelingt ihm das auch sehr eindrucksvoll, ich habe den Film noch nicht gesehen, werde diesen aber ansehen, sobald ich Gelegenheit dazu habe).
    Der Film zeigt eindrucksvoll, wie sehr die "Zucht und Ordnung"s Mentalität unserer Großeltern (die ich noch teilweise mitgekriegt habe mit Kommentaren wie "Früher hätte es solche Langhaarigen nicht gegeben, da hatte es alles noch Ordnung, die hätte man ins Arbeitslager gesteckt") Menschen zerstören kann, wenn sie das wichtigste Menschliche Gut ausser Acht lässt: Die Fähigkeit zu lieben.
    Der Hartz IV Kommentar hätte eher zu den Koalitionsthemen gepasst, finde ich.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Für einige..."
  8. Man bekommt im aktuellen Kulturbetrieb am schnellsten Beifall, wenn man Beiträge zur These liefert, dass das Deutsche an sich von Haus aus verdorben, böse und dem Untergang geweiht ist. Letzteres stimmt wohl. Die Kausalität ist allerdings verkehrt.

    Die angloamerikanische Manie, aus Zentraleuropa einen Kartoffelacker mit genetisch retardierten Halbwilden zu machen, scheiterte bisher an den Russen. Deutschland war als Schlachtfeld für den Endkampf vorgesehen und hatte Auxiliartruppen ans Imperium zu stellen.

    Die epochale Aufgabe, der sich vornehmlich Churchill verschrieben hatte, haben die Angloamis nie aus den Augen verloren. Und die Kooperativsten der umerzogenen Deutschen schließen sich heute in vorauseilender Willfährigkeit den nach Wilhelm und Adolf nachgefolgten neuen Göttern an. Allerdings haarklein nach dem alten Muster.
    Was sie mühelos als würdige Nachfahren all der Spezialisten für rassische Minderwertigkeiten aus der Zeit vor 45 entlarvt.

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    Ich fürchte, sie verwechseln da einiges. Erstens soll der Film nicht die Deutschen als besonders verdorben darstellen. Diese Behauptung ist schon deshalb absurd, weil in dem Film nur deutsche vorhanden sind und somit kein Vergleich zu anderen Ländern hergestellt wird.
    Dann hat Deutschland im ersten Weltkrieg (und auch im zweiten) alles andere getan als auf Seiten der Engländer oder der Russen zu kämpfen.
    Vielmehr war Deutschland froh, als in Russland die Revolution das Land geschwächt hat, da es sonst zum 2 Frontenkrieg gekommen wäre.
    Dann zum Film: Der Film könnte in jedem Land spielen. Er zeigt, wie der Mangel an Liebe trotz Regeln und materieller Sicherheit eine ganze Generation ruinieren kann. Und es ist eigentlich egal, ob die traurigen, von Angst vor den eigenen Kindern bestimmten Eltern, die sie dann in "Zucht und Ordnung" umwandeln in den USA, in Frankreich, Äthiopien oder eben Deutschland leben.
    Die Folgen von solchem Verhalten haben wir in Deutschland erlebt und sind bis heute noch nicht ganz davon losgekommen, wie man am erstarken von stumpfen Glatzen in manchen Gebieten der BRD sehen kann. Der Regiesseur ist deutscher und ich finde es korrekt von ihm, die Geschichte in Deutschland zu entwickeln denn es wäre unanständig andere Länder zu verwenden.

    Ich fürchte, sie verwechseln da einiges. Erstens soll der Film nicht die Deutschen als besonders verdorben darstellen. Diese Behauptung ist schon deshalb absurd, weil in dem Film nur deutsche vorhanden sind und somit kein Vergleich zu anderen Ländern hergestellt wird.
    Dann hat Deutschland im ersten Weltkrieg (und auch im zweiten) alles andere getan als auf Seiten der Engländer oder der Russen zu kämpfen.
    Vielmehr war Deutschland froh, als in Russland die Revolution das Land geschwächt hat, da es sonst zum 2 Frontenkrieg gekommen wäre.
    Dann zum Film: Der Film könnte in jedem Land spielen. Er zeigt, wie der Mangel an Liebe trotz Regeln und materieller Sicherheit eine ganze Generation ruinieren kann. Und es ist eigentlich egal, ob die traurigen, von Angst vor den eigenen Kindern bestimmten Eltern, die sie dann in "Zucht und Ordnung" umwandeln in den USA, in Frankreich, Äthiopien oder eben Deutschland leben.
    Die Folgen von solchem Verhalten haben wir in Deutschland erlebt und sind bis heute noch nicht ganz davon losgekommen, wie man am erstarken von stumpfen Glatzen in manchen Gebieten der BRD sehen kann. Der Regiesseur ist deutscher und ich finde es korrekt von ihm, die Geschichte in Deutschland zu entwickeln denn es wäre unanständig andere Länder zu verwenden.

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