Suizide in Frankreich Flucht in den Tod
Beim Umbau von France Télécom haben die Manager die Menschen vergessen.
© Jean-Pierre Clatot/AFP/Getty Images)

Die Freunde und Angehörigen eines Mitarbeiters der France Télécom, der Ende September sich selbst tötete, sind bei dessen Beerdigung fassungslos
Die Tage Didier Lombards als Chef von France Télécom sind offenbar gezählt. Der französische Staat, der eine Aktienmehrheit von 26,7 Prozent an der Telekommunikationsfirma hält, lässt den 67-jährigen Manager nur noch deswegen weiterarbeiten, weil "man nicht den Feuerwehrhauptmann absetzt, wenn es brennt" – so zitiert die Tageszeitung Le Monde einen Berater Nicolas Sarkozys. Die Nummer zwei im Unternehmen, Louis-Pierre Wenès, musste am Montag bereits den Platz für Stéphane Richard räumen, den Leiter der internationalen Operationen; Richard ist der designierte Nachfolger des Unternehmenschefs, der 2011 in Pension geht.
Die Krise der France Télécom (Umsatz 2008: 53,5 Milliarden Euro) ist mittlerweile zur Angelegenheit des Staatspräsidenten geworden. Denn das ganze Land spricht von einer "Selbstmordwelle" im Unternehmen, deren Ursache "Terrormanagement" sei.
In den vergangenen 18 Monaten haben sich nach Angaben der Gewerkschaften 24 Beschäftigte des Konzerns selbst getötet. Damit allerdings läge die auf 100.000 Beschäftigte bezogene Selbstmordrate unter 16 pro Jahr, mithin noch niedriger als der französische Durchschnitt von etwa 17. Überdies sind knapp zwei Drittel der Télécom-Beschäftigten männlich, und es bringen sich dreimal so viele Männer um wie Frauen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass bestimmte Risikogruppen in der Belegschaft nicht vertreten sind, sieht es so aus, als liege die Selbstmordrate bei France Télécom am unteren Rande des zu Erwartenden. Letztlich aber lässt die Datenlage weder Alarm noch Entwarnung zu. Obgleich 24 Selbstmorde unendliches Leid bedeuten, bleiben sie eine zu kleine Fallzahl, als dass sie belastbare Schlüsse erlaubten.
Aber sprechen die Abschiedsbriefe, die Zeugnisse der Kollegen und Angehörigen nicht eine klare Sprache? Sie prangern die Arbeitsbedingungen bei France Télécom an. Suizid ist oft jedoch ein verschleiertes Phänomen; das erklärte Motiv ist nicht notwendigerweise die Ursache. Von einer Selbstmordwelle zu sprechen bleibt deshalb leichtfertig. Dennoch lässt sich sagen, dass das Management von France Télécom versagt hat: Didier Lombard, der gemütlich wirkende Manager, in Wahrheit ein knallharter Reorganisator, wollte aus seinem Beamtenbetrieb einen wendigen Global Player machen und hatte offenbar geglaubt, man könne ein Unternehmen so umprogrammieren wie eine Kabelbox.
Begonnen hatte alles schon Ende 1997, da leitete Lombard noch das Videounternehmen Thomson. France Télécom ging an die Börse, versprach aber, niemanden zu entlassen. Die Beschäftigten, zu zwei Dritteln Beamte, müssen sich seither um ihren Arbeitsplatz also nicht sorgen. Dafür drückt sich der Zwang zur Beweglichkeit in einer permanenten Umorganisation des Unternehmens aus. Jeder dritte Beschäftigte ist schon mindestens einmal versetzt worden. Was allein noch kein Grund zur Sorge wäre, wenn das nicht Statusverluste mit sich brächte. "Wie der Messias", erinnert sich das Tageblatt Le Figaro, sei früher der Telefontechniker in den Haushalten empfangen worden. Doch das war vor dem Siegeszug der Handys und des Internets. Der typische Beschäftigte ist kein Fernmelder mehr, sondern Verkäufer und schließt Verträge für die Hauptmarke namens Orange ab: im Laden, beim Kunden und vor allem am Telefon.
Wer einen Vertrag mit Orange unterzeichnet, wird allenthalben mit SMS und Anrufen aus dem Unternehmen genervt, die dieses oder jenes neue Produkt anpreisen. Die Menschen, die zu dieser Belästigung verpflichtet sind, stehen nicht selten schon seit Jahrzehnten im Dienst der Firma, hatten früher Besseres zu tun und sind oft genug eine Fehlbesetzung. Was ihnen vom Management dann auch bescheinigt wird. Es kommen jene Praktiken hinzu, die in Callcentern den Menschen die Freude an der Arbeit vergällen: Verbot privater Dekoration am Arbeitsplatz, Aufzeichnung aller Kundengespräche, öffentliche Listen der individuellen Leistungswerte, minutengenaue Festlegung der Pinkelpausen. Und das alles ohne jegliche "Pädagogik", wie es in Frankreich heißt, also ohne Überzeugungsarbeit. Das Management kommt den Beschäftigen wie eine feindliche Macht vor.
Schon veröffentlicht die kommunistische L’Humanité Selbstmordzahlen aus dem Umweltministerium, die zwar nicht belastbarer sind als diejenigen für die Télécom, der Debatte aber weitere Nahrung geben. Zwingt nicht die Sarkozy-Regierung fast den kompletten Staatsapparat, sich in einen Dienstleistungsbetrieb mit Zielvereinbarungen, Jahresgesprächen und Kundenfeedback zu verwandeln? Wird nicht demnächst auch die Post in eine Aktiengesellschaft umgewandelt? Da hört für viele Franzosen die Gemütlichkeit auf. So erklärt sich der präsidiale Zorn auf Didier Lombard: Seine Equipe modernisiert das Unternehmen mit einer Brutalität, die ausgerechnet jenen recht gibt, die in Staat und Wirtschaft den alten Trott beibehalten wollen. Die Krise wird damit politisch.
Bis zum 31. Oktober sind nun sämtliche Versetzungen im Unternehmen gestoppt, es werden zusätzlich Personalberater eingestellt. Und man will alles überdenken. Womöglich war der Frankreich-Chef Wenès nicht das letzte Bauernopfer.
Unterdessen geht die Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns weiter wie bisher. Etwa mit dem Orange-Fußballwettbewerb. Als der Pariser Verein PSG am Samstag zum Heimspiel gegen AS Nancy antrat, durften per Los ausgesuchte Fans in der Halbzeit versuchen, aus Elfmeterentfernung die Torlatte zu treffen; wem es gelänge, dem war ein Auto versprochen. Wider Erwarten trafen gleich zwei mit ihrem ersten Schuss. Daraufhin der Moderator: "Pech, wir haben nur ein einziges Auto, na ja, das bekommt jetzt der, der als Erster geschossen hat."
Pfiffe und Gebrüll im Stadion. France Télécom macht im Moment nichts, aber auch gar nichts richtig.
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 07.10.2009 - 13:50 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Wenn die Selbsternannten Eliten erst mal am Drücker sind, hat das solche Folgen:
http://www3.ndr.de/sendun...
Die Kosten werden dann sozialisiert, Unternehmensgewinne dagegen privatisiert, zur Not hoffen die Herren Mäntscher ja, dass sie irgendwo einen böhmischen Gefreiten finden, der ihr feines System der Selbstbereicherung auf Kosten der Allgemeinheit aufrecht erhält.
Dumm, dass es im Moment verboten ist, handgreiflich gegen solche Mänätschers vorzugehen. Eine andere Sprache wird in den scheinbar vornehmen Etagen anscheinend nicht verstanden.
Nachdem nun schon vor etlicher Zeit Suizide insbesondere in Frankreich Eingang in die semi-wissenschaftliche Literatur der Arbeitsforschung vor allem durch Vereinsmitglieder des Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e. V. in München fanden, war es ganz offenbar lediglich eine Frage der Zeit, neurasthenische Syndrome auch von so genannten vordenkenden Journalisten berichten zu lassen und damit ein anderes Feld zu betreten; wobei nach wie vor große Zweifel an dessen Fruchtbarkeit bleiben. Immerhin ließ die Ehefrau des an solcher Syndromatik jüngst in Nordamerika verstorbenen Künstlers Patrick Swayze seinen Lieblingsgaul mit umgedrehten Stiefeln im Steigbügel von ihm Abschied nehmen und bezeichnete außerdem zuvor bereits dessen Tod laut einer deutschen Boulevardzeitschrift als, wortwörtlich, Sieg; und vergaß darüber den Umstand, dass sich diese Syndromatik stets nicht unendlich ausbreiten kann, sondern sich physikalisch von vornherein an der nach dem Physiker Heisenberg vor Jahrzehnten benannten Unschärferelation brechen muss, wenn sie nicht ohne Not für den Einzelnen immer wieder durch andere in die Verlängerung zu gehen hätte.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren