Griechenland Pech gehabt, gewonnen!
Warum man den neuen griechischen Premierminister Papandreou bemitleiden muss
© ARIS MESSINIS/ AFP/ Getty Images

Griechenlands kommender Premier: George Papandreou von den Sozialisten
Es ist eine Wahl, nach der man dem Wahlsieger aus vollem Herzen kondolieren muss. Der Sozialist Georgios Papandreou übernimmt die letzten Überreste eines funktionierenden Staats, einen übergewichtigen bürokratischen Koloss, eine geplünderte Staatskasse. Das EU-Land hat mehr Schulden, als es in einem Jahr zu erwirtschaften imstande ist. Griechenland reißt längst alle Kriterien, die es einst erfüllen sollte, um Euro-Land zu werden. In Brüssel und Frankfurt rollen die Finanzwächter mit den Augen, wenn sie an hellenische Bilanzen nur denken. In Athen macht sich nun der neue Ministerpräsident ans Werk.
Georgios Papandreou und seine Partei Pasok versprechen, dass alles neu wird. Bürgernäher. Ökologisch verträglicher. Sozialer. Das ist sicher gut. Beim Versprechen des Neuen reibt man sich allerdings doch kurz die Augen. Papandreou? Den Namen hat man schon öfter gehört.
Richtig: Schon sein Großvater war Premierminister in den sechziger Jahren. Am besten kann sich Europa an den Vater erinnern, Andreas Papandreou, jenen Mann, der erst gegen den griechischen EG-Beitritt 1981 wetterte und dann mit Brüsseler Geld bequem seinen populistischen Wohlfahrtskurs finanzierte. Die Papandreous haben ganze Generationen in Griechenland geprägt. So wie ihre Konkurrenten, die Familie Karamanlis, deren jüngster Sprössling und Ministerpräsident Kostas nun die Macht an Georgios Papandreou abtreten muss. Nie war mehr Kontinuität in Griechenland. Das ist die Last des Landes.
In Person und Charakter allerdings ist der neue Ministerpräsident so ziemlich das Gegenteil von seinem schillernden, charismatischen Vater. Er ist ein Mann der leisen Töne, des weichen Händedrucks, er gilt als integer, berechenbar und vertrauenswürdig. Joschka Fischer mochte ihn sehr, zumal in den neunziger Jahren, als sie beide Außenminister waren. Im griechischen Wahlkampf 2000 leistete Fischer, der Grüne, dem Sozialisten Papandreou Beistand. Sie fuhren gemeinsam nach Chios, auf die Hausinsel der Familie Papandreou unweit der türkischen Küste. Dort joggten sie zunächst mal am Strand entlang, wohl abgeschirmt von der griechischen Sicherheit. Nach der Dusche fuhren sie zum Hafen und gingen auf einen türkischen Fährmann zu, der mit seinem Boot zwischen Chios und der Türkei pendelte. Papandreou und Fischer gratulierten dem Mann und rühmten ihn für sein tägliches Werk des Ausgleichs, der Völkerbegegnung und des Friedens. Der Fährmann (»Ich mach hier nur meine Arbeit...«) wusste nicht recht, wie ihm geschah. Aber den Papandreou hielt der Türke für den nettesten Griechen, den er je getroffen hatte.
Er hatte recht. Georgios Papandreou ist ein sympathischer, umgänglicher Mann. Mit seinem perfekten amerikanischen Akzent, den er in der Kindheit in Kalifornien erworben hatte, war er ein nahezu perfekter Außenminister. Er und der damalige türkische Chefdiplomat Ismail Cem waren die Galionsfiguren der türkisch-griechischen Annäherung von 1999. Auf europäischer Ebene erwarb sich Papandreou einen so guten Ruf, dass ihn niemand als Kollegen verlieren wollte.
Nun kommt Georgios, der Nette, als Premier zurück und hat ein Problem: Seine Aufgabe ist furchtbar hässlich. Griechenland hat sich heillos verstrickt. Es macht Schulden und hat doch immer neue Ansprüche, seine Beamten sind so unterbezahlt wie korrupt, das Land schlingert zwischen Klientelwirtschaft und Subventionsabhängigkeit. Um daraus auszubrechen, bedürfte es eines gelegentlich garstigen Premiers. Fast jeder Minister, der antritt, müsste in seinem Ressort alles neu machen. Doch sind viele von ihnen altbekannte Politprofis. Sie sind die noch unter dem alten Papandreou gewachsenen Pasok-Kader aus den neunziger Jahren, die wissen, wie sie den netten Georgios auszumanövrieren haben.
Wer in diesem Griechenland Wahlen gewinnt, hat eigentlich schon verloren.
- Datum 07.10.2009 - 16:25 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
- Kommentare 7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






gegen den EG-Beitritt und war zudem auch noch sozial. Also nicht sozial in dem Sinne "Arbeit macht frei" oder "Sozial ist was Arbeit schafft", sondern richtig sozial. Die EG/EU ist ja etwas tolles und richtig sozial ist ja populistisch, also böser, böser Mann!
Politiker südlicher und östlicher Länder in Europa, z.B. Spanien, Italien, Bulgarien, Rumänien und eben auch Griechenland sind in der Gesamtheit nicht weniger gebildet und unfähiger als etwa deutsche Politiker.
Allerdings sind sie ein Spiegelbild der Werte und der Lebensart ihrer Länder. Und da ist die Schuld zu finden. [ entfernt: Bitte verzichten Sie auf diskriminierende Pauschalisierungen. Danke. Die Redaktion/m.e. ]
Oder mal provokant : [ entfernt: siehe oben. Danke. Die Redaktion/m.e. ] Das liegt eben nicht an dem Wohlstandsgefälle zwischen den europäischen Ländern, sondern das Wohlstandsgefälle ist die Konsequenz einer teilweise [ entfernt: siehe oben. Danke. Die Redaktion/m.e. ] des Großteils der Bürger vieler Länder. Arbeiter, Beamte und Spitzenpolitiker gleichsam.
Kann sich jemand in Deutschland eine Müllkatastrophe wie Neapel vorstellen ? Oder eine(n) Kanzler(in), die sich wie Berlusconi aufspielt ? Oder einen Finanzminister, der sich wie jüngst in Spanien von der EU einen Bau-Boom finanzieren läßt, ohne den Markt zu kontrollieren, und sein Land zu einer Bauruine verkommen läßt ?
Nicht die Politiker sind schuld an den Schulden Griechenlands. [ entfernt: siehe oben. Danke. Die Redaktion/m.e. ]
Es wundert mich doch, dass man in Deutschland davon ausgeht es gäbe keine Korruption. In einem Land das von Lobbies mitregiert wird (aber das wird offiziell nicht als Korruption angesehen). Das sieht man wieder wunderschön wenn man die Zeitungen während der Koalitionsverhandlungen durchließt. Es passiert hier natürlich nicht in so einem breiten Maße, aber dort wo's drauf ankommt wird richtig zugelangt (z.B. Siemens, Asse & Gorleben, alle öffentlichen Bauprojekte, Krümmel und die verschwiegenen Sicherheitsprobleme, Schröder und seine Ostseepipeline, Middelhof und die Karstadt-Immobilien, IKB und die 300Mio für Lehmann Bros., Doktortitel-Discount von Professoren uvm. die nie ans Tageslicht kommen werden). Man sollte also die rosarote Brille absetzen.
Es wundert mich doch, dass man in Deutschland davon ausgeht es gäbe keine Korruption. In einem Land das von Lobbies mitregiert wird (aber das wird offiziell nicht als Korruption angesehen). Das sieht man wieder wunderschön wenn man die Zeitungen während der Koalitionsverhandlungen durchließt. Es passiert hier natürlich nicht in so einem breiten Maße, aber dort wo's drauf ankommt wird richtig zugelangt (z.B. Siemens, Asse & Gorleben, alle öffentlichen Bauprojekte, Krümmel und die verschwiegenen Sicherheitsprobleme, Schröder und seine Ostseepipeline, Middelhof und die Karstadt-Immobilien, IKB und die 300Mio für Lehmann Bros., Doktortitel-Discount von Professoren uvm. die nie ans Tageslicht kommen werden). Man sollte also die rosarote Brille absetzen.
1) Eigentlich, ist kein Minister Mitglied der alten Papandreou-Garde. Der einzige "alte" ist der ehemalige Aussenminister T. Pangalos, Vize-Präsindent der neuen Regierung, unter dessen Zuständigkeit die Koordinierung zwischen Regierung und Fraktion fällt. Alle andere Minister, die Erfahrung auf einen Ministerposten haben, waren die "jungen" Mitglieder der Simitis-Regierung, der 8 Jahre lang (1996-2004) Griechenland regierte. Die Mehrheit der Minister, jedoch, sind enge Papandreou Mitarbeiter seitdem er Außenminister war.
2) Korruption: Es ist naiv, die Korruption nur im südlichen und östlichen Teil Europas zu begrenzen und sie auf die Kultur oder dem Charackter der Menschen zurückzuführen. Die Korruption ist ein Defekt des Verwaltungsystems und der Fall Siemens hat beweist,dass wir alle bestechensfähig sind, wenn die Bedingungen es begünstigen. Oder gelten etwa andere ethische Kriterien im In- und Ausland?
3) Wenn man die deutsche Presse liest, bekommt man den Eindruck, dass Papandreou`s wichtigstes politisches Kennzeichen die Zugehörigkeit zu seiner Familie ist. Dies ist ungerecht sowohl für den Politiker als auch für seine Wähler. Und letzlich irrelevant: War, etwa, der größte Nachteil von Präsident Bush sein Name oder spielt er eine Rolle bei der politischen Bewertung von Frau Clinton?
Wenn man, allerdings, über die höhere Chancen, die der soziale Hintergrund schafft, diskutiern will, dann können, leider, nur wenige Länder ausgeschlossen werden.
Leider ist es so, dass der Staat von populistischen Regierungen heruntergewirtschaftet haben. Dazu kommt noch, dass die Menschen "erzogen" wurden ihr Leben nicht mehr in ihre eigene Hände zu nehmen, sondern in die des nächstbesten Politikers. Vitamin B regiert. Das hat zu einer Gesellschaft geführt ohne Perspektive ist. Der neuen Generation fehlt es an Perspektive und Jobs. Und dafür ist nicht nur die Vorgängerregierung schuld, sondern auch alle anderen davor, gleich ob rechts oder links. Und ja, es ist SEHR SCHWER hier etwas zu verändern.
Vor allem der Wille und das Selbstvertrauen einer großen Mehrheit fehlt sich einer Leistungsgesellschaft zu stellen. Das wird das größte Hindernis für Papandreou sein. Denn das Volk kann bei Bedarf das ganze Land lahmlegen, was schon bei kleineren Veränderung regelmäßig praktiziert wird. Zudem erschwert die Abstinenz einer realen Privatwirtschaft jegliche Reform des öffentlichen Sektors.
Das wird also tatsächlich sehr schwer grundlegendes zu verändern. Doch große Menschen werden eben erst durch große Herausforderungen groß. Papandreou hat schon bewiesen, dass er gegen das Establishment ankämpfen kann. Mal sehen wie's im als Kapitän im sinken Boot gelingt. Ich wünsche ihm viel Glück!
Es wundert mich doch, dass man in Deutschland davon ausgeht es gäbe keine Korruption. In einem Land das von Lobbies mitregiert wird (aber das wird offiziell nicht als Korruption angesehen). Das sieht man wieder wunderschön wenn man die Zeitungen während der Koalitionsverhandlungen durchließt. Es passiert hier natürlich nicht in so einem breiten Maße, aber dort wo's drauf ankommt wird richtig zugelangt (z.B. Siemens, Asse & Gorleben, alle öffentlichen Bauprojekte, Krümmel und die verschwiegenen Sicherheitsprobleme, Schröder und seine Ostseepipeline, Middelhof und die Karstadt-Immobilien, IKB und die 300Mio für Lehmann Bros., Doktortitel-Discount von Professoren uvm. die nie ans Tageslicht kommen werden). Man sollte also die rosarote Brille absetzen.
"Er ist ein Mann der leisen Töne, des weichen Händedrucks, er gilt als integer, berechenbar und vertrauenswürdig. Joschka Fischer mochte ihn sehr, zumal in den neunziger Jahren, als sie beide Außenminister waren."
Das ist kein gutes Zeichen. Solche Komplimente sind versteckte Giftpfeile; das Gift ist hochtoxisch.
Korrupt, Mafia, CIA, Josef Joffe sind da meine Assoziationen... Ob diese Assoziationen wirklich zutreffen? Wenn nein, dann ist dieser Passus subtiler Rufmord.
So oder so, arme Griechen. Und wir eifern der griechischen Vetternwirtschaft nach. Westerwelle, Merkel, Steinbrück, Ackermann.... Die Bankenrettungen sind nix als getarnte Vetternwirtschaft. Leider habe ich keinen "Vetter" ("Leistungsträger") in der Bundesregierung. Seufz...
Das groesste Problem Griechenlands duerfte doch das riesige Heer oeffentlicher Angestellter sein, finanziert vom Staat, welches man aus wahlpragmatischen Gruenden um sich schert. Von diesem Heer sind viele nicht faehig oder willens, die ihnen anvertrauten Arbeiten zu erledigen. Und dann wird sich auch noch aufgeregt, weil man erst mit 55 anstatt mit 45 oder 50 in Rente geht, die dann auch wieder vom Staat finanziert wird. Solange niemand den Mut aufbringt, dieses Heer in irgendeiner Weise zu verkleinern, duerften sich auch die Staatsschulden kaum minimieren.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren