Rund 250.000 Menschen, die nicht ausreichend zu essen haben, fast 500, die bereits verhungert sind, unter ihnen viele Kinder: In Guatemala herrscht der Notstand. "Wir begegnen Mädchen und Jungen mit aufgeblähtem Bauch und ausgebleichtem Haar. Anderen klebt die Haut an den Knochen", berichtet Lida Escobar, die im Auftrag des World Food Programme der Vereinten Nationen (WFP) im Osten des südamerikanischen Staats Nahrungmittel verteilt. Corredor seco heißt die Gegend wegen der dort herrschenden Trockenheit und der unfruchtbaren Böden – der "trockene Korridor".

Auch in anderen Teilen des Landes hat eine Dürre die Ernten vernichtet. Dennoch müsste es in Guatemala eigentlich ausreichend Nahrung geben. "Dies ist ein sehr reiches Land", sagt der UN-Berichterstatter für Nahrungsmittelsicherheit, Olivier de Schutter. Aber er weiß auch, warum die Menschen hungern: weil die guatemaltekische Gesellschaft ungleich ist – und der Staat zu schwach, um die Armen zu unterstützen.

Ungerechte Verteilung schafft Not im reichen Land © Alexander Martinez/AFP/Getty Images

"Es gibt Nahrung, aber es fehlen die finanziellen Mittel, damit die Hungernden sie kaufen können", klagt der guatemaltekische Staatspräsident Álvaro Colom. Colom hat ein Notstandsdekret eingebracht, das das Parlament allerdings nicht passieren lässt. Die Folge: Die Regierung empfängt Geldspenden, um den Hunger zu bekämpfen – doch sie darf die Mittel nicht ausgeben.

Dabei ist die Lage in Guatemala schon seit Langem prekär. Die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren gilt als chronisch unterernährt, das ist eine der höchsten Raten weltweit und die höchste in Lateinamerika. Die akute Hungersnot verschlimmert die Lage noch. "Die Nahrungsmittelreserven gehen zur Neige", sagt Rubí López, Sprecherin der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen in Guatemala-Stadt. "Selbst wer Land hat, kann nicht mehr säen."

Grund der akuten Misere ist nicht nur das Klima. Auch Guatemala leidet unter der globalen Wirtschaftskrise: Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, zugleich gingen die Dollar-Überweisungen von Verwandten, die in den USA arbeiten, stark zurück. In diesem Jahr kam fast zehn Prozent weniger Geld an als im Jahr zuvor. "Die Dürre, die ausgerechnet in den ärmsten Regionen herrscht, die hohen Preise, die sinkenden Überweisungen – zusammen ergibt das eine Katastrophe", so WFP-Sprecher Alejandro Chicheri. Vielen Menschen fehlt jetzt das Geld, um Grundnahrungsmittel wie Bohnen oder Tortillas zu kaufen – zumal die Preise immer noch hoch sind.

Das hat schlimme Folgen, vor allem für die Kinder. Unterernährten Kindern fehlen in der wichtigsten Wachstumsphase die notwendigen Nährstoffe, die daraus resultierenden geistigen und körperlichen Schäden sind irreversibel. Die Kinder sind kleiner und leichter als ihre normal ernährten Altersgenossen. Weil ihre Gehirne unterentwickelt bleiben, können sie sich nur schwer konzentrieren. Entsprechend schlecht sind ihre Bildungschancen. Falls sie überleben, bleiben sie in der Regel arm, und auch ihre Kinder wachsen im Mangel auf – die Armut überträgt sich so von einer Generation auf die nächste.

Akute Hungerkrisen gab es in Guatemala immer wieder. Doch dem Staat gelingt es bislang nicht, eine angemessene Vorsorge zu treffen. "Die tiefer liegenden Ursachen werden nicht bekämpft", sagt der Armutsforscher Marcel Arévalo. "Das ist auch ein Demokratiedefizit: Die hungernden Bevölkerungsgruppen sind nicht wichtig", sagt Frank Garbers, Lateinamerika-Referent der Hilfsorganisation Terre des Hommes.