Hungersnot "Die Kinder haben keine Zeit zu warten"

In Guatemala hungern Zehntausende von Menschen. Die Großgrundbesitzer verhindern Reformen, die helfen könnten.

Proteste gegen die ungleiche Verteilung und gegen den Hunger regten sich, wie hier, schon im Jahr 2004. Seither haben sich die Verhältnisse kaum verändert

Proteste gegen die ungleiche Verteilung und gegen den Hunger regten sich, wie hier, schon im Jahr 2004. Seither haben sich die Verhältnisse kaum verändert

Rund 250.000 Menschen, die nicht ausreichend zu essen haben, fast 500, die bereits verhungert sind, unter ihnen viele Kinder: In Guatemala herrscht der Notstand. "Wir begegnen Mädchen und Jungen mit aufgeblähtem Bauch und ausgebleichtem Haar. Anderen klebt die Haut an den Knochen", berichtet Lida Escobar, die im Auftrag des World Food Programme der Vereinten Nationen (WFP) im Osten des südamerikanischen Staats Nahrungmittel verteilt. Corredor seco heißt die Gegend wegen der dort herrschenden Trockenheit und der unfruchtbaren Böden – der "trockene Korridor".

Auch in anderen Teilen des Landes hat eine Dürre die Ernten vernichtet. Dennoch müsste es in Guatemala eigentlich ausreichend Nahrung geben. "Dies ist ein sehr reiches Land", sagt der UN-Berichterstatter für Nahrungsmittelsicherheit, Olivier de Schutter. Aber er weiß auch, warum die Menschen hungern: weil die guatemaltekische Gesellschaft ungleich ist – und der Staat zu schwach, um die Armen zu unterstützen.

Anzeige
Fotostrecke: Hunger in Guatemala
Ungerechte Verteilung schafft Not im reichen Land

Ungerechte Verteilung schafft Not im reichen Land

"Es gibt Nahrung, aber es fehlen die finanziellen Mittel, damit die Hungernden sie kaufen können", klagt der guatemaltekische Staatspräsident Álvaro Colom. Colom hat ein Notstandsdekret eingebracht, das das Parlament allerdings nicht passieren lässt. Die Folge: Die Regierung empfängt Geldspenden, um den Hunger zu bekämpfen – doch sie darf die Mittel nicht ausgeben.

Dabei ist die Lage in Guatemala schon seit Langem prekär. Die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren gilt als chronisch unterernährt, das ist eine der höchsten Raten weltweit und die höchste in Lateinamerika. Die akute Hungersnot verschlimmert die Lage noch. "Die Nahrungsmittelreserven gehen zur Neige", sagt Rubí López, Sprecherin der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen in Guatemala-Stadt. "Selbst wer Land hat, kann nicht mehr säen."

Grund der akuten Misere ist nicht nur das Klima. Auch Guatemala leidet unter der globalen Wirtschaftskrise: Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, zugleich gingen die Dollar-Überweisungen von Verwandten, die in den USA arbeiten, stark zurück. In diesem Jahr kam fast zehn Prozent weniger Geld an als im Jahr zuvor. "Die Dürre, die ausgerechnet in den ärmsten Regionen herrscht, die hohen Preise, die sinkenden Überweisungen – zusammen ergibt das eine Katastrophe", so WFP-Sprecher Alejandro Chicheri. Vielen Menschen fehlt jetzt das Geld, um Grundnahrungsmittel wie Bohnen oder Tortillas zu kaufen – zumal die Preise immer noch hoch sind.

Das hat schlimme Folgen, vor allem für die Kinder. Unterernährten Kindern fehlen in der wichtigsten Wachstumsphase die notwendigen Nährstoffe, die daraus resultierenden geistigen und körperlichen Schäden sind irreversibel. Die Kinder sind kleiner und leichter als ihre normal ernährten Altersgenossen. Weil ihre Gehirne unterentwickelt bleiben, können sie sich nur schwer konzentrieren. Entsprechend schlecht sind ihre Bildungschancen. Falls sie überleben, bleiben sie in der Regel arm, und auch ihre Kinder wachsen im Mangel auf – die Armut überträgt sich so von einer Generation auf die nächste.

Akute Hungerkrisen gab es in Guatemala immer wieder. Doch dem Staat gelingt es bislang nicht, eine angemessene Vorsorge zu treffen. "Die tiefer liegenden Ursachen werden nicht bekämpft", sagt der Armutsforscher Marcel Arévalo. "Das ist auch ein Demokratiedefizit: Die hungernden Bevölkerungsgruppen sind nicht wichtig", sagt Frank Garbers, Lateinamerika-Referent der Hilfsorganisation Terre des Hommes. 

Der Landbesitz in Guatemala konzentriert sich in den Händen weniger Reicher. Arme Subsistenzbauern dagegen haben keinen Zugang zu guten Böden, sie kämpfen auf kleinen, unproduktiven Fincas mit unfruchtbarer Erde um ihr Überleben. Kommt es zu Missernten, leiden sie am meisten. Die großen Güter hingegen, die vor allem Kaffee oder Zucker für den Export anbauen, bewirtschaften die fruchtbarsten Landstriche. Rund 37 Prozent der ländlichen Bevölkerung aber haben überhaupt kein Land. Angehörige dieser Gruppe arbeiten als Tagelöhner für die Großgrundbesitzer – und werden von diesen häufig noch um ihren kargen Lohn geprellt.

Die Regierung ist zu schwach, um die Verhältnisse tief greifend zu ändern. Präsident Colom hat zwar einige Hilfsprogramme auf den Weg gebracht, um die größte Not unter der ländlichen Bevölkerung zu lindern. Doch viel Geld steht ihm dafür nicht zur Verfügung: Der guatemaltekische Staat nimmt bloß 9,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an Steuern ein, zu wenig, um den Hunger wirksam zu bekämpfen, kritisiert UN-Beobachter de Schutter.

Die Regierung traut sich nicht, gegen die Eliten vorzugehen

Martin Wolpod-Bosien, Mittelamerika-Experte

Um den Hunger in Guatemala wirklich zu besiegen, wäre eine Agrarreform nötig. "Man muss den Landbesitz umverteilen", sagt Terre-des-Hommes-Experte Garbers. "Die Kleinbauern brauchen einen Zugang zum Markt, ein besseres Wissen über Anbautechniken und Vermarktung, Forschungsinstitute, die besseres Saatgut entwickeln." Doch diese Reform wird es kaum geben. Zu stark sind die Beharrungskräfte der Eliten. "Die Regierung traut sich nicht, gegen sie vorzugehen", sagt Martin Wolpold-Bosien, Mittelamerika-Experte der Menschenrechtsorganisation FIAN, die sich für das Recht auf Nahrung einsetzt.

"Die Kinder haben keine Zeit zu warten", mahnt derweil WFP-Sprecher Chicheri. Seiner Organisation gehen bald die Mittel für die Nothilfe aus. Sie versorgt in Guatemala derzeit 350.000 Personen mit Nahrung. "Um unser Programm bis in den kommenden Herbst hinein fortzusetzen, fehlen sieben Millionen Dollar", sagt Chicheri. "Wenn wir das Geld nicht bald auftreiben, müssen wir die Hilfe einschränken."

Unterdessen fürchtet die Regierung, dass auch die zweite Ernte des Jahres durch Wetterkapriolen vernichtet wird. Das kommende Jahr könnte deshalb noch schlimmer werden.

 
Leser-Kommentare
  1. Solche desolaten Staats- und Regierungsgebilde, die den Tod der eigenen Bevölkerung in Kauf nehmen, gehören unter UN-Zwangsverwaltung PUNKT

    Aber solange die UN ein zahnloser Papiertiger ist, wird sich nichts ändern.

    Die Regierung in Guatemala ist doch fein raus. Es kümmern sich andere...

    • M.M.
    • 13.10.2009 um 13:09 Uhr

    Da die UNO ein zahnloser Papiertiger ist sollte es seitens des Volkes legitim sein, eine Revolution zu zünden, OHNE das Big Brother USA den armen Plutokraten zu Hilfe kommt.
    Diese Epigonen von Somoza,Pinochet,Battista,Papa Doc und wie die Gangster alle heißen, hätten sich ihr schlimmes Ende selbst zuzuschreiben.

    • keox
    • 13.10.2009 um 13:24 Uhr

    leider haben die 'Eliten' die Trümpfe in ihren Händen. Selbst wenn die USA sich gegen alle Erfahrung diesmal heraushielten, es gibt genug Söldner.

  2. Die Erfahrung der letzten Landreformen zeigt nur zu deutlich, dass es keine Lösung ist Großgrundbesitz durch Kleinbauern zu ersetzen. Die landwirtschaftliche Infrastruktur wird zerstört und die Produktivität fällt ins Bodenlose. Simbabwe ist das extremste Beispiel der letzten Jahrzehnte, aber nicht das Einzige. Und da dies bisher die einzige Art von Landreform ist, die scheinbar stattfinden kann, muss eine andere Lösung gefunden werden.

    Ein Ansatz wären erhebliche finanzielle Verbesserungen der Landbevölkerungen durch höhere Löhne und bessere Sozialleistungen. Deren Finanzierung ist aber nur durch erheblich höhere Besteuerung der Eliten möglich. Tatsächlich ist es im Interesse dieser Eliten den sozialen Frieden im Land zu wahren. Das die einfachste und sicherste Möglichkeit darin besteht vom eigenen Reichtum etwas abzugeben kommt dabei anscheinend keinem von denen in den Sinn.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...ich denke das Wort Landreform ist von Ihnen etwas negativ besetzt. Hierbei kommt es auf den Inhalt einer Reform an. Es ist sicher nicht schädlich der Bevölkerung, wie im Artikel unter anderem erwähnt, Kleinbauern einen Zugang zum Markt zu gewähren.
    Landreform heißt nicht notgedrungen dem beispiel bestimmtes Afrikanischer Staat zu folgen.

    ...ich denke das Wort Landreform ist von Ihnen etwas negativ besetzt. Hierbei kommt es auf den Inhalt einer Reform an. Es ist sicher nicht schädlich der Bevölkerung, wie im Artikel unter anderem erwähnt, Kleinbauern einen Zugang zum Markt zu gewähren.
    Landreform heißt nicht notgedrungen dem beispiel bestimmtes Afrikanischer Staat zu folgen.

  3. ...ich denke das Wort Landreform ist von Ihnen etwas negativ besetzt. Hierbei kommt es auf den Inhalt einer Reform an. Es ist sicher nicht schädlich der Bevölkerung, wie im Artikel unter anderem erwähnt, Kleinbauern einen Zugang zum Markt zu gewähren.
    Landreform heißt nicht notgedrungen dem beispiel bestimmtes Afrikanischer Staat zu folgen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service