Politik für das Internet Kapert die Piraten!
Vom Urheberrecht bis zum Datenschutz: Schwarz-Gelb hat die Chance, Politik für das Internet zu erfinden
© Andreas Rentz/Getty Images

Wenn Schwarz-Gelb etwas zukunftsträchtiges machen will, sollte es sich der Piratenpartei-Themen annehmen
Ja, bei Klima, Bildung, Integration, da trauen sogar manche Skeptiker Schwarz-Gelb eine behutsame Modernisierung zu, die Durchsetzung der doppelten Staatsbürgerschaft zum Beispiel. Aber in der Innen- und Rechtspolitik? Bei der Überprüfung der Sicherheitsgesetze? Da ist das Urteil schon gefallen, ehe die Koalitionäre sich überhaupt an den Verhandlungstisch gesetzt haben. Nirgends scheinen die Zeichen deutlicher auf Retro zu stehen, sogar die handelnden Personen erinnern an die Ära Kohl. Umso mehr lohnt die Frage: Muss das so sein?
Zugegeben: Wenn es schlecht läuft, dann bleibt in der Innen- und Rechtspolitik einfach alles beim Alten. Nennen wir es die »Zombie«-Variante. Dann erheben sich die untoten Debatten der vergangenen Jahrzehnte klappernd aus ihren Gräbern und spuken eine weitere Legislaturperiode lang durch Berlin.
Ein neuerlich berufener CDU-Innenminister Wolfgang Schäuble würde zäh die Antiterrorgesetze verteidigen und darauf beharren, dass die Sicherheit der Bürger nur durch immer neue Kompetenzen der Polizei und der Geheimdienste zu garantieren sei. Und die mutmaßliche neue Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, schon einmal im bitteren Streit mit der CDU vom selben Posten zurückgetreten, müsste auf einem radikalen Bruch mit dem Bisherigen bestehen, die Einschränkung der Onlinedurchsuchung fordern, die Wiederherstellung des Bankgeheimnisses, die Reform der Sicherungsverwahrung. Alles richtig, aber eben im Streit gegen die Union kaum durchzusetzen.
Niemand hat bislang eine Strategie gegen die Macht von Google
Am Ende würde der Kulturkampf, der da angelegt ist, nur eines produzieren: Stillstand und wechselseitige Blockade. Bewegung käme in die Debatte, wie gewohnt, allein durch das Bundesverfassungsgericht, das im nächsten Jahr über die Vorratsdatenspeicherung und das BKA-Gesetz zu entscheiden hat und beide Gesetze wohl kaum unverändert durchwinken wird.
Die Blockade ist möglich. Aber zwingend ist sie nicht. Wenn man für einen Moment aus den ideologischen Gräben herausklettert, die beide Parteien ausgehoben haben, dann eröffnen sich Perspektiven, die in eine ganz andere Richtung weisen: nach vorn. Und zwar ausgerechnet auf einem ganz unwahrscheinlichen Feld, das zuletzt besonders heiß umkämpft war – dem Internet.
Ja, tatsächlich, Schwarz und Gelb könnten nachholen, nein: Sie müssen nachholen, was alle Parteien in den vergangenen Jahren kollektiv versäumt haben. Es gibt ohne Zweifel ein massives juristisches und technisches Modernisierungsdefizit des demokratischen Rechtsstaats im Netz. Das klassische Urheberrecht beispielsweise, das kreative geistige Arbeit ökonomisch überhaupt erst möglich macht, steht im Netz vor dem Kollaps – wenn es nicht schon kollabiert ist. Niemand hat bislang eine Strategie gegen die beispiellose Machtzusammenballung von Firmen wie Google.
Überhaupt weiß keine Regierung weltweit mit der Dominanz privater Unternehmen im öffentlichen digitalen Raum umzugehen, die Leitungsnetz, Betriebssysteme und soziale Netzwerke beherrschen. Niemand weiß auch, wie dem massenhaften Missbrauch von Daten – durch Behörden, durch Unternehmen, durch Einzelne – begegnet werden soll. Und wie hilflos der Staat ist, seine Regeln ebenso wie im analogen auch im virtuellen Leben durchzusetzen, mindestens das hat der wüste Streit um Kinderporno-Sperren im Netz gezeigt.
Tatsächlich sind all dies Fragen, die über den schlichten Gegensatz von Freiheit versus Sicherheit hinausweisen. Sie brauchen mindestens europäische, eigentlich globale Antworten. Aber es braucht auch nationale Akteure, die die notwendige Debatte über die Adaption des Rechts an die technologische Revolution beginnen.
Und das sollen ausgerechnet Union und FDP sein? Durchaus möglich. Immerhin hat Angela Merkel die Piratenpartei, die bei der Bundestagswahl zwei Prozent erzielt hat, anschließend gleich zweimal erwähnt und damit ihre Strategie bestätigt, jede neue gesellschaftliche Bewegung möglichst umstandslos an die Union anzubinden. Wenn die Piratenpartei tatsächlich irgendetwas gemein hat mit den Grünen in deren Anfangszeiten, dann liegt es ja auch nahe, ihnen mit einer ähnlichen Haltung zu begegnen, wie sie die großen Volksparteien den Grünen gegenüber mühsam erlernt haben: nicht Abgrenzung, sondern Rückeroberung der Themen. Auch den ersten Bundesumweltminister hat ja die CDU installiert.
Aber mehr noch als solche taktischen Erwägungen sind es inhaltliche Überlegungen, die das Projekt einer schwarz-gelben Netz-Politik interessant, womöglich sogar aussichtsreich machen. CDU/CSU wie FDP können als Wächter und Verfechter des Rechtsstaats schwerlich zusehen, wie das geltende Recht im Netz zusehends erodiert. So kann die FDP, die bei der Verteidigung der digitalen Bürgerrechte noch einigermaßen oppositionsradikalisiert, also Piraten-nah, auftritt, als wirtschaftsfreundliche Partei nicht achselzuckend die faktische Enteignung zahlloser Kreativer durch illegale Tauschbörsen hinnehmen, wie das die Piraten tun. Eine Modernisierung des Urheberrechts wäre deshalb ein lohnendes Vorhaben für Union und FDP, zudem müsste die Koalition eine Politik gegenüber Google entwickeln. Denn gerade die Union, die einerseits die Rechte des Staates bei der Überwachung stärken will, wird auf Dauer nicht tatenlos zusehen können, wie sich Privatunternehmen das Netz unterwerfen. Ein grundlegend reformiertes Datenschutzrecht wäre also das Mindeste, was Schwarz-Gelb erreichen müsste.
Zu heftige christdemokratische Wünsche nach staatlicher Intervention wiederum könnten die Liberalen kontern, indem sie daneben auch auf technologische Innovation und selbst regulierende Modelle beharren. Nur alle Elemente zusammen nämlich haben Aussicht auf Erfolg bei der Modernisierung des Rechtsstaats im Netz.
Wenn Union und FDP also etwas Zukunftsträchtiges in Gang setzen wollten: Hier wäre ein Thema.
- Datum 07.10.2009 - 17:09 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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Die Piratenpartei als eine Partei zu sehen, die sich für ein freies Internet einsetzt scheint mir zu kurz gesehen. Es geht um wesentlich mehr Themen.
Wenn die Koalition etwas für die Freiheit der Bürger unternehmen will, kann sie sich damit beschäftigen, was auf EU Ebene geplant ist.
Die Europäische Kommission hat 1,4 Milliarden Euro speziell für die Sicherheitsforschung zur Verfügung gestellt. Der Name ist “Seventh Framework Programme for Research (FP7) 2007-2013″.
Mehr zu FP7 hier:
http://zwischenzeit.de/bl...
... scheint sich wohl als Zombie-Beschwörer zu sehen.
Denn nichts anders als Zombies möchte er uns hier als "zukunftsträchtig" verkaufen.
Und die postulierte Konkurrenz-Situation beim Ausforschen, Überwachen und Ausspähen des Internets zwischen Unternehmen und Staat ist keine - der Staat Zwangsrekrutiert per Gesetz einfach die Unternehmen.
"Kapert die Piraten"? Das ich nicht lache!
Lernt erst mal Schwimmen!
könnte hätte wäre sollte...
Träumen Sie weiter! Die CDU wird uns kein Stück unserer Rechte und Freiheiten zurückgeben und die FDP wird sie für ein bißchen Klientelpolitik verkaufen.
Das Problem ist doch, dass die Politker von heute gar nicht mehr wissen, wie unsere moderne Welt funktioniert und genau deshalb werden sie weiter untätig zusehen oder höchstens mal noch ein neues Verbot aushandeln.
Im Namen des Volkes...
Genau so ist es. Die selbstzufriedenen Volksvertreter wissen gar nichts vom Internet und seinen Mechanismen - darum können Sie die Themen auch nur populistisch aufgreifen.
Genau so ist es. Die selbstzufriedenen Volksvertreter wissen gar nichts vom Internet und seinen Mechanismen - darum können Sie die Themen auch nur populistisch aufgreifen.
... gehen mit ihren Ideen und Idealen kollektiv ins Altersheim. Genauso wenig wie die SPD die Strömungen der Umweltschützer und Sozialisten aufgegriffen hat, werden die Schwarz-Gelben die Auswirkungen des Internets einschätzen können.
Ich gehe davon aus, dass die Piratenpartei erstarken wird und diese Lücke besetzt und damit auch in etlichen Landtagen in den nächsten Jahren die 5%-Hürde überspringt.
Von den etablierten Parteien ist bis auf das ewige Gedöns von wegen "Killerspiele" und "Kinderpornographie" wenig bis nichts zu erwarten.
hat Herr Wefing und beweist dies mit seinem Kommentar. Einzig richtig ist, dass das Thema Freiheit und Grenzen der Freiheit im Netz aus machtpolitischer Sicht der Etablierten den Piraten nicht überlassen werden darf. Hierbei geht es aber gerade nicht darum die ökonomischen Interessen der Kreativen zu schützen, wie Wefing sicher nicht frei von Eigennutz hier postuliert. Genau dieser Schutz hat ja die Piraten auf den Plan gerufen. Sondern es geht darum den überalteten Schutz der in einem internationalen Netz technisch nicht mehr haltbar ist an die neuen Realitäten anzupassen - wobei die Kreativen, oder zumindest ihre Marketingindustrie ganz kräftig bluten wird. Wenn das Recht auf eine technische Erfindung (Patent) nur eine Dekade hält, das Recht auf einen hingeschriebenen Satz aber länger als ein Leben steht, ist dies genau im diametralen Gegensatz zur gesetzlichen Regelbarkeit: Das patentverstoßende sächliche Produkt und dessen Verbringung in den Hoheitsbereich eines Staates (Produktpiraterie) kann man bekämpfen, das freie Kursieren einer Idee, eines Textes, eines Liedes also gemeinhin von Daten im internationalen Netz wohl kaum.
Das archaische Festhalten an einem übersteigerten staatlichen Machtanspruch am ideellen statt am sächlichen, am internationalen statt am nationalstaatlichen wird ohnehin sein Ende finden - auch ohne Zutun der Etablierten!
Etiam hat mit Patent- und Urheberrecht sehr gut den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Autor politisiert hier, was die schwarz-gelbe Koalition machen könnte und müsste und sollte, das wirkt alles als wollte er selber die Politik machen. Aber wie überspitzt so eine Formulierung ist, dass Künstler enteignet werden, das merkt er gar nicht. Von wem werden diese Künstler denn enteignet? Von Google? Von den Tauschbörsen? Oder vom Konsumenten selbst?
Als in der Nachkriegszeit das Radio boomte, könnte man auch sagen, dass die Künstler von Radiosendern und Hörern enteignet wurden, gewissermaßen, zumindest bis dann die GEZ erfunden wurde. Doch komischerweise begann vielleicht grade dadurch dann auch die Tonträgerindustrie zu boomen zu dieser Zeit.
So einen Boom gäb es jetzt auch wieder durch das Internet. Wenn man dort nicht Zugriff auf so viele unterschliedliche musikalische Werke hätte, dann würden auch nicht so viel Hobbykünstler auf MySpace und Youtube ihre Schöpfungen präsentieren. Es ist natürlich schwer, bei so vielen Hobbykünstlern den Überblick zu behalten, aber die Musikindustrie versucht das ja gar nicht erst, sondern schreit nur aus Angst vor möglichen finanziellen Verlusten um Hilfe. Dabei wären diese finanziellen Verluste eigentlich gar nicht wirklich verloren. Denn es gäbe mehr Kultur. Für Banken ist man auch mal bereit, Geld herzugeben, damit die Wirtschaft stabil bleibt. Wieso nicht für die Kultur?
Etiam hat mit Patent- und Urheberrecht sehr gut den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Autor politisiert hier, was die schwarz-gelbe Koalition machen könnte und müsste und sollte, das wirkt alles als wollte er selber die Politik machen. Aber wie überspitzt so eine Formulierung ist, dass Künstler enteignet werden, das merkt er gar nicht. Von wem werden diese Künstler denn enteignet? Von Google? Von den Tauschbörsen? Oder vom Konsumenten selbst?
Als in der Nachkriegszeit das Radio boomte, könnte man auch sagen, dass die Künstler von Radiosendern und Hörern enteignet wurden, gewissermaßen, zumindest bis dann die GEZ erfunden wurde. Doch komischerweise begann vielleicht grade dadurch dann auch die Tonträgerindustrie zu boomen zu dieser Zeit.
So einen Boom gäb es jetzt auch wieder durch das Internet. Wenn man dort nicht Zugriff auf so viele unterschliedliche musikalische Werke hätte, dann würden auch nicht so viel Hobbykünstler auf MySpace und Youtube ihre Schöpfungen präsentieren. Es ist natürlich schwer, bei so vielen Hobbykünstlern den Überblick zu behalten, aber die Musikindustrie versucht das ja gar nicht erst, sondern schreit nur aus Angst vor möglichen finanziellen Verlusten um Hilfe. Dabei wären diese finanziellen Verluste eigentlich gar nicht wirklich verloren. Denn es gäbe mehr Kultur. Für Banken ist man auch mal bereit, Geld herzugeben, damit die Wirtschaft stabil bleibt. Wieso nicht für die Kultur?
Wenn ich dem Autor folge, soll die CDU die Piratenpartei, bzw. deren Themen, eben dadurch kapern, dass sie ihre bisherige Politik einfach noch konsequenter auch aufs Internet anwendet, voellig gegen die erklaerten Positionen der Piratenpartei?
Da wuensche ich jetzt schon viel Glueck und die Piratenpartei kann sich auf weiterhin wachsenden Mitglieder- und Stimmenzulauf freuen.
Hat ja schliesslich schon mit der Umwelt so gut geklappt - durch den ersten Umweltminister (CDU) wurden die Gruenen ihrer Themen ja geradezu enteignet und verschwanden wenige Jahre nach ihrer Gruendung wieder in der Versenkung.
Genau so ist es. Die selbstzufriedenen Volksvertreter wissen gar nichts vom Internet und seinen Mechanismen - darum können Sie die Themen auch nur populistisch aufgreifen.
...warum erscheinen zum Themenbereich Internet exklusiv auf ZEIT ONLINE eigentlich in der Mehrzahl Artikel, die sich - ob man nun mit ihnen uebereinstimmt oder nicht - zumindest ernsthaft mit dem Themenkomplex und den verschiedenen Meinungen hierzu befassen, waehrend Artikel, die in der gedruckten ZEIT erscheinen und dann online wiedergegeben werden (wie dieser hier), in der Mehrzahl eine geradezu reaktionaere Attituede an den Tag legen?
Klientelpolitik? Ziel: Erspart den Printlesern nach Moeglichkeit, sich mit anderen Meinungen auseinandersetzen zu muessen?
Die Internetaffinen Leser bekommen halt nicht das gleiche vorgesetzt wie die der Printausgabe. Das nennt man auch Absatzmarketing. Diese versteckte Zweizüngigkeit betreiben viele Medien so.
Die Internetaffinen Leser bekommen halt nicht das gleiche vorgesetzt wie die der Printausgabe. Das nennt man auch Absatzmarketing. Diese versteckte Zweizüngigkeit betreiben viele Medien so.
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