Karges Leben: Der Klimawandel lässt ehemals fruchtbare Flächen zur Steppe werden, so wie hier in Kenia © Simon Maina/AFP/Getty Image

Glaubt man den kursierenden Zahlen, steht die Welt vor einem Jahrhundert der Flüchtlinge, vor einer Völkerwanderung biblischen Ausmaßes. Weil die Polkappen schmelzen, die Wüsten größer werden, Ackerland versteppt und sintflutartige Überschwemmungen Küstenregionen und Flussdeltas heimsuchen, werden sich – beginnend in zwei bis drei Jahrzehnten – Dutzende Millionen Menschen auf den Weg machen, auf der Flucht vor den Folgen des Klimawandels. Sagt Greenpeace. Prognostizieren die Vereinten Nationen. Warnt der Report des ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern.

Schon 1990 befanden Fachleute des Weltklimarats IPCC, dass neue Völkerwanderungen die womöglich wichtigste Auswirkung des Klimawandels sein werden. Knapp 20 Jahre später wird das Thema auch auf der Tagesordnung der Weltklimakonferenz in Kopenhagen stehen. Dort sollen im Dezember Lösungen gefunden werden, wie die Erde ihrer drohenden Aufheizung noch entrinnen kann.

"Klimaflüchtlinge" sind längst zur Realität geworden. Die Regierungen der pazifischen Inselstaaten Kiribati und Tuvalu haben für ihre 125.000 Bürger Asyl in Australien und Neuseeland beantragt; irgendwann zwischen den Jahren 2050 und 2100 wird deren Heimat nach Expertenmeinung wegen des ansteigenden Meeresspiegels unbewohnbar sein. Auf den Malediven wurde ein Fonds aufgelegt, mit dessen Hilfe Land auf sicherem Kontinentalboden gekauft werden soll, 400.000 Menschen werden möglicherweise umsiedeln müssen. Aber der Auszug aus den pazifischen Paradiesen wäre nur ein winziger Teil der vielleicht kommenden Völkerwanderung: Zehn Prozent der Weltbevölkerung wohnen nahe den Küsten und könnten betroffen sein, wenn der Meerespegel um einen Meter ansteigt. 30 Prozent leben schon heute in Regionen, in denen das Wasser knapp ist. Bis zu 250 Millionen Menschen, so die Voraussage der Vereinten Nationen und anderer Organisationen, könnten schon bis Mitte des Jahrhunderts ihre Heimat verloren haben. Zehnmal mehr Erdenbürger als heute wären auf der Flucht. Mindestens.