Terézia Mora Unser Mann im Netz

Terézia Mora taucht ein in die Restseele eines ultramodernen Spaßvogels und Business-Nerds

Der Mann im zweiten Roman von Terézia Mora ist ein armes Schwein. Blond, asthmatisch und 106 Kilo schwer. Er hat einen schrecklichen Vornamen, einen kompakten Nachnamen und wurde im Osten Deutschlands geboren, von Heimat- oder Ossitreue allerdings kaum eine Spur.

Darius Kopp lebt in einer anonymen Großstadt, in der es Taxis, Bahnhöfe, Imbissbuden und Bürohäuser gibt, Terézia Moras Berlin könnte überall sein. Denn Darius ist Teil unserer global vernetzten Zeit. Er steht senkrecht in der Welt und hat, wie Eva in der Hand Adams, ein wenig Furcht vor dem regiemächtigen Über-Ich seiner Autorin. Terézia Mora drückt mit leidenschaftlicher Ranküne die Enter-, Shift- und Cursor-Tasten und navigiert ihn entschieden, geschmeidig und mit treffsicherer Arglist durchs Leben.

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Ihr Held ist einer aus der bemitleidenswerten Männermeute: suckelnd an der Schnute des Caffè-Latte-Bechers, den Freisprecher wie einst das Kuscheltier an die Ohrmuschel gedrückt, die Schulter vom breiten Riemen der Laptoptasche eingedellt. Blind für äußere Eindrücke, stolpert er durch Flure, S-Bahn-Gänge, Regionalzüge und sonstige Gegenden. Die reale Welt außerhalb des Computers, puh, was soll das, unhygienisch und vernachlässigbar. Real, was ist das, bitte? Darius erlebt das meiste wie im (Bildschirm)Traum.

Terézia Mora führt an einem Freitag, dem 5. September, mit einem Morgensex kurz nach acht Uhr in ihren Gegenwartsroman ein und beschließt ihn eine lange und für Darius durchaus unersprießliche Woche später mit dem schönsten und ältesten Versprechen: »Du bist die Liebe meines Lebens.« Dazwischen geht es drunter und drüber. Wir sind in der Businesswelt, die von der Hierarchie der Access-Points regiert wird und in der ein Hotspot den Vorstellungen vom Tor zum Paradies längst den Rang abgelaufen hat. Hier, am Hotspot, denkt Darius, kann ich mich endlich wieder einloggen, hier bin ich Mensch, hier… und so altbekannt weiter.

Terézia Moras keineswegs humorfreies Trauerspiel über das neu gestylte Geschäfts- und Privatleben in Zeiten kommunikativer Daseinseroberung führt in den Vordschungel der New Economy. Dass es viel mit Luftanhalten und Undurchschaubarkeit zu tun hat, mit Männerfreundschaften, Biertrinken, Handytastendrücken, mit Warten, Zeitverschwendung, ungesundem Leben, macht Terézia Mora, längst vor dem Platzen der letzten »Blase«, an jedem dieser sieben Romantage deutlich. Allerdings existiert der Unterschied zwischen Werktag und Sonntag, Tag und Nacht, abgesehen von wenigen Ruhestunden zwischen San Francisco, London, Berlin und Hongkong, in dieser Geschäftswelt nicht. Das Schließen des Browser-Fensters muss das Herunterlassen des Rollladens ersetzen. Das erhellendste Licht strahlt aus dem eingeschalteten Laptop. Darius Kopp, Händler für drahtlose Datenkommunikation, zuständig für Nord- und Osteuropa einer US-Firma mit dem trügerischen Namen Fidelis, ist der »einzige Mann auf dem Kontinent«. Er steht, wenn er nicht unterwegs ist, in einem zugemüllten Raum einer Büro-WG, seine Chefs sitzen weit weg. An vielen Tagen dieser Woche sind sie für ihn nicht zu erreichen, obwohl er dringend Rat braucht. Was soll er mit den 40000 Euro tun, die ihm ein armenischer Geschäftspartner zugesteckt hat? So viel zum Setting, in dem ein Schwarzgeldkrimi steckt und das auch in den heitersten Augenblicken reichlich ungemütlich ist.

Wenn dieser Kerl ein Fitzelchen belesen wäre, aber das überlässt er, wie viele Männer, seiner Frau, würde er mit Bartleby seufzen: »Ich möchte lieber nicht.« Viel Nervenbibbern bliebe ihm erspart. »Arbeit«, so wie das früher war, nein, dieser unter permanentem Schlafmangel leidende Darius Kopp »arbeitet« nicht wie damals. Er verbringt viel Zeit damit, scheinbar nichts zu tun, Drähte zu ziehen, damit andere arbeiten können.

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