Lutz Seilers Erzählungen Die Zeitwaage sind von einer einzigartigen Traurigkeit. Mehr als zwei von ihnen hintereinander zu lesen, ohne in einen Abgrund von Schwermut und tränennaher Verzweiflung auch über das eigene verpfuschte Dasein zu versinken, ist nahezu unmöglich. Man könnte sagen, sie sind allesamt aus ein und derselben hypersensiblen, introvertierten, depressiv getönten Empfindsamkeit heraus geschrieben, die das Leben in eine aussichtslose Angelegenheit verwandelt. Die Handlungsarmut der Geschichten ist nur der Spiegel einer Antriebsschwäche der Figuren, die sich mühelos auf den Leser überträgt. Auch er fühlt sich spontan keiner Herausforderung mehr gewachsen. Oder mit noch einmal anderen Worten: Es gibt seelsorgerische Gründe genug, von der Lektüre dieses Buches abzuraten.

Indes – alles Drehen und Wenden, alle Vorbehalte, alle Missempfindungen oder Warnungen, die man vielleicht kundtun könnte, helfen nichts gegen den überwältigenden Eindruck von Meisterschaft, von geradezu altmeisterlicher Vollendung. Es handelt sich, in der Sprache des Einzelhandels gesagt, um extraschwere Qualität, fast ist man geneigt, mit einem ehedem gebräuchlichen Ausdruck, von Vorkriegsware zu sprechen.

Das freilich wäre natürlich Unfug, auch insofern, als es sich um die meisterhafte Erfüllung eines typischen Nachkriegsgenres handelt: der Short Story. Die Poetik dieser amerikanischen Variante der Kurzgeschichte hat sich zwar über die Zeiten gewandelt, aber in ihrer klassischen Ausprägung durch Hemingway und Scott Fitzgerald folgte sie vor allem einem herrischen Imperativ: das Eigentliche zu verschweigen. Sie durfte in Schilderungen beliebig ausführlich, in Dialogen unbegrenzt schwatzhaft werden (aber bei Hemingway auch das nicht), nur eines durfte niemals gesagt werden: was wirklich los ist, und warum alles so schiefläuft.

Die Short Story ist die Gattung der Kommunikationsverweigerung (gegenüber dem Leser) und der Kommunikationsstörung (zwischen den Figuren). Das nun kommt Lutz Seiler ideal zupass. Figuren wie die seinen, die nicht sagen können oder wollen, was sie quält, und wortlos ihrem Untergang entgegenträumen, sind in der Kurzgeschichte perfekt aufgehoben. Mitunter beschleicht einen freilich der Verdacht, die Menschen bei Seiler dürften auch deswegen ihre Ehe beispielsweise durch kein klärendes Gespräch retten, weil dies für die Art von Literatur, die er machen will, recht ungünstig wäre.

Das ist allerdings ein frivoler Einwand, der an dem Ernst des Autors sofort zerschellt. Die Ehen, die in den ersten beiden Erzählungen scheitern beziehungsweise schon gescheitert sind, die Beziehung, die in der achten zugrunde geht, haben nun einmal den Keim der Auflösung von der Wortlähmung ihrer erzählenden Hauptfigur empfangen, und diese, recht eigentlich eine Seelenlähmung, ist das bedrückende Haupt- und Großthema des ganzen Bandes. In der vierten Erzählung vermag der Erzähler auf die Hilferufe eines Verblutenden nicht zu reagieren, noch viel weniger später die Wahrheit über dessen Tod (und mutmaßlichen Mörder) zu artikulieren. In der elften Erzählung nimmt er den Unfalltod eines anderen, der sich vor seinen Augen ereignet, willenlos hin; in der neunten verprügelt er ein Kind, weil er nicht fähig ist, mit Worten seinen Unwillen auszudrücken.

Aber warum? Aus Gehemmtheit, Verklemmtheit, aus Verdruckstheit manchmal auch nur. Aus Verklemmtheit stellt er der Mitschülerin ein Bein, die er eigentlich liebt (und sie schlägt sich alle Zähne aus), aus Gehemmtheit lässt er die Amsel, die er angeschossen hat und gesund pflegen will, dann doch verhungern – weil er sich nicht traut, seinen Eltern davon zu erzählen. Aus bloßer Verdruckstheit nimmt er hin, dass andere über die Tochter verfügen, um die er sich sorgt – und so weiter und so fort.