Buchmesse Der Reichtum, die Fülle und die Herrlichkeit des alten China
Von Fuchsfeen und wahren Menschen: Im S. Fischer Verlag gibt es 3500 Jahre chinesischer Kulturgeschichte komprimiert in vier Auswahlbänden, die das beste aus der Lyrik, der Prosa, der Essayistik und der Philosophie zusammenfassen.
Man gibt in China viel auf seine gut 3500 Jahre schriftlich dokumentierte Geschichte, und wenn man noch die materiellen Funde mit einrechnet, kommt der gebildete Chinese voller Stolz auf mehr als die doppelte Zahl von Jahren. Doch wo wird ein Besucher des Reiches der Mitte dieser langen und ununterbrochenen Geschichte ansichtig? Wer durch China reist, sieht fast nur noch junge Städte, die vielleicht fünf oder zehn Jahre alt sein mögen. Das Alte ist oder wird abgerissen. Der Ausländer muss schon in ein Museum gehen, will er das alte China sehen, oder er muss sich ins Schrifttum vertiefen.
Ob Philosophie, Literatur, Geschichte, Kunst, es ist so viel überliefert, dass ein einzelnes Leben nicht ausreicht, um alles in die Hand zu nehmen, was der chinesische Geist in den vielen Tausend Jahren geschaffen hat. Man bedarf daher der Hilfestellung von Fachleuten, die sichten und zusammenstellen, was ihnen lesenswert und anschauenswert erscheint.
Der S. Fischer Verlag legt nun eine solche Zusammenstellung klassischer chinesischer Texte in vier Bänden plus Zugabe vor. Ein Mammutunterfangen, das notwendigerweise Probleme mit sich bringt, die ich auch nicht sehr viel besser hätte lösen können. Der Umfang von bald 2000 Seiten und das Diktat der Zeit in Anbetracht der bevorstehenden Frankfurter Buchmesse mit dem Gastland China setzten dieses Großunternehmen unter Zeitdruck.
Zum Leidwesen eines pingeligen Sinologen unterscheidet man in China seit alters nicht streng zwischen Literatur, Geschichte und Philosophie. Anthologien mit klassischen chinesischen Schriften mischen daher alles bunt durcheinander. Ähnliches gilt für die historische Darstellung. Eine Geschichte der chinesischen Literatur umfasst oft gleichfalls wichtige Schriften von Philosophen und Historikern. Dies gilt auch für die vorliegende Sammlung, die von allem etwas bietet. Die Herausgeber befinden sich allerdings in guter Gesellschaft, und wir sollten hier das Wort Literatur im alten Sinne von Schrifttum verstehen.
Wie sieht nun die Auswahl aus? Sie umfasst einen Roman, eine Sammlung von Erzählungen, eine Anthologie der klassischen Lyrik nebst wenigen Prosatexten, eine Auswahl von philosophischen und literarischen Schriften sowie als Beigabe eine pädagogische Fibel. Das Theater kommt nicht vor, vielleicht weil selbst seine exponiertesten Beispiele noch nicht von der Sinologie zu den klassischen Werken gerechnet werden?
Die Herausgeber haben in der Regel auf vorhandene Übersetzungen zurückgegriffen, aber nicht nur die Fachgelehrten zu Wort kommen lassen, sondern auch Nachdichter wie Bertolt Brecht oder Laienübersetzer. Das mag man akzeptieren, selbst wenn ein solches Verfahren in dem einen oder anderen Fall seltsame Blüten treibt.
Erlaubt nun die getroffene Gesamtauswahl der Leserschaft einen repräsentativen Einblick ins geistige Schrifttum des alten China? Für Die goldene Truhe mit dem Untertitel Chinesische Novellen in der Übersetzung von Wolfgang Bauer und Herbert Franke kann dies durchaus behauptet werden. Diese Zusammenstellung von bald zweitausend Jahren Erzählkunst erfreut sich seit ihrem erstmaligen Erscheinen im Jahre 1959 großer Beliebtheit. Viele ihrer Novellen handeln von Fuchsfeen und sind in ein hinreißendes Deutsch übertragen. Erwähnt sei allein die epochemachende Erzählung Goldamsel von Yuan Zhen (799 bis 831), die immer wieder weitergeschrieben wurde, vor allem für das Theater.
Wie sieht es nun aber mit dem Roman Der Aufstand der Zauberer aus dem Jahr 1620 aus, welcher an Umfang alle anderen Bände weit übertrifft? Ich erinnere mich noch an die Klage des Übersetzers, Manfred Porkert, dieses erstmals 1986 bei Insel erschienene Werk verkaufe sich nicht, weshalb er die Auflage zurückbeordert habe. Ich hoffe, ganz so schlimm ist es nicht gewesen, doch zweierlei bleibt zu bedenken. Dieser Gespensterroman ist nicht repräsentativ, er zählt keinesfalls zu den großen Erzählwerken, die sich seit vielen Jahrzehnten in der Übersetzung von Franz Kuhn auf dem deutschsprachigen Büchermarkt immer noch gut verkaufen. Sollte man ihn trotzdem lesen? Ja, allerdings weniger um seines abstrusen Inhaltes willen als vielmehr aufgrund des überragenden Deutsch. Hier erweist sich ein Sinologe als großer Sprachkünstler.
Zu den Höhepunkten der alten chinesischen Schriftkultur zählt vor allem die Lyrik, die erst in der Moderne nach dem Untergang des Kaiserreichs (1911) ihren hohen Rang an die Erzählkunst abtreten musste und in jüngster Zeit ein Randdasein führt. Sie wurde jedoch seit dem Mittelalter (220 bis 907) von einer Essayistik begleitet, die aufgrund ihres poetischen und philosophischen Charakters durchaus einen Vergleich aushalten konnte. Die Essays kommen allerdings in der etwas unglücklich mit Von Kaiser zu Kaiser betitelten Anthologie der klassischen Lyrik und Kunstprosa etwas zu kurz.
Die Herausgeber haben sich hier auf die klassische Periode beschränkt: von der Han-Zeit bis zur Song-Zeit (insgesamt 206 vor Christus bis 1279 nach Christus). Das Buch der Lieder (circa 700 vor Christus) wurde der Sammlung Das alte China. Die Anfänge der chinesischen Literatur und Philosophie zugeschlagen, und Die Lieder des Südens, schamanistische Gesänge (circa 300 vor Christus), wiewohl im Vorwort erwähnt, fehlen ganz. Warum endet aber diese Anthologie schon mit Jiang Kui (1155 bis 1221)? Hat es nach diesem Sänger keine große Lyrik und Kunstprosa in China mehr gegeben?
Es ist eine Tatsache, dass sich bedeutende Übersetzer wie Günther Debon, der wohl weltweit am besten chinesische Lyrik übertragen hat, auf die klassische Periode im engeren Sinne, vor allem auf die Maßstäbe setzende Tang-Dynastie (618 bis 907), beschränkt haben. Und es ist auch eine Tatsache, dass die Essayistik in der ausgehenden Kaiserzeit die Dichtkunst an sprachlicher Schönheit wie gedanklicher Tiefe zu übertreffen beginnt. Dichtern wie Li Bai (701 bis 762) oder Du Fu (712 bis 770), die auch die deutsche Literatur sehr stark beeinflusst haben, war bereits hundert Jahre nach ihrem Tod lyrisch nicht mehr sehr nahezukommen.
Als ich das Konvolut öffnete und vier Bände erwartete, fiel mir zu meiner Überraschung der Drei-Zeichen-Klassiker, vermutlich von dem Gelehrten Wang Yinglin (1223 bis 1296) erstellt, in die Hände. Dieses Lehrgedicht für chinesische Schüle r galt zu meiner Studienzeit am Ende der Kulturrevolution (1966 bis 1976) als reaktionäres Erziehungsmaterial, weil es das Wissen der konfuzianischen Tradition in insgesamt 1200 Zeichen den Kindern von klein auf zu vermitteln versuchte. Inzwischen erfreut es sich jedoch wieder großer Beliebtheit. Es war auch insofern von epochalem Charakter, als es das Vorbild für die christlichen Missionare und die Maoisten abgab, um in ähnlicher Form ihre Botschaften unter das Volk zu bringen.
Doch ist die deutsche Version der hiesigen Leserschaft zumutbar? Positiv ist zunächst zu vermerken, dass man sich um eine schöne Ausgabe bemüht hat. Neben der Übersetzung findet man das Original in einer mich zwar wenig befriedigenden Kalligrafie, aber mit einer Fülle von Erklärungen zum Text. Für Pädagogen also durchaus reizvoll, doch der herkömmliche Leser wird mit den vielen Plattitüden kaum etwas anfangen können. Hier wäre eine streng wissenschaftliche Ausgabe vielleicht besser gewesen.
Ein Text wie dieser wirft die Frage nach der Kunst einer Lektüre von chinesischen Denkern auf, die den wahren Menschen in den Mittelpunkt ihrer Reflexionen stellen. Man kann diese nämlich nur selten aus sich selbst heraus verstehen. Eine textimmanente Betrachtung der Fünf Klassiker (unter anderem Das Buch der Wandlungen) und der Vier Bücher (unter anderem Die Gespräche des Konfuzius) ist zum Beispiel nicht möglich. Man bedarf der Hilfestellung. Diese bietet die Herausgeberin von Das alte China durchaus. Sie leitet jeden Klassiker und jedes Buch ein sowie auch alle weiteren beigegebenen Auszüge der daoistischen oder sophistischen Philosophie, doch nicht selten wird der Leser hilflos bleiben, insbesondere dann, wenn sie auf Übersetzungen des Dichters Rainer Maria Gerhardt (1927 bis 1954) zurückgreift, der Das Große Lernen (Daxue), eines der Vier Bücher, nach der englischen Version von Ezra Pound übertragen hat. Da liest man dann aus heutiger Sicht manch Ungereimtes.
Die deutschsprachige Sinologie mag im strengen Sinne zwar nur eine hundertjährige Geschichte haben, doch sie kann auf große Übersetzungsleistungen, sowohl quantitativ wie qualitativ, verweisen. Vieles von dem, was seit Jahrzehnten auf Deutsch vorliegt, das Gesamtwerk von Li Bai und Du Fu etwa, ist bislang im angloamerikanischen Sprachraum noch nicht einmal in Angriff genommen worden. Die Herausgeber konnten also auf eine wahre Fülle von Übertragungen zurückgreifen. Leider haben sie dennoch hie und da nicht der Versuchung zur Nachübersetzung aus dem Englischen widerstanden. Da das Amt für Presse und Publikationswesen der Volksrepublik China die Veröffentlichung dieser Sammlung finanziell unterstützt hat, hätte es jeder chinesische Dichter oder Philosoph eigentlich verdient, stets nach dem Original übertragen zu werden.
Ein weiteres leidiges Problem ist das der unterschiedlichen Transkriptionssysteme, welche die Herausgeber nicht zu vereinheitlichen gewusst haben. Das ist durchaus verständlich, da der Zeitaufwand unverhältnismäßig hoch gewesen wäre, doch für eine normale Leserschaft ist der vielfache Wechsel bei der phonetischen Wiedergabe äußerst verwirrend. Es liegt in der Natur der Sache, dass bei einem Unternehmen wie diesem Fehler oder Ungenauigkeiten unterlaufen. Auch hätte ich mir in dem einen oder anderen Fall mehr »Tiefe« von Einleitung und Kommentar gewünscht. Doch dieses Konvolut richtet sich sicherlich nicht an ein Fachpublikum, sondern an den interessierten Laien, und der mag durchaus von der Fülle und dem Reichtum des chinesischen Geistes überwältigt werden.
Wolfgang Kubin (geb. 1945), Universität Bonn, ist Sinologe, Übersetzer und Schriftsteller. Er verfasste unter anderem »Die Geschichte der chinesischen Literatur im 20. Jahrhundert«
Eine Sammlung chinesischer Klassiker. Herausgegeben von Eva Schestag und Daniel Ibáñez Gómez:
Das alte China. Die Anfänge der chinesischen Literatur und Philosophie; hrsg. von Eva Schestag; 360 S., 25,– €
Von Kaiser zu Kaiser. Die klassische chinesische Lyrik und Kunstprosa; hrsg. von Eva Schestag und Olga Barrio Jiménez; 360 S., 25,– €
Die goldene Truhe. Chinesische Novellen; hrsg. und übersetzt von Wolfgang Bauer und Herbert Franke; 448 S., 25,– €
Der Aufstand der Zauberer. Ein Roman aus der Ming-Zeit; hrsg. und aus dem Chinesischen von Manfred Porkert; 672 S., 28,– €
Drei-Zeichen-Klassiker. Ein Lehrgedicht für Schüler; übersetzt und eingeleitet von Eva Schestag; mit Kommentaren von Daniel Ibáñez Gómez und Kalligrafien von Wang Ning (Beigabe zum Schuber) Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2009; Schuber, zus. 1840 S., 89,– €
- Datum 15.10.2009 - 10:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
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Das Titelbild des Artikels zeigt chinesische Schriftzeichen in Holz geschnitzt. Die Zeichen auf dem Bild stehen auf dem Kopf. Steht nun das Bild auf dem Kopf oder ist das Kunstwerk eine Art Stempel, das auf Papier ausgerollt wird?
Wie man etwa hier sehen kann, liegen die Schriftzeichen auf dem Boden, die Orientierung ist also für den Laien nicht sofort erkennbar:
http://www.badische-zeitu...
Mir ist schon öfter aufgefallen, dass Künstler chinesische Schriftzeichen mitunter kopfüber in ihre Werke integriert haben, mir ist nicht klar, warum. Chinesische Schriftzeichen werden von rechts nach links und von oben nach unten gepinselt, d.h. die Richtung des Zeichens ist auch für den totalen Laien völlig offensichtlich, weil wir das ja auch nicht anders machen.
Wie man etwa hier sehen kann, liegen die Schriftzeichen auf dem Boden, die Orientierung ist also für den Laien nicht sofort erkennbar:
http://www.badische-zeitu...
Mir ist schon öfter aufgefallen, dass Künstler chinesische Schriftzeichen mitunter kopfüber in ihre Werke integriert haben, mir ist nicht klar, warum. Chinesische Schriftzeichen werden von rechts nach links und von oben nach unten gepinselt, d.h. die Richtung des Zeichens ist auch für den totalen Laien völlig offensichtlich, weil wir das ja auch nicht anders machen.
Wie man etwa hier sehen kann, liegen die Schriftzeichen auf dem Boden, die Orientierung ist also für den Laien nicht sofort erkennbar:
http://www.badische-zeitu...
Mir ist schon öfter aufgefallen, dass Künstler chinesische Schriftzeichen mitunter kopfüber in ihre Werke integriert haben, mir ist nicht klar, warum. Chinesische Schriftzeichen werden von rechts nach links und von oben nach unten gepinselt, d.h. die Richtung des Zeichens ist auch für den totalen Laien völlig offensichtlich, weil wir das ja auch nicht anders machen.
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