Ein Schnipsel gibt das Motto vor. »Eine Geschichte für alle, die Wichtigeres zu tun haben« steht auf dem winzigen Stück Papier, das in die Collage auf dem Buchcover eingeklebt ist. Der Satz steht da, einfach so, ein Widerspruch in sich, eine wundersame Irritation wie dieses ganze Bilderbuch des australischen Buchkünstlers Shaun Tan.

Der Erzähler outet sich als Teenager. »Ich war wie immer mit meiner Kronkorkensammlung beschäftigt und blieb ohne besonderen Grund stehen. Da sah ich das Ding zum ersten Mal«, heißt es – alle umblättern –, und dann gerät der schmale Typ mit dem langgezogenen Kopf ins Stocken, starrt auf einen Strand hinunter, starrt eine ganze Weile, und wir staunen mit ihm: Da ist ein Ding, und zwar kein winziger Gegenstand, den man zufällig entdeckt, sondern eine riesengroße, bauchige Kanne sitzt im Sand dieses Strandes, rot und unübersehbar, und wir schauen mit dem Typ von der Promenade hinunter zu diesem Strand, wo jedem das Ding auffallen müsste. Aber keiner schaut hin. Außer eben dem, der Wichtigeres zu tun hat, zum Beispiel Kronkorkensammeln.

Das Außergewöhnliche hat System im Werk von Shaun Tan. Der Künstler, 1974 im australischen Perth geboren, ist dort aufgewachsen als Vorortkind, wie er augenzwinkernd auf seiner Webside anmerkt. Von Tan, der Kunst sowie Literatur studiert hat und auch als Bühnendesigner, Konzeptkünstler und Filmregisseur arbeitet, von ihm sind im letzten Jahr erstmals zwei seiner Bücher auf Deutsch erschienen: eben das Kinderbuch Geschichten aus der Vorstadt des Universums und die textfreie Graphic Novel Ein neues Land . Diese Bücher, wie auch die neue Fundsache, sind grundverschiedene Werke, aber sie haben doch gemeinsam, dass sie vom Unfassbaren erzählen, vom Fremden. Die ersten beiden Bücher erregten sofort internationales Aufsehen, Geschichten aus der Vorstadt des Universums gewann im letzten Oktober den Luchs Nr. 260 , beide Bände sind nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009, der in der kommenden Woche auf der Frankfurter Buchmesse vergeben wird. Allen drei Werken gemein ist die Eigenständigkeit. Die herkömmlichen Gattungsgrenzen erweisen sich als unangemessen. Wer in Bilderbüchern nur das Eindeutige zulässt, mag weiter auf seine Scheuklappen starren. Wer aber Lust hat an einer Vielfalt der Lesarten, am nachdenklichen Bild-Text-Lesen, der wird Die Fundsache lieben.

Shaun Tans Stadtkulissen sind mit Röhren durchzogene Katakomben, rostreiche Gebilde mit dem surrealen Charme der Plastiken von Tinguely oder Bernhard Luginbühl, die ja auch »Fundsachen« verwendeten. In diesen krassen Szenerien erlebt man, was die Geschichte so faszinierend macht: Mitten im Unvertrauten stößt man auf Zeichen, die weiterhelfen. Die Kanne steht auf, und sechs Beine werden sichtbar, wie Tentakel räkeln sich Rüssel aus Luken. Der neue Spielkamerad überrascht nach außen, innen aber liegt Seelentiefe. Der Junge spürt das. Ein Freund von ihm bringt es auf den Punkt: »Manche Sachen sind … halt einfach allein.« Es geht nicht um Fremdsein, sondern um Einsamkeit und eine Trauer, die unfassbar ist. Da ist auf allen Ebenen eine Melancholie. Und doch greift keine existenzialistische Verlorenheit um sich, denn Shaun Tan ist ein Meister poetischer Wärme.

Als der Junge seinen neuen Freund nach Hause bringt, nehmen die Eltern ihn erst nicht zur Kenntnis, dann warnen sie vor Schmutz und möglichen Krankheiten. Eine Szene aus dem Kinderalltag, obschon Tan den Jungen auch wie einen Erwachsenen agieren lässt. Überlegt und behutsam geht er mit seiner Fundsache aufs Fundbüro. Dort steckt man dem Jungen eine Visitenkarte in der Hand. »Sie sah nach nicht viel aus, aber irgendwie zeigte sie wohin.« Ein gewellter Pfeil? Durchschlängeln als Weg?

Kein Bild von Tan, das nicht Signale enthält, die über das Bild hinausweisen; Kenner werden Anspielungen auf Edward Hopper und L.S. Lowry entdecken. Auch wenn auf den ersten Blick technische Elemente und unlesbare Objekte dominieren, bekommt alles in diesem Buch seinen Sinn, sobald wir das Sinnlose zulassen. Und sei es nur, dass wir das Buch erkennen als ein geniales Plädoyer für die Poesie des Unbekannten und für die Wärme, die zurückstrahlt, wenn wir uns auf Fundsachen einlassen. Nur wer Verlorenheit benennt, kann auch glaubwürdig von Verbundenheit erzählen.