Pu der Bär Es rumpeldipumpelt

Eine der schönsten Kindergeschichten erzählt von Pu, dem Bären und ist immer zu kurz. Deshalb hat ein Engländer sie verlängert. Von Susanne Mayer

Ganz schön verstiegen. Größenwahnsinnig. Da ist jemand sauer, dass die herrliche Geschichte von Pu, dem Bären, und Ferkel, von I-Ah, Oile, den Wuschels und Heffalumps immer zu schnell endet, und hat sie einfach weitergeschrieben. Zusätzliche 208 Seiten hat ein David Benedictus jetzt abgeliefert, Motto: Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald. Weltpremiere diese Woche! Ja, warum eigentlich nicht?

Es gibt ziemlich viele Geschichten in der Welt der Literatur, denen man eine glückliche Fortsetzung wünscht. Insbesondere in der englischen Literatur. Bei John Webster schwimmt die Bühne regelmäßig in Blut. Oscar Wildes Märchen von der Nachtigall, die sich einen Dorn durchs Herz treibt, um die Liebe eines dummen Studenten zu gewinnen, bringt einen unausweichlich zum Weinen. Man denke an Hamlet, wie würde man sich wünschen, er könnte wieder erwachen, in langen, erstaunten Monologen feststellen, dass Ophelias Tod nur ein schlechter Traum war, und weiter im Text! Das Ende von Pu, der Bär war auch eine Tragödie. Kindheit ist ja schnell vorbei. Pus Freund Christopher Robin verschwand irgendwann aus dem Zauberwald, weil die Geschichte in England spielt, vermutlich in Richtung Internat. Weshalb David Benedictus seine Fortsetzung in die Schulferien verlegt: Eines schönen Sommertages ist Christopher wieder da, wenn auch mit verlängerten Beinen.

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David Benedictus hat viele Referenzen, Eton und Oxford natürlich. Er spielt auf Augenhöhe mit Pus Erfinder Alan Alexander Milne, selbstverständlich Westminster School und Cambridge. Milne war beim Satiremagazin Punch, Benedictus ist bei der Royal Shakespeare Company. Der Illustrator Mark Burgess ist derjenige, der die ursprünglich schwarzen Zeichnungen von E. H. Shepard für frühere Ausgaben koloriert hat. Da müsste also alles stimmen, Strich und Sound, Honigtopf und Gesumm. Und es finden sich tatsächlich viele Sätze, die holpern so vertraut dahin, dass es eine Freude ist: »Oile sagte, sie hätte es von Kaninchen gehört, und Kaninchen sagte, es hätte es von Ferkel gehört, und Ferkel sagte, so richtig hätte es gar nichts gehört…« und so weiter und so fort, rumpeldipumpel.

Pu auf Deutsch klingt natürlich immer wie Harry Rowohlt für Fans. In Pu- Büchern, die Harry Rowohlt übersetzt hat, finden sich zuverlässig Lieblingswörter, die man sammeln möchte, so auch in diesem Buch, Wörter wie pfosteln oder kabolzen. Und doch. In den Sätzen des Ursprungs- Pu war typischerweise alles Überflüssige bis auf die Knochen runtergeschabt, was den Lauten, die aus einem Harry-Rowohlt-Bart genuschelt, gezischt und gegrummelt kamen, einen großen Hallraum gab. Benedictus war das wohl zu kahl, weshalb er auf diese Bühne liebliche Landschaften zauberte, rieselnde Bächlein etwa, rankendes Efeu, wallende Nebel hinzufügte. Das mag Mark Burgess ermutigt haben, sehr vieles dazuzukritzeln. Er hat aus Kaninchen eine Hasensippe gezüchtet sowie ein Wiesel, das mit Perlenkette und Diamantendiadem dahergetanzt kommt. Während Milne kleine absurde Episoden aus kleinen absurden Dialogen gezaubert hatte, bedient sich Benedictus aus der großen Klamottenkiste der zeitgenössischen Konflikte, da wird über gesunde Ernährung gezankt, und die Klimakatastrophe schwappt in die Handlung rein und wieder raus. Burgess hat Pu ein warnendes Bäuchlein verpasst, vielleicht auf Rat der Kinderärzte Großbritanniens, die stets vergeblich vor zu viel Süßigkeiten warnen. Christopher Robin hat den Friseur gewechselt, aus dem eleganten Bob der dreißiger Jahre ist ein geföhnter Wuschelkopf geworden.

Alles nicht so schlimm. Man streift durch diese Seiten auf der Suche nach was, ja, Erinnerungen vermutlich und fühlt sich fremd, bis dann ein paar vertraute Töne kommen, »Guten Morgen«, sagt Ferkel etwa, und I-Ah sagt: »Ein frommer Wunsch, aber er wird nicht in Erfüllung gehen«, und das tröstet dann ein wenig und erinnert einen daran, wo der echte Pu im Regal steht und dass man den mal wieder hervorholen sollte, ja, das sollte man. Unbedingt.

 
Leser-Kommentare
    • th
    • 07.10.2009 um 14:38 Uhr

    schon eine andere, die mir besser gefallen hat (beim Cecilie Dressler Verlag ?).
    Die Gedichte waren sehr schön übersetzt bzw. nachgedichtet - weniger holprig als bei Harry Rowohlt -, der Wald hieß Hundert-Morgen-Wald, und der kleine Junge hieß Christoph Robin.
    Leider ist diese Übersetzung nicht mehr erhältlich. Laut einer Rezension bei Amazon.de waren die Übersetzer "Schiffer/Lehrburger/Torris".

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