Der erste junge FDP-Politiker wünscht sich mehr Teilzeitbeschäftigte in seinem Ministerium. »Am liebsten wäre mir ein Staatssekretär oder Abteilungsleiter, der wegen seiner Kinder eine Drei- oder Viertagewoche macht«, sagt Philipp Rösler, der Superminister für Wirtschaft und Arbeit in der Landesregierung von Niedersachsen.

Der zweite schreibt Essays über »gefühlte Gerechtigkeit« und einen »neuen sozialen Konsens«. Er zitiert dabei gern den britischen Soziologen Anthony Giddens, ausgerechnet. Den hatte einst schon die Schröder-SPD wegen seiner Ideen für einen »Dritten Weg« zwischen Markt und Staat verehrt. »Es ist ein Alarmzeichen, dass immer mehr Menschen in Deutschland meinen, es gehe nicht gerecht zu«, sagt Christian Lindner, der Generalsekretär der nordrhein-westfälischen FDP und jetzt auch neuer Abgeordneter im Bundestag.

Der dritte jungen Liberale hat sich das Motto »Leistung statt Herkunft« als heimliche Überschrift für die schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen zurechtgelegt. »Chancengleichheit und Bildung sind die wichtigsten Reformthemen für die FDP«, sagt Daniel Bahr, Gesundheitsexperte der Liberalen und ebenfalls ein Mitglied des Bundestages.

Rösler, Lindner und Bahr verkörpern die Zukunft der FDP – auch wenn sie manchmal fast reden wie Sozialdemokraten. Elf Jahre Opposition und viele Debatten über die Spaltung zwischen Arm und Reich haben die Partei verändert, und am deutlichsten merkt man das den Jungen an. Sie wollen nicht weniger Reformen als die Alten, aber sie reden anders darüber. Inhaltlich, aber vor allem rhetorisch hat die FDP in den vergangenen Jahren aufgerüstet.

Rösler, Lindner und Bahr sind erst Anfang oder Mitte dreißig – aber sie sind schon lange im Geschäft. Sie sind noch nicht mächtig genug für einen sicheren Posten in Angela Merkels neuem Kabinett – aber bedeutend genug, um jetzt bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin mitzureden.

Auf die Posten in der neuen Regierung mögen jetzt andere warten, die Älteren: der Finanzexperte Hermann Otto Solms, die frühere Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und natürlich Parteichef Guido Westerwelle. Aber Rösler, Lindner und Bahr können etwas sagen zur Zukunft des Sozialen in einem schwarz-gelb regierten Land.

Welchen Sozialstaat will die FDP? In ihren Programmen erscheint die Antwort klar, da fordern die Liberalen weniger Staat, weniger Kündigungsschutz, weniger Umverteilung. Doch wie wichtig ist es ihnen, solche Vorstellungen zum Sozialstaat nach dem Wahlerfolg auch durchzusetzen?

Noch nie haben diese Fragen einen Wahlkampf so geprägt wie in diesem Jahr, was allerdings nicht an den Liberalen selbst lag. SPD, Linkspartei und Grüne machten die Warnung vor dem Sozialabbau durch eine schwarz-gelbe Koalition zu ihrem wichtigsten Thema; mancher Sozialdemokrat sprach darüber mehr als über das eigene Programm.

Selbst wichtige Unionspolitiker wie der CSU-Chef Horst Seehofer taten so, als müsse man den Bürger vor dem angeblichen »Wunschpartner« FDP und seinen Deregulierungsplänen schützen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und sein Arbeitsminister Josef Laumann kündigten sich für die Koalitionsverhandlungen in Berlin an, um »Zumutungen« und »Grausamkeiten« zu verhindern.

»Wir sind die Unsensiblen, die Eiskalten, die Leute aus der Champagneretage – immer noch und immer wieder«, sagt Christian Lindner. Er hat schon einige Wahlkämpfe mitgemacht – aber noch nie einen, in dem ihm selbst und seiner Partei nicht soziale Kälte vorgeworfen wurde. Das ist wohl der Grund, weshalb Lindner die Erfolge der Arbeiterwohlfahrt bei der Kinderbetreuung preist und Rösler in Interviews oft über Begriffe wie Heimat oder Familie spricht.