Auch im virtuellen Raum sollte man die Liebe ernstnehmen

Die Frage:Linda und Julian studieren beide und sind seit zwei Jahren zusammen. Julian spricht oft davon, dass ihre Beziehung ein Leben lang halten soll und sie bestimmt noch mit 75 Jahren gemeinsam auf einer Parkbank säßen. Aber Linda hat ihre Zweifel. Eine Freundin erzählte ihr, Julian gebe sich auf der Internetplattform Friendscout weiterhin als Single aus. Als Linda Julian darauf anspricht, sagt er, das Profil sei alt, er habe es schlichtweg vergessen und werde es löschen. Aber Linda ist misstrauisch geworden, sie googelt ihren Partner und entdeckt, dass er sich erst vor Kurzem im Forum Myspace.com angemeldet hat – und als Beziehungsstatus wiederum Single angegeben hat. Sie fragt sich: Warum will er für fremde Menschen ungebunden erscheinen? Soll sie ihn damit konfrontieren?

Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Es gibt viele Sprichwörter zu diesem Thema. Meine liebste Version stammt aus Italien: »Man kann nicht das Fass voll und die Frau betrunken haben!« Linda hat das schneller verstanden als Julian. Die Praxis der Beratung zeigt, dass Männer oft Probleme haben, den Anschein von Freiheit und Unabhängigkeit aufzugeben. Ich habe sogar von einem Ehemann gehört, der zum Ärger seiner Frau ihr die Hand entzog, als sie auf der Hochzeitsreise in Venedig bummelten, »weil das so verheiratet aussieht«! Das bedeutet natürlich nicht, dass Männer unabhängiger sind. Es spricht im Gegenteil für größere Ängste vor Abhängigkeit. Linda sollte Julians Singledemo im virtuellen Raum weder dramatisieren noch versäumen, ihm klarzumachen, wie kränkend das für sie ist.

Wolfgang Schmidbauer, 68, ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Sein Buch zu dieser Kolumne ist soeben erschienen: "Lässt sich Sex verhandeln?", Gütersloher Verlagshaus 2009