Brasilien Freudentränen eines Tintenfisches

Jetzt auch noch Olympia in Rio: Brasiliens Präsident Lula da Silva verkörpert den Aufstieg seines Landes

Selbstbewußt: Brasiliens Präsident Lula

Selbstbewußt: Brasiliens Präsident Lula

Jetzt ist er da, der Moment, auf den sie so lange gewartet haben. Wie oft wurde er ihnen schon versprochen? Kaum ein Aufsatz und kein Reiseführer, in denen Stefan Zweig nicht bemüht worden wäre. »Brasilien ist das Land der Zukunft.« Jahrzehntelang war der Satz zu hören – ohne dass sich die goldene Zukunft wirklich einstellen wollte. »Brasilien ist ein unseriöses Land«, urteilte einst der französische Präsident Charles de Gaulle. Gefangen im kolonialen Erbe, verstrickt in Schuldenkrisen – ein scheinbar ewiges Schwellenland.

Und dann ist die Zukunft plötzlich da, und der brasilianische Präsident weint. Tief drückt er das Gesicht ins Taschentuch, als das Internationale Olympische Komitee am vergangenen Freitag entschied, die Olympischen Spiele 2016 an Rio de Janeiro zu vergeben. Brasilien wird damit als erstes lateinamerikanisches Land überhaupt die Spiele ausrichten, die es, so sieht das zumindest der Präsident, »von einem zweit- zum erstklassigen Land aufwerten«.

Anzeige

Die Präsidententränen haben daheim niemanden überrascht. Luiz Inácio »Lula« da Silva, den das Volk nach seinem Spitznamen Lula (»Tintenfisch«), einer Koseform von Luiz, ruft, gilt als emotionaler Mann. Er weint des Öfteren, etwa wenn er von seiner Mutter spricht, die seinen sagenhaften Aufstieg nicht mehr erleben durfte. Die wenigsten Brasilianer nehmen ihm das übel. Außerdem war an jenem Tag alles egal und alles drin, Ausnahmezustand, denn es waren ja nicht nur die Spiele, die bejubelt werden wollten. Der Aufstieg hatte sich angekündigt, bereits zu Anfang dieses Jahrzehnts. Wann hatte es begonnen?

2001, als die Analysten von Goldman Sachs weissagten, dass Brasilien, Russland, Indien und China (die sogenannte Bric-Gruppe) 2050 die Weltwirtschaft bestimmen würden? Oder im Herbst vor zwei Jahren, als die Mächtigen der Welt entschieden, dass die G8 durch die G20, der auch Brasilien angehört, ersetzt werden sollten? Oder vor Kurzem, als Brasilien riesige Öl- und Gasvorkommen vor seiner Küste entdeckte?

Niemand aber verkörpert den behutsamen Aufstieg des Landes besser als sein Präsident. Hätte man der Bäuerin Eurícide Ferreira de Mello bei der Geburt ihres siebten Kindes vor knapp 64 Jahren gesagt, dass ihr Sohn einmal Präsident werden würde, hätte sie es wohl für einen schlechten Scherz gehalten. Das Präsidentenamt war etwas für die Zöglinge der mächtigen Elite, die zehn Prozent der Brasilianer, die 50 Prozent des Reichtums unter sich aufteilen, und nicht für Habenichtse wie sie. Einen Monat vor Lulas Geburt hatte sich der Vater in den Süden aufgemacht, um Arbeit zu suchen, ihr Flecken Erde im Sertão, im trockenen Hinterland Pernambucos im Nordosten des Landes, gab schon lange nicht mehr genug für alle her. Eurícide Ferreira wusste, dass sie dadurch zu einer »Witwe der Trockenheit« wurde. Was sie nicht wusste, war, dass sich ihr Mann mit ihrer jüngeren Cousine auf den Weg gemacht hatte, um eine zweite Familie zu gründen.

Jahre nachdem er gegangen war, verkaufte Lulas Mutter Uhr, Esel und Heiligenbilder für einen Platz auf einem der Lkw, die in Richtung Süden fuhren. Eurícide ließ sich mit ihren Kinder in São Paulo nieder, alle mussten mit für den Lebensunterhalt sorgen. Lula putzte Schuhe und verkaufte Früchte, eine Aufgabe, für die er aufgrund seiner Schüchternheit denkbar ungeeignet war. Sein älterer Bruder schlug ihn, damit er seine Ware lauter anpries. Erst im Alter von zehn Jahren lernte Lula lesen, mit 15 Jahren heuerte er in einer Schraubenfabrik an und wurde bald Maschinenschlosser.

Es waren die Jahre der Militärdiktatur, als sich Lula zum Gewerkschaftsführer wandelte. Seine Schüchternheit legte er nur langsam ab, er war kein geborener Redner, kein großer Verführer, sondern einer, der durch Üben lernte. Inzwischen spricht er gern zum Volk, mit Bassstimme und leisem Lispeln, und es gibt wohl kaum einen Sachverhalt, zu dem ihm keine Fußballmetapher einfallen würde.

Marxistische Intellektuelle schlossen sich damals den Arbeitern an, Lula waren Ideologien ziemlich egal. Auf die Frage, ob er Marxist, Sozialist oder Sozialdemokrat sei, antwortete er stets: »Ich bin Dreher.« In den achtziger Jahren, einer Zeit wirtschaftlicher Spannungen und politischer Liberalisierung, gründeten Lula und seine Mitstreiter die Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores (PT). 1982 brachte die Schuldenkrise das Land an den Abgrund, die Inflationsrate stieg auf mehr als 1000 Prozent. Drei Jahre später kehrte Brasilien zur Demokratie zurück, doch sollte das Land noch lange unter hohen Inflationsraten leiden, bis es dem späteren Präsidenten Fernando Henrique Cardoso 1994 mit seinem Plano Real gelang, die Wirtschaft zu stabilisieren.

Dreimal kandidierte Lula erfolglos für das Präsidentenamt, bis er 2002 mit 61,3 Prozent der Stimmen gewann. Zum ersten Mal saß in einem Land, in dem der Reichtum so ungleich verteilt ist wie in wenig anderen Ländern der Welt, ein Arbeiter auf dem Präsidentensessel. Das Volk jubelte, die Investoren brachen in Panik aus. Ein Linker als Präsident, noch dazu einer, der über wenig Schulbildung und noch weniger politische Erfahrung verfügte! Nur eine Amtszeit lang hatte er im Landtag gesessen, eine Zeit, die er selbst als langweilig bezeichnete.

Lula überraschte die Finanzwelt, indem er die stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik seines Vorgängers Cardoso fortführte und gleichzeitig umfassende Sozialprogramme auflegte. »Konservativ in der Wirtschaftspolitik, mutig in der Sozialpolitik«, lautet sein Motto. Im Grunde ist Lulas Sozialplan ein konservativer Klassiker: Wirtschaftswachstum und mehr Jobs. Damit hat er einige vergrätzt, die schneller mehr Wandel wollten, immerhin aber gelang es ihm, einige Millionen Menschen aus der Armut zu holen. Lebten 1990 noch 48 Prozent der 195 Millionen Brasilianer von weniger als zwei Dollar am Tag, waren es 2006 33 Prozent. »Das Neue ist, dass wir keinen Lula-Plan auflegen werden«, sagt der Präsident. »Brasilien braucht nicht schon wieder einen Präsidenten, der einen neuen Plan entwirft, ein wenig Erfolg damit hat und uns dann zehn Jahre später mit der Rechnung zurücklässt. Wir wollen es nachhaltig machen. Jeden Tag kommen wir ein paar Zentimeter voran, ganz ohne Wunder.« Sein Pragmatismus beschert dem Präsidenten im siebten und letzten Jahr seiner Amtszeit (die Verfassung verbietet es ihm, zum dritten Mal in Folge wiedergewählt zu werden) nicht nur Zustimmungsraten von 77 Prozent, er prägt auch seine globalen Ambitionen.

Lula kann mit George W. Bush genauso wie mit Hugo Chávez, selbst Barack Obama bekennt: »Ich liebe diesen Kerl.« Brasilien streckt überallhin seine Fühler aus. Entwickelt Satelliten mit China, baut Fabriken für Aids-Generika in Afrika, verhandelt mit Iran und streitet gemeinsam mit Deutschland, Japan und Indien für eine Reform der Vereinten Nationen. Es leitet die Friedensmission in Haiti, kämpft mit Südafrika und Indien für ein gerechteres Welthandelssystem und hat sich angeboten, im Nahostkonflikt zu schlichten. Vor allem aber hat Brasilien, traditionell eher den USA und Europa verbunden, die Vermittler- und Führungsrolle in Südamerika übernommen.

Das Eigenartigste ist, dass sich niemand daran zu stören scheint. Für gewöhnlich wird der Aufstieg eines Landes von anderen mit Argwohn betrachtet. Auch China hat die Olympiade bekommen, doch was gab das für eine Aufregung! China ist vielen zu groß und zu schnell, Venezuela zu laut, Iran zu furchteinflößend. Brasilien fehlt all das: Es bewegt sich langsam, behutsam, gleichsam auf Samtschuhen.

Jetzt muss es Brasilien nur noch schaffen, friedliche Spiele auszurichten. Einfach wird das nicht, im Schnitt wird in Rio alle dreieinhalb Stunden ein Mensch ermordet. 2016 könnte Lula übrigens noch Präsident sein. Er möchte bei den Wahlen 2014 wieder antreten.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leser-Kommentare
  1. .. die erste Olympiade Lateinamerikas wird das nicht sein, das war Mexiko 1968.

  2. ist von Ölimporten unabhängig und hat der Weltbank und dem IWF den Kampf angesagt - zufall?

  3. Wachstum kann man auch mit Steuererhöhunbgen für die Ober- und Mittelklasse sowie Erhöhung und Einführung von Sozialleistungen erreichen. Eine strenge Regulierung des Bankenwesens hat auch nicht geschadet.

    • keter
    • 12.10.2009 um 12:05 Uhr

    Man sollte zuerst Rassismus dort bekämpfen.

    • joeoxa
    • 22.11.2009 um 21:38 Uhr

    Interesant ist ein Vergleich zwischen den beiden "sozialistischen" Präsidenten Lula und seinen Kollegen Hugo Chavez aus Venezuela. Während Lula es offenbar schafft dieses große Land mit all seinen Unterschieden und Problemem vorran zu bringen, besteht die Gefahr das Chavez einen Krieg mit Kolumbien anzetteln möchte, um under anderen auch von eigenden Problemem in seinen Land abzulenken.

    Im Gegensatz zu Lula, dem Arbeiterkind, Metallarbeiter Gewerkschaftler, etc... handel es sich bei Chavez um einen "Matcho" - Militär, oder wie er von sich selbst sagt "einfachen Soldaten". Offenbar schafft er es nicht sein Land zu vereinigen und sozial und wirtschaftlich vorran zu bringen. Im Gegensatz, die sozialen und wirtschafltlichen Spannungen, etc... vertiefen sich in Venezuela!

    Im totalen Gegensatz zu Lula ist Chavez "der einfache Soldat" eine Gefahr für sein Land, seine Nachbarn und den Lateinamerikanischen Kontinent!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service