Cecilia Bartoli gehört zu den klügsten und erfolgreichsten Sängerinnen unserer Zeit © Universal

Cecilia Bartoli ist eine kühne Frau. Keine Sängerin ihres Ruhms mutet der Musikindustrie ein dermaßen exzentrisch selbstbestimmtes Repertoire zu. Schon ihre Versuche, Salieri zu rehabilitieren oder Maria Malibran, die berühmteste Primadonna des Belcanto, wieder ins Gedächtnis zu rufen, waren ein, wenngleich von Erfolg gekröntes, Risiko. Indes war Salieri aus der Mozart-Legende gut bekannt, und im Falle der Malibran konnte sie auf die populären Werke Bellinis, Donizettis zurückgreifen. Was aber soll man von ihrem jüngsten Unterfangen halten? Eine CD mit nahezu unbekannten Arien nahezu unbekannter Barockkomponisten, die meisten davon zum ersten Mal für Tonträger aufgenommen, einige nach Jahrhunderten zum ersten Mal überhaupt aus dem Notenschlaf gerissen.

Wer kennt Antonio Caldara oder Leonardo Vinci? Gerade noch Nicola Porpora dürfte als Konkurrent Händels in London manchen ein Name sein oder Carl Heinrich Graun als Hofkomponist Friedrichs des Großen. Aber wer verbindet eine Musik mit ihnen, die den Mund wässert? Wer erwartet gierig eine Leckerei von Francesco Araia oder Leonardo Leo und dankt es der Bartoli, dass sie ihnen noch einmal die Chance gibt? Indes waren das einstmals große Stars des internationalen Opernbetriebs, sie haben in Neapel und Wien, Dresden und London neben Scarlatti, Hasse, Händel brilliert. Vor allem aber wurden sie von den größten Sängern des 18. Jahrhunderts gesungen, den gefeierten Kastraten Farinelli, Salimbeni, Porporino, Caffarelli.

In Neapel wurden Kastratensänger für ganz Europa ausgebildet

Ihnen hat Cecilia Bartoli die Platte gewidmet und vielleicht darum vermieden, dass berühmte Komponistennamen ihren Glanz verdunkeln. Porpora ist mit doppeltem Recht vertreten: Er war nicht nur der Komponist, sondern der größte Gesangslehrer der Kastraten und nicht zufällig ein Neapolitaner. In Neapel stand, man muss es wohl so sagen, die größte Fertigungsstätte dieser im Kindesalter verstümmelten Sänger, ein paar Tausend im Jahr waren es Anfang des 18. Jahrhunderts, die von den Ärmsten der Armen unter das Messer geliefert wurden, in der sich nur selten erfüllenden Hoffnung auf Reichtum und Ruhm.

Sacrificium hat Cecilia Bartoli pathetisch ihre CD genannt, und gemeint ist das ungeheuerliche Opfer, das hier der Kunst gebracht wurde. Mit der brennenden Liebe, die sie für die Sänger der Vergangenheit empfindet, kann sie sich noch heute über die »päpstliche Heuchelei« ereifern, die dahinter stand. Der Vatikan hatte die Kastration einerseits verboten, andererseits gefördert, recht eigentlich provoziert: indem er den öffentlichen Auftritt von Sängerinnen untersagte. Wo aber sollten nun die Soprane und Mezzosoprane herkommen? Das Barock, das für die Melodiestimme auch in der Instrumentalmusik die hohe Lage bevorzugte, hätte erst recht in der Oper für Heldenrollen niemals Tenöre oder Bässe geduldet. So füllten sich sogar die vatikanischen Ensembles nach und nach mit Kastraten.

Indes hat Sacrificium auch einen Doppelsinn: Noch heute sind wir Nutznießer des Opfers, insofern wir niemals zu den Werken gelangt wären, die heute wieder Publikumsmagnete sind, wenn die Komponisten nicht von den Möglichkeiten der Kastraten angeregt worden wären. Sie kamen Frauenstimmen in der Virtuosität gleich, übertrafen sie aber in Kraft und Volumen und wurden so zum Opernstandard auch außerhalb der vatikanischen Frauenverbotszone. Wenn aber den Opernhäusern keine Kastraten zu Verfügung standen, ersetzte man sie nicht, wie es heute gerne geschieht, durch männliche Countertenöre, »die hat es damals auch gegeben«, wie Bartoli sagt, sondern durch Frauenstimmen. Insofern hat Bartoli die historische Praxis auf ihrer Seite, wenn sie die Rollen übernimmt – und auch, wenn sie dabei nicht eigens ein »männliches Timbre« erzeugt. Die barocke Opernästhetik, die sie bestens kennt und gerne referiert, war nicht auf Mimesis aus; es ging nicht darum, einen Feldherrn oder Herrscher auf der Bühne darzustellen, sondern im Gesang das Gefühlsleben der Helden zu spiegeln.

Bei der Bartoli ist die Koloratur das eigentliche Medium des Ausdrucks

Und das kann sie. Wenn es etwas gibt, was die Bartoli vor allen Dingen beherrscht, dann der barocken Musizierweise auch die barocke Spannweite der Gefühle zu geben, das Rasen, das Schmachten, die maßlose Verzweiflung. Trotzdem glaubt man ihr sofort, und nach Lektüre der Noten erst recht, wenn sie zugibt, hier an die Grenze ihrer Möglichkeiten gegangen zu sein. Cecilia Bartolis Stimme ist weder besonders laut noch von staunenswertem Umfang; auf keinen Fall ist sie eine der singenden Kampfmaschinen, die in der Vergangenheit oft die großen männlichen Sopran- oder Mezzopartien der Opere serie gestaltet haben, Marilyn Horne den Tancredi Rossinis mit brachialer Energie oder Joan Sutherland die Helden Händels in den Opernaufnahmen der sechziger Jahre. Damals wurde, wie Bartoli gerne süffisant sagt, Barock noch im Geiste Puccinis interpretiert.