Cecilia Bartoli Bella NapoliSeite 2/2
Man staunt, dass sie sich an Arien wagt, in denen sie es mit Bläsersatz, gar Hörnern aufnehmen muss. Es sind ja dies die Stücke, an denen regelmäßig auch die allzu leisen Stimmen der Countertenöre scheitern. Indes darf man die Wucht der schieren Persönlichkeit nicht unterschätzen. Cecilia Bartoli macht mit Temperament, mit Beweglichkeit, Expression, vor allem ihrer sensationellen Koloraturengeläufigkeit mühelos wett, was ihr an Volumen fehlt. Wer sich jemals gefragt hat, was der Exzess an Verzierungen, in dem sich die Barockoper gefiel, über die Sensation hinaus zur Kunstwirkung beigetragen hat, kann es bei ihr lernen.
Bei der Bartoli ist die Koloratur das eigentliche Medium des Ausdrucks. Bei ihr und fast nur bei ihr kann man hören, was die großen Stars der Barockzeit aus den Arien herausgeholt haben, nämlich nicht nur leere Brillanz und bloß dekoratives Trillern, sondern ein Maximum an Emotion. Die Bartoli kann füllen, was die überlieferten Partituren offenlassen, und zwar nicht nur durch Einfühlung und Kunstgeschmack.
Mit diesen natürlich auch. Man könnte eine Eloge auf ihren schwindelsicheren Geschmack dichten, der sich im Rahmen des historisch Plausiblen mit äußerster Freiheit bewegt. Vor allem jedoch weiß sie genau, was sie zu singen hat. Cecilia Bartoli ist unter den Sängern, was Harnoncourt unter den Dirigenten ist, eine Expertin des Originalklangs und der historischen Aufführungspraxis. Sie hat studiert, was immer die Quellen über den Gesang des achtzehnten Jahrhunderts preisgeben. Sie weiß, was man damals konnte, was man wollte, worauf die Komponisten zielten und woran sich das Publikum delektierte. Auf ihrer CD findet man die legendären Wutausbrüche (Porporas In braccio a mille furie, Araias Cadrò, ma qual si mira), das in sich versunkene Gebet (Caldaras Profezie, die mi diceste), die abgründige Abschiedstrauer (Porporas Parto, ti lascio, o cara), das Imitationsstück, das die Stimme nachtigallengleich neben einer Flöte trillern lässt (Porporas Usignolo sventurato).
Neben allem anderen ist die CD auch eine Verbeugung vor der neapolitanischen Musik, nicht nur vor den neapolitanischen Kastraten. In Neapel entwickelte sich jene neue Einfachheit und volkstümliche Melodik, die mitten im Hochbarock schon die Empfindsamkeit der Vorklassik vorbereitete. Wer die venezianische Oper (von der die Bartoli schon eindrucksvolle Stücke Vivaldis gegeben hat) mit der neapolitanischen vergleicht, erkennt sofort, wie viel gelehrte Verzwicktheit hier abgeworfen wurde und warum es Neapel war, das den Opernstil des 18. Jahrhunderts definierte, der auch der Händels war und der Stil Paisiellos ebenso wie Mozarts wurde.
Das alles demonstriert diese Aufnahme. Cecilia Bartoli ist nicht nur eine Virtuosin, sie ist eine der intelligentesten Sängerinnen unserer Zeit und bietet vielleicht darum erst höchsten Genuss. Ihr Selbstvertrauen, das kann man jetzt schon sagen, ist an dem Wagnis der barocken Kraftarien noch einmal gewachsen. Schon traut sie sich Neues zu, vor dem sie noch kürzlich zurückschreckte: den emanzipierten Männerschreck der Isabella aus Rossinis Italiana in Algeri zu singen. Sagt sie jedenfalls und lacht: Denn das ist es natürlich, was ihr vorschwebt, mit dieser einzigartigen Explosion von Frechheit und männlicher Überlegenheit aufzutreten – aber nun als Frau in einer Frauenrolle.
Sacrificium – La Scuola dei Castrati
Cecilia Bartoli, Il Giardino Armonico, Ltg: Giovanni Antonini (Decca/Universal 4781521)
Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio
- Datum 27.10.2009 - 15:34 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren